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Veröffentlicht: 27.04.2015, 14:37 Uhr

Deutschland Die tief zerklüftete Republik

War die Armut in Deutschland wirklich noch nie so ausgeprägt wie derzeit? Und die regionale Zerrissenheit noch nie so groß? Warum irreführende Armutspolemik niemanden weiterbringt.

von Professor Dr. Georg Cremer
© ddp

Die Alarmmeldung des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes hatte es in sich: „Noch nie war die Armut in Deutschland so hoch und noch nie war die regionale Zerrissenheit so tief wie heute. Deutschland ist armutspolitisch eine tief zerklüftete Republik“, hieß es jüngst. Seitdem ist der Armutsbericht 2014 in aller Munde. Er wird immer wieder mit Bildern obdachloser Menschen illustriert, das verfestigt den Eindruck eines Landes, das unter der Armut zu zerbrechen droht. Aber es regt sich auch Kritik. Der Bericht wurde inzwischen zur Unstatistik des Monats gekürt; dieser Titel wird von drei namhaften empirisch arbeitenden Wissenschaftlern verliehen.

Warum ist es sinnvoll, den Bericht exemplarisch für die Armutsdebatte in Deutschland genauer unter die Lupe zu nehmen? Sein Anliegen ist gut gemeint: Öffentlichkeit und Politik sollen für Armutsrisiken und Armutslagen sensibilisiert werden. Wie die anderen Wohlfahrtsverbände setzt sich der Paritätische für die Bekämpfung von Armut und Ausgrenzung ein. Aber auch ein Bericht, der „der guten Sache“ dienen will, muss darauf hin geprüft werden, ob er die Faktenlage trifft. Denn es fördert den sozialen Zusammenhalt nicht, wenn real bestehende Armutsprobleme in einer Weise skandalisiert werden, die nicht dem gerecht wird, was der Sozialstaat leistet. Diese Skandalisierung kann Abstiegsängste der Mittelschicht schüren, die Legitimität des Sozialstaats untergraben und den Blick verstellen auf politisch erreichbare Schritte, um die Situation von Menschen am Rande der Gesellschaft zu verbessern.

Zur ersten zentralen Aussage: „Noch nie war die Armut in Deutschland so hoch wie heute.“ Grundlage des Berichts sind Zahlen zu Armutsrisikoquoten. Diese messen den Anteil der Menschen, deren verfügbares Einkommen (genauer gesagt: deren Nettoäquivalenzeinkommen) niedriger ist als 60 Prozent des mittleren Einkommens (Medianeinkommen). Gewonnen werden die Daten im Zuge des Mikrozensus, einer repräsentativen Haushaltsbefragung, bei der jährlich ein Prozent der Bevölkerung zu ihren Lebensbedingungen um Auskunft gebeten wird.

Die Armutsrisikoquote ist ein Maß für die Verteilung der Einkommen mit Fokus auf untere Einkommensgruppen. Zwischen 2006 und 2013 (diesen Zeitraum deckt der neue Bericht ab) ist die bundesweite Armutsrisikoquote von 14,0 auf 15,5 Prozent gestiegen. So weit, so schlecht. Allerdings: Die Armutsrisikoquote auf Basis des Mikrozensus wird seit 2005 berechnet. Der Wert für 2005 betrug 14,7 Prozent, er wird im neuen Bericht der Parität nicht berücksichtigt. Über den Grund kann man nur spekulieren. Passt die Steigerung von 14,0 Prozent auf 15,5 Prozent nicht einfach besser in das Narrativ eines „tief zerklüfteten Landes“ als die Steigerung von 14,7 auf 15,5 Prozent?

Dennoch: Die Daten des Mikrozensus und auch andere Zeitreihen belegen, dass das an der 60-Prozent-Schwelle gemessene Armutsrisiko ebenso zugenommen hat wie die Ungleichheit bei der Verteilung der Einkommen. Nachdem die Armutsrisikoquote in den 1990er Jahren leicht rückläufig war, stieg sie zwischen 1998 und 2005 von weniger als elf auf etwa 14 Prozent stark an. Ursächlich hierfür war der deutliche Anstieg der Lohnungleichheit infolge des technischen Fortschritts, der geringer qualifizierte Erwerbstätige schlechterstellt, aber auch die zurückgehende Bindekraft der Gewerkschaften. Auch der Anstieg der Arbeitslosigkeit bis 2005 und die Steuerentlastung für mittlere und obere Einkommen durch die rot-grüne Koalition sind zur Erklärung dieses Anstiegs zu berücksichtigen.

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