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Deutschland : Berliner Mauer, anno 1952

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Bild: Picture-Alliance

1952 wird die Grenze der DDR zur Bundesrepublik geschlossen, um Flüchtlingen den Weg zu versperren. Die Berliner Sektorengrenzen bleiben offen. Ulbricht will auch diese schließen, er will die Mauer. Moskau weigert sich - 1952.

          Im Frühjahr 1952 bahnte sich in der DDR ein grundlegender Kurswechsel an. Deutschlandpolitisch hatte sich die SED bis dahin auf den „Kampf gegen die Remilitarisierung in Westdeutschland“ konzentriert. Pazifistische Strömungen blieben daher unbehelligt. Jetzt aber sollte sich die DDR an der forcierten Aufrüstung der osteuropäischen Volksdemokratien beteiligen, wie es der sowjetische Diktator Josef Stalin Anfang Januar 1951 befohlen hatte.

          Am 1. April 1952 verlangte Stalin von den SED-Führern Wilhelm Pieck, Walter Ulbricht und Otto Grotewohl, sie sollten die seit 1948 unter der Bezeichnung „Volkspolizei-Bereitschaften“ aufgestellten Militärkader zu einer Massenarmee von 30 Divisionen mit 300 000 Mann erweitern. Für den Aufbau dieser Nationalarmee sei zwar Zeit erforderlich, doch solle man so rasch wie möglich damit beginnen. „Je eher, desto besser.“ Das müsse aber „ohne Lärm, ohne Agitation“ geschehen. An die Stelle des seit 1945 propagierten Pazifismus solle der Wille zur „Verteidigung des sozialistischen Vaterlandes“ treten, schließlich seien Streitkräfte im Sozialismus etwas ganz anderes als Streitkräfte im Kapitalismus: Sie unterstützten das Lager des Friedens, nicht des Krieges.

          Die SED-Spitze war sich der Schwierigkeiten bewusst, die dieser Kurswechsel mit sich bringen sollte. Vor allem war sie sich darüber im Klaren, dass infolge der Aufrüstung mehr Menschen die Flucht in den Westen ergreifen würden. 1951 hatten 188 000 Personen der DDR den Rücken gekehrt, darunter viele qualifizierte Fachkräfte und Jugendliche. Wenn jetzt eine Armee aufgestellt würde, so war zu erwarten, dass sich junge Männer in großer Zahl dem Dienst mit der Waffe durch „Republikflucht“ entziehen würden.

          Stalins Lösung für das Problem hieß Schließung der Grenze. In einem zweiten Gespräch am 7. April 1952 erläuterte er Pieck auf die Frage nach den „Perspektiven der Entwicklung in Deutschland“ hin, Westdeutschland werde durch die bevorstehende Aufnahme in die Nato ein „selbständiger Staat“. Daher müsse auch die SED ihren „eigenen Staat organisieren“. Die Existenz beider Staaten mache die Demarkationslinie in Deutschland zu einer „gefährlichen Grenze“, deren Schutz verstärkt werden müsse. „In der ersten Linie dieses Schutzes stehen Deutsche, und in die zweite Linie dieses Schutzes werden wir sowjetische Truppen stellen.“

          Die Einzelheiten des neuen Kurses legte die Sowjetische Kontroll-Kommission (SKK) in Gesprächen mit der SED-Spitze fest. Zunächst wurde die kasernierte Grenzpolizei dem Minister für Staatssicherheit, Wilhelm Zaisser, unterstellt. Ministerpräsident Grotewohl erhielt derweil den Auftrag, zum Schutz der Grenze eine Reihe von Vorkehrungen zu treffen: Entlang des Grenzverlaufs sollte ein Kontrollstreifen von zehn Metern umgepflügt, Straßen- und Bahnverbindungen bis auf wenige Übergangsstellen unterbrochen und eine fünf Kilometer breite Sperrzone hinter der Grenze eingerichtet werden.

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