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70 Jahre Kriegsende : Bonn und der 8. Mai

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Bild: dpa

Im Mai 1985 glänzte Richard von Weizsäcker mit einer großen Rede aus Anlass des Kriegsendes. Durch die damals als sensationell empfundene gesamtdeutsche Konsensformel „Tag der Befreiung“ gerieten Ansprachen anderer Politiker wie Theodor Heuss, Willy Brandt, Walter Scheel und Helmut Kohl in Vergessenheit. Eine Spurensuche.

          Nach dem Zweiten Weltkrieg erinnerten sich die beiden Teile Deutschlands über Jahrzehnte in offiziellen Verlautbarungen sehr gegensätzlich an den Untergang des Hitler-Reiches. Ost-Berlin beging den 8. Mai als „Tag der Befreiung“, einen Feiertag, bei dem sich das SED-Regime gegen die „faschistisch-imperialistische“ Bundesrepublik positionierte. Schon deshalb taten sich in Bonn Politiker schwer, eine Befreiungsperspektive einzunehmen: sie widersprach auch den Erfahrungen vieler Zeitgenossen. Das westdeutsche Gedenken verharrte in den Kategorien Zusammenbruch, Heimatverlust und Teilung des Landes, während die einzelnen Bundesregierungen sich zur Verantwortung für die Menschheitsverbrechen aus der nationalsozialistischen Zeit und zur „Wiedergutmachung“ bekannten.

          Ein alliiertes Kriegsziel, das deutsche Volk zu befreien, gab es übrigens nicht - obwohl der sowjetische Staats- und Parteichef Stalin im Tagesbefehl an die Rote Armee Ende Februar 1942 es als lächerlich bezeichnete, „die Hitler-Clique mit dem deutschen Volk, mit dem deutschen Staat gleichzusetzen“ („die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk und der deutsche Staat bleiben“). Die Anti-Hitler-Koalition hielt an der 1943 in Casablanca erhobenen Forderung nach „bedingungsloser Kapitulation“ der Achsenmächte Deutschland, Italien und Japan fest. Dazu stellte der britische Premierminister Churchill 1944 klar, dass eine bedingungslose Kapitulation nicht darauf hinausliefe, das deutsche Volk zu versklaven oder zu vernichten. Vielmehr seien „die Alliierten im Augenblick der Kapitulation den Deutschen gegenüber durch keinen Pakt und keine Verpflichtung gebunden“, sondern nur durch ihr „eigenes Gewissen der Kultur gegenüber“.

          Das Kriegsende in Europa wurde im Frühjahr 1945 doppelt besiegelt. Die erste bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht erfolgte am 7. Mai durch Generaloberst Alfred Jodl, den Chef des Wehrmachtführungsstabes, im Hauptquartier des amerikanischen Oberbefehlshabers Eisenhower in Reims. Aus Prestigegründen und aus Misstrauen gegenüber den westlichen Alliierten bestand Stalin auf einer zweiten Zeremonie, die Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, vor alliierten Generalen im sowjetischen Hauptquartier Karlshorst in der Nacht vom 8. Mai auf den 9. Mai um 00.16 Uhr vollzog.

          In Großbritannien und in den Vereinigten Staaten ist der 8. Mai als „Victory in Europe Day“ in das kollektive Gedächtnis eingegangen. Die Sowjetunion beging (wie heutzutage Russland) den 9. Mai als „Tag des Sieges“. In ihrem Herrschaftsbereich setzte sich die „antifaschistische“ Kampf-Formel vom „Tag der Befreiung“ durch, zumal Stalin noch im Mai 1945 versicherte, er beabsichtige nicht, „Deutschland zu zerstückeln oder zu vernichten“. Damit rückte er öffentlich von alliierten Teilungsplänen ab, die er im Februar 1945 auf der Konferenz von Jalta gutgeheißen hatte. Die aus dem Exil in Moskau nach Berlin eingeflogene kommunistische Gruppe Ulbricht konnte in der sowjetischen Besatzungszone bald gewaltsam Fuß fassen und unter formeller Wahrung der Selbständigkeit anderer Parteien, die den „Antifa-Block“ bilden mussten, das SED-Regime etablieren.

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