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Veröffentlicht: 16.05.2017, 09:06 Uhr

EKD-Ratsvorsitzender Wie politisch darf die Kirche sein?

Im Rückblick gilt die Einmischung der Kirche in die Politik oft als verdienstvoll. Äußern sich Vertreter der Kirche zu Gegenwartsfragen, treffen sie auf Widerspruch. Der Vorsitzende der Evangelischen Kirchen sucht nach einer Antwort. Ein Gastbeitrag.

von Heinrich Bedford-Strohm
© Helmut Fricke Henrich Bedford-Strohm

Der Sprengstoffanschlag hatte das Pfarrhaus verwüstet, in dem die junge dreiköpfige Familie lebte. Ihr eigentliches Ziel aber hatten die Attentäter verfehlt. Martin Luther King, seine Frau Coretta und ihr zehn Wochen altes Baby Yolanda waren wohlauf. Freunde und Nachbarn versammelten sich, um das Recht in die eigenen Hände zu nehmen. Martin Luther King beruhigte die Menschenmenge und rief zu Besonnenheit auf. Nur gewaltfrei werde man die eigenen Ziele erreichen.

Zum Jahresauftakt 1956 erlebten die Vereinigten Staaten eine Welle gewalttätiger Radikalisierung von innenpolitischen Konflikten. Martin Luther King, ein baptistischer Geistlicher, wurde zum Gesicht eines gesellschaftlichen Umbruchs von historischem Ausmaß. Gewalt und Einschüchterungsversuche hielten ihn nicht davon ab, auch weiterhin mit großer Leidenschaft politisch zu wirken. In seiner Predigt am ersten Novembersonntag 1956 verlas er einen fiktiven Brief des Apostels Paulus an die Amerikaner: „Ihr seid das reichste Volk der Erde geworden, habt die größten Produktionsstätten aufgebaut, die je gesehen wurden. Das alles ist rühmenswert. Aber, Amerikaner, ihr könntet in Gefahr geraten, euren Kapitalismus zu missbrauchen.“ Und – so heißt es weiter in dem Brief: „Ihr müsst eure mächtigen wirtschaftlichen Ressourcen nützen, um die Armut aus der Welt zu vertreiben. Gott will nicht, dass ein Volk im Überfluss und Reichtum lebt, während andere nur die Armut kennen.“

Scharf ins Gericht geht Kings Paulus mit der Rassendiskriminierung: „Ich höre auch, dass es unter euch Christen gibt, die in der Bibel nach Gründen suchen, um die Rassentrennung zu rechtfertigen. Sie behaupten, der Neger sei von Natur aus minderwertig. Oh, meine Freunde, das ist Lästerung und widerspricht allem, was Christentum heißt.“

Aus radikaler Gottesliebe erwächst radikale Nächstenliebe – das drücken diese Worte aus. Menschen überspringen mit ihrem Gott tatsächlich Mauern und legen eindrucksvoll Zeugnis von ihrem christlichen Glauben ab. Martin Luther Kings Lebensweg inspiriert bis heute Menschen weltweit. Barack Obama legte seinen Amtseid auf einer Bibel Martin Luther Kings ab. Martin Luther King ist einer dieser epochalen Christenmenschen, die durch ihr öffentliches Wirken politische Realitäten verändert haben. Er ist fester Bestandteil des kulturellen und historischen Gedächtnisses der Menschheit: „I have a dream.“ Ein kurzer Satz vererbt von einer Generation auf die nächste immer wieder aufs Neue Hoffnung. Das können nicht viele andere Sätze.

Martin Luther als Kronzeuge für die Forderung nach politischer Enthaltsamkeit?

Für Menschen wie Martin Luther King oder Dietrich Bonhoeffer war unstrittig: Wer fromm ist, muss auch politisch sein. Angesichts des Skandals der Rassentrennung in den Vereinigten Staaten erscheint jedenfalls im Rückblick der politische Einspruch von Christen als über jeden Zweifel erhaben – wenn nicht sogar im Kampf gegen das Unrecht zwingend geboten. In der legitimierenden Rationalität der Retrospektive ist also das politische Engagement von Kirchen unstrittig und hochgeschätzt. Mitunter sogar wird es im Rückblick schmerzhaft vermisst. Das Schweigen oder sogar kriegerische Geifern von Geistlichen in den Weltkriegen erfährt zu Recht harte Kritik.

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