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Bildung : Zwist am Abgrund

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Bild: Architekturbüro Müller & Reimann

Vor achtzig Jahren führten wichtige Intellektuelle in der „Frankfurter Zeitung“ eine Debatte über die Frage „Gibt es noch eine Universität?“. Nicht nur die Frage ist heute so aktuell wie damals. Die Antworten sind es auch.

          Es war ein Zwist am Abgrund: Im November 1931 lancierte die „Frankfurter Zeitung“ auf ihrer Sonderseite „Für Hochschule und Jugend“ eine Serie mit dem provokativen Titel „Gibt es noch eine Universität?“. In den folgenden Wochen und Monaten wurden die Zeitungsseiten Schauplatz eines Streits zwischen Ernst Bloch, Theodor Haecker, Karl Jaspers, Siegfried Kracauer, Ernst Krenek, Emil Lederer, Alfred von Martin, Erich Przywara, Eduard Spranger, Paul Tillich und anderen. Diese Debatte wirkt heute ebenso nah wie fern, lebendig wie gespenstisch. Man hofft nicht zu viel, wenn man sich vom heftigen Hin und Her der Meinungen, die in den annähernd zwanzig Beiträgen zum Ausdruck kamen, Anregungen für die heutige Bildungsdebatte verspricht.

          • Es ist ein Erbübel der Universität, dauernd der Gefahr der Verknöcherung ausgesetzt zu sein. Es ist eine Lebensfrage für sie, diese Gefahr immer wieder zu überwinden.
            Richard Koch

          Und doch kann die Neugier, mit der man diese Serie wieder ans Licht zieht, nur beklommen sein. Im wichtigsten Feuilleton der Weimarer Republik wurde seinerzeit um Fragen gerungen, die sich gut ein Jahr später, als Hitler die Macht ergriff, auf brutale Art erledigt haben sollten. Die Stunde war damals nicht günstig für eine Debatte über Hochschulreform. Hermann Herrigel, der Redakteur der Hochschulseite, verwies schon 1931 auf die „heutigen abnormen Verhältnisse“. Die Mehrheit der Autoren wurde von den Nazis ins Exil getrieben. Ein Abgrund trennt die späte Weimarer Zeit von der Lage heute.

          Dieser Abgrund hat nicht nur politische, sondern auch statistische Dimensionen. Damals gab es in Deutschland etwa 100 000 Studenten, heute sind es 2,2 Millionen. Damals machten 3,3 Prozent eines Jahrgangs Abitur, heute sind es rund 50 Prozent. Angesichts dieser immensen Unterschiede können die Universitäten damals und heute eigentlich kaum mehr als ihren Namen gemeinsam haben. Und doch führt die alte Frage „Gibt es noch eine Universität?“ heute nicht ins Leere. Die Universität war schon damals ein Patient, der sich vor Behandlungen kaum retten konnte, die alten und neuen Ansätze zur Diagnose und Therapie ähneln sich auf verblüffende Weise.

          • Es wird sich also das ergeben, was sowohl dem Bildungsideal wie der modernen Statsidee auf das schäfste widerspricht, eine Zerreißung der gebildeten Volksschicht, wie sie nicht schroffer gedacht werden kann.
            Hans Fehr

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