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Bundeswehr : Über Kameradschaft in der Bundeswehr – und ihre Erosion

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Massenmedial aufbereitete Skandale stellen für Organisationen immer ein Problem dar, weil plötzlich die vielfältigen „brauchbaren Illegalitäten“ ausgeleuchtet werden. Doch nicht stupides Durchsetzen der von oben verordneten formalen Erwartungen ist Führungsstärke, sondern kluges – oder gar weises – Urteilen mit Blick auf die Frage, wo die Grenze zwischen brauchbaren und für die Armee schädlichen Informalitäten liegt.

          Angesichts der Gewaltrituale bei der Soldatenausbildung in der Staufer-Kaserne in Pfullendorf, entwürdigender Strafmaßnahmen bei einem Gebirgsjägerbataillon in Bad Reichenhall und der absurd anmutenden Anschlagspläne eines Bundeswehrsoldaten, der sich als syrischer Flüchtling tarnte, könnte man sich schnell darauf einigen, dass es bei der Bundeswehr ein Führungsproblem gibt. Gestritten werden müsste dann lediglich darüber, wer für dieses Problem verantwortlich ist – die verschiedenen Führungsebenen der Bundeswehr, wie Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen regelmäßig wissen lässt, oder die CDU-Politikerin selbst, wie von Politikern anderer Parteien betont wird.

          Aber unabhängig davon, wer am Ende für die Skandale die Verantwortung tragen wird – es fällt auf, dass sich angesichts der Skandale alle überzeugt zeigen, dass in Armeen formal festgelegte Verhaltensstandards von oben nach unten durchgesetzt werden können. Wenn von diesen formalen Verhaltensstandards abgewichen wird, dann liegt nach diesem Verständnis die Lösung auf der Hand – noch bessere Schulung in Bezug auf das Regelwerk, noch intensivere Kontrolle der Einhaltung der Regeln, noch schärfere Sanktionen bei Verstößen. Übersehen wird jedoch, welche grundlegende Bedeutung für den Erfolg oder Misserfolg von Armeen die Ausbildung informaler Normen hat.

          Schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg führten die amerikanischen Militärsoziologen Edward A. Shils und Morris Janowitz die Kampfmoral deutscher Soldaten, die diese trotz der sich seit Stalingrad abzeichnenden Niederlage der Wehrmacht zeigten, auf Kameradschaftsnormen zurück. Nicht die ideologische Identifikation mit dem Nationalsozialismus, nicht die Freude am Töten, nicht die Bereicherungsmöglichkeiten, nicht der Zwang der Vorgesetzten, sondern das Pflichtgefühl gegenüber den in den gleichen Einheiten kämpfenden Soldaten hätten die Wehrmacht kampffähig gehalten.

          Kameradschaft ist eine spezifische Form von Kollegialität. Kollegialitätsnormen bilden sich in jeder Organisation heraus – bei McDonald’s, bei SAP, bei der Deutschen Bahn, in der Hamburger Stadtverwaltung oder dem Universitätskrankenhaus Göttingen. Normen gegenseitiger kollegialer Hilfe erleichtern es Mitgliedern der Organisation, ihre Arbeit gut zu verrichten, und minimieren das Risiko, entlassen zu werden. In einigen Organisationen – etwa in Armeen, Polizeieinheiten oder Feuerwehren – bildet sich Kollegialität in Form von Kameradschaft aus, weil hier bei der Ausübung des Berufs nicht nur die Rolle als Mitglied der Organisation auf dem Spiel steht, sondern die ganze Person. Schließlich droht immer die Gefahr, im Dienst schwer verletzt oder gar getötet zu werden.

          Sicherlich – faktisch sind Soldaten, Polizisten oder Feuerwehrleute nur selten lebensbedrohlichen Extremsituationen ausgesetzt. Ihr Alltag besteht zum ganz überwiegenden Teil aus Routinetätigkeiten, Übungen und stundenlangem Warten. Aber gleichwohl prägt die Möglichkeit, in eine lebensbedrohliche Situation zu geraten, ihren Erwartungshorizont. Nicht zuletzt durch das Gewicht der Ausrüstung, die fade Verpflegung, durch Hitze oder Kälte sowie Schmutz und Schlafmangel wird die Existenz dieser Bedrohung immer wieder präsent gemacht. Kameradschaft ist also ein notwendiges Mittel, um die Überlebenschancen zu erhöhen.

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