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DDR-Westgrenze : Ihr verdammten Schweine

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Bild: Picture-Alliance

Über die Einführung und den Abbau der tödlichen Splitterminen an der innerdeutschen Grenze entschied DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker souverän. Franz Josef Strauß profitierte davon.

          Beamte des niedersächsischen Zollgrenzdienstes hörten am Abend des 14. November 1972 kurz nach 20.00 Uhr zwei Explosionen. Drei Minuten später stiegen hinter der DDR-Grenze Leuchtkugeln auf. Die Zollbeamten eilten zum Grenzzaun und beobachteten gegen 20.20 Uhr das Eintreffen eines Suchtrupps der DDR-Grenztruppen aus Richtung Teistungen. Im Licht von Handscheinwerfern sahen sie, dass jenseits des Doppelzaunes ein Mann mit entblößten Beinen auf dem Boden lag, jedoch ohne Schmerzensäußerungen von sich zu geben. Ein DDR-Grenzsoldat rief: „Bleib liegen, Mensch.“ Dann leisteten mehrere Grenzsoldaten dem Verletzten Erste Hilfe, legten ihn auf eine Trage und brachten ihn zu einem weiter abseits stehenden Fahrzeug. Um 21.20 Uhr hielt ein Sanitätsfahrzeug der Grenztruppen vor dem Elisabeth-Krankenhaus in Worbis. Der Mann, der auf einer Bahre in das Gebäude getragen wurde, war tot. Es handelte sich um den 32 Jahre alten Molkereiarbeiter Leo Hoffmann aus Worbis.

          Eine Krankenschwester, die damals in Worbis Dienst getan hatte, sagte 1991 aus, sie sei vom dem Anblick des Toten so erschüttert gewesen, dass sie die Grenzsoldaten anschrie: „Ihr verdammten Schweine, warum müsst ihr denn den so zurichten?“ Sie hatte damals angenommen, dass „mindestens mehrere Magazine“ auf den Mann abgefeuert worden seien. Erst der hinzugekommene Chefarzt Dr. S. hätte sie darauf hingewiesen, dass die Verletzungen von Selbstschussanlagen stammten. Nach Aussage der Krankenschwester äußerte der Chefarzt angesichts des von fast 80 Splittern zerfetzten Körpers: „Man müsste jetzt ein Foto machen und dieses nach Salzgitter schicken.“

          Noch in der Nacht erschien ein Staatsanwalt im Krankenhaus und bedrohte die Krankenschwester wegen ihrer Äußerungen im Untersuchungszimmer. Er wies sie mehrfach auf ihre Schweigepflicht hin. Sie müsse mit einer Haftstrafe rechnen, wenn sie diese nicht einhalte. Die Staatsmacht hätte den längeren Atem. Später habe sie den Chefarzt noch brüllen hören: „Mit mir machen Sie das nicht. Ich verweigere die Unterschrift.“ Sie nahm an, dass es dabei um das Ausfüllen des Totenscheins ging. Der Arzt habe ursprünglich den „Tod durch Splitterverletzungen einer Granate“ bescheinigt. Dr. S. konnte nach der Wiedervereinigung nicht mehr befragt werden, da er bereits verstorben war. Auf dem von ihm unterschriebenen Totenschein ist zu lesen: „Tod durch stumpfe Gewalt“.

          Leo Hoffmann war das erste Todesopfer der Selbstschussanlagen vom Typ SM-70, die seit Ende 1971 an der DDR-Westgrenze installiert wurden. Diese Splitterminen wurden in unterschiedlicher Höhe an dem drei Meter hohen Streckmetallzaun befestigt und zündeten, sobald die davor gespannten Signaldrähte berührt wurden. Die etwa hundert scharfkantige Stahlsplitter wurden parallel zum Metallgitterzaun verschossen und fügten Flüchtlingen schwerste, wenn nicht tödliche Verletzungen zu. Bis zum Jahr 1984 starben insgesamt vierzehn Flüchtlinge durch die Todesautomaten, etwa 140 weitere wurden bei dem Versuch, aus der DDR zu fliehen, verletzt.

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