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Sittenverfall im Bankwesen : Ungehaltene Rede

  • -Aktualisiert am

Deutsche-Bank-Chef Ackermann vor Prozeßbeginn am 21. Januar 2004 Bild: dpa

Statt sich mit der herrschenden Lehre der öffentlich-rechtlichen Bankinstitute zu befassen, wollte der 84 Jahre alte frühere Chef der Westdeutschen Landesbank Poullain lieber über den Sittenverfall im deutschen Bankwesen sprechen. Doch dazu kam es nicht.

          Statt sich mit der herrschenden Lehre der öffentlich-rechtlichen Bankinstitute zu befassen, wollte der 84 Jahre alte ehemalige Chef der Westdeutschen Landesbank bei einem Festakt am vergangenen Freitag lieber über den Sittenverfall im deutschen Bankwesen sprechen - wozu es nicht kam. Wir dokumentieren die ungehaltene Rede eines ungehaltenen Mannes.

          Eigentlich hätte ich zum Thema „Landesbanken im Wandel der Zeiten“ zu Ihnen sprechen sollen - und auch gerne sprechen wollen. Doch dann wäre ich kaum umhingekommen, mich mit der herrschenden Lehre der Öffentlich-Rechtlichen streitbar auseinanderzusetzen. Und dies hätte zum Frevel an diesem hohen Feiertag werden können.

          So wählte ich „Bank und Ethos“, im Glashaus sitzend - habe ich doch selbst einmal in diesem Gewerbe gegen die Gebote des Ethos verstoßen, war darum auch angeklagt, zwar vom Kadi freigesprochen, dann jedoch meinem eigenen Urteilsspruch unterworfen. Ich hatte gefehlt. Und ich fand es gerecht, daß ich dafür meinen Tribut zu zollen hatte. So fühle ich mich frei, frei genug, die gegenwärtige Szene kritisch zu beurteilen. Dennoch werde ich mich hüten, allzu dicke Steine in die Hand zu nehmen; jedoch werde ich auch nicht nur Sandkörnchen gegen die Glasscheiben werfen.

          Selbstbewußt, sendungsbewußt: Josef Ackermann
          Selbstbewußt, sendungsbewußt: Josef Ackermann : Bild: AP

          Es geht mir nicht um aktuelle Ereignisse - auch wenn ich Begebenheiten als Beispiele für moderne Verhaltensnormen nennen werde. Das Thema ist zeitlos. Bereits mit der Gründung der ersten Bank war es akut. Zum Einstieg wähle ich den öffentlichen Auftrag - nicht den, den die öffentlich-Rechtlichen für sich beanspruchen, sondern den an die gesamte deutsche Kreditwirtschaft gerichteten Öffentlichen Auftrag, die Bürger dieses Landes mit ihren Dienstleistungen zu versorgen, und dies in redlicher Art.

          Redlich: welch schönes altes deutsches, welch treffendes Wort. Es beinhaltet Ehrlichkeit, Offenheit, Beflissenheit, Bereitwilligkeit, es bedeutet, gleichermaßen zu dienen wie zu leisten.

          Schon vor mehr als 200 Jahren hat Kant den Bankdienstleistern die moralischen Verhaltensnormen hierfür vorgegeben: „Man darf sich bei Vergehungen gegen die Redlichkeit niemals auf die Schwäche der menschlichen Natur berufen; denn in der Redlichkeit kann man vollkommen sein.“ Kant unterstellt also bei einer Verletzung des Gebotes der Redlichkeit den Vorsatz. Somit hat er damals bereits Knebelungsverträge, Zinswucher, Übervorteilung, Ausnutzung von Unwissen, Verführung Unkundiger, Mißbrauch von Macht gegenüber Abhängigen und was es auf diesem Gebiet noch an weiteren Unarten geben sollte, unter sein moralisches Verdikt gestellt.

          Anschwellender Bankgesang

          Ob neben erfolgreichem Wirtschaften auch moralische Prinzipien das Denken und Handeln eines in einer Bank Verantwortlichen leiten sollten, vor diese Frage fühlte ich mich erstmals gestellt, als Ende der sechziger Jahre die Schlagworte „Macht der Banken, Machtmißbrauch durch die Banken“ zu aktuellen Themen wurden.

          „Die Banken verfügen über eine große Macht. Sie wird im stillen ausgeübt. Also ist sie unkontrollierbar. Darum verführt sie zum Mißbrauch“, so lauteten die Thesen der damals Jungen und Wilden (heute bekleiden sie Ämter wie, beispielsweise, das des Bundeskanzlers). Sie forderten mehr Kontrolle über die Banken und, in ihrer Konsequenz, dann auch deren Verstaatlichung. Was macht man, wenn man so attackiert wird? Man entrüstet sich gebührend.

          Aber war es nicht wirklich Ausübung von Macht, über Kreditlenkung auf Industrie und Wirtschaft Einfluß zu nehmen, war es nicht stille Gewaltanwendung, in den von uns Bankleuten durchsetzten und bestimmten Aufsichtsräten die Richtung zu bestimmen?

          Die Attacken gegen die Macht der Banken wurden dann auch von Politikern, denen andere Mächtige neben sich dulden zu müssen lästig ist, allzugern aufgegriffen. Was ihnen jedoch mehr mißfiel, war das in den Banken angesammelte umfassende Wissen über die wirtschafts- und finanzpolitischen Zusammenhänge in unserem Land und die Bereitschaft, dieses Wissen den Bürgern ungeschminkt zur Kenntnis zu bringen, also fundierte Kritik zu üben. Solche Äußerungen trafen die Regierenden an empfindlicher Stelle. Denn es ist schon etwas grundlegend anderes, wenn gebündelter Sachverstand kritisch spricht, als wenn eine Opposition alles negiert, was eine Regierung sagt, macht oder unterläßt.

          Als ich von dem damaligen Ministerpräsidenten meines Landes - der schon vor geraumer Zeit verstorben ist - aufgefordert wurde, als Chef einer öffentlich-rechtlichen Bank, an der das Land Nordrhein-Westfalen maßgeblich beteiligt sei, kritische Äußerungen gegenüber der Wirtschaftspolitik des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt zu unterlassen, fühlte ich mich weniger in meinen Rechten beeinträchtigt als vielmehr an der Ausübung meiner Pflichten gehindert.

          So habe ich ihm dann geantwortet, daß er als Politiker das Grundgesetz, in dem mein Recht auf freie Äußerung meiner Meinung verbrieft sei, sicherlich besser kenne als ich. Was jedoch die Wirtschafts- und Finanzpolitik beträfe, fühlte ich mich als einer der Bestinformierten in unserem Lande. Wenn dann also ein Journalist mir eine Frage stellte, deren Beantwortung ich als wichtig ansähe, so würde ich es auch in Zukunft als meine Pflicht und zu meinen Aufgaben gehörend ansehen, diese mit öffentlicher Wirkung zu beantworten. Seine Replik: „Dann ist das Tischtuch zwischen Ihnen und mir zerschnitten.“ Das war dann so und blieb auch so.

          Seit jeher ist es unbequem, eine eigene Meinung zu haben; noch beschwerlicher kann es werden, wenn man sie auch von sich gibt. Der letzte unserer Zunft, der die hierzu nötige Courage noch aufbrachte, war Alfred Herrhausen. Seitdem äußern sich die Sprecher der Vorstände lieber nicht mehr öffentlich kritisch zu Fragen der Wirtschaftspolitik. So können sie sich des Wohlwollens der Mächtigen sicher sein. Ersatzweise werden Chefvolkswirte zum unverbindlichen Talk ins Fernsehen entsandt. Meines Erachtens gehört es aber zu den ethischen Pflichten der Bankherren, ihr Wissen und ihren kritischen Sachverstand zur Aufklärung schwieriger wirtschaftspolitischer Zusammenhänge zum Wohle der Bürger, die diese Vorgänge nicht zu deuten vermögen, offenzulegen, auch wenn sie damit den Regierenden auf die Füße treten und diese ihnen darob ihr Wohlwollen entziehen.

          Wir alle bewegen uns in der Strömung unserer Gesellschaft; dabei können wir uns von ihr treiben lassen, oder aber wir können uns ihr entgegenstemmen. Die Banken dümpeln träge mitten im Strom. Mich als Methusalem aus dem vergangenen Jahrhundert erschreckt, wie radikal und in welch hohem Tempo sich die Normen unserer Gesellschaft ändern - ich empfinde dies als moralischen Zerfallsprozeß.

          Anders als der 1945 aus dem Krieg heimkehrende geschlagene Soldat P., der es als Glück empfand, die Fesseln der Staatswirtschaft gegen die Freiheiten, die ihm der Kapitalismus bescherte, eintauschen zu können und sich darum auch seinem Land verpflichtet fühlte, nehmen sich die meisten Mitglieder unserer Gesellschaft nicht mehr als wesentliche Bestandteile unseres Staates wahr. Sie sind von Fördernden zu Fordernden geworden. Diese Denkungsart hat auch das einst hochangesehene Bankgewerbe erfaßt. Auch dort haben sich Wertmaßstäbe verschoben. Selbstverständlich nicht so derb und vordergründig wie im gemeinen Volke, sondern vornehm und auf hohem Niveau. Man nutzte in der Wirtschaft, also nicht nur bei den Banken, die Veränderungen auch als Chance, sich elitär zu gebärden.

          Noch nicht fällige Vertragsverlängerungen für Vorstände an einem Abend vor einer Hauptversammlung, auf der gravierende Fehlprognosen zur Diskussion standen, zu beschließen wird aktienrechtlich korrekt gewesen sein. Aber es war auch: instinktlos, taktlos, hoffärtig und arrogant. Daß einer aus unserer Branche hieran maßgeblich mitgewirkt hat, verletzte das Ethos unserer Zunft.

          In Düsseldorf stehen einige Herren der Wirtschaft, darunter auch ein Banker, vor dem falschen Gericht. Denn die im Strafgesetzbuch stehenden Texte können den Kern der Handlungen nicht werten. Kant: „Der Gerichtshof ist im Innern des Menschen aufgeschlagen“, und „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne“.

          Es entspricht den Standards unserer Gesellschaft, daß sie das Geld, das verteilt worden ist, in das Zentrum ihrer Kritik gerückt hat. Doch nicht die Höhe der Beträge bemißt das Übel. Das liegt vielmehr in der Art, wie die Herren die Sache gemacht haben und als ihr Recht betrachten, so gehandelt zu haben: Wie sie mit ihren vor der Brust verschränkten Armen den Einzug des Gerichts erwarten, dieses Bild tut weh.

          Uns in der Wirtschaft täte Demut zu empfinden, und sie mitunter auch zu zeigen, gut. Wir müssen nicht mit dem Kopf unter den Armen herumlaufen, aber ein Gespür dafür entwickeln, was in den Gemütern derer vorgeht, die nicht auf der Sonnenseite rechtssicherer Dienstverträge leben. Wir sind Pharisäer, wenn wir nur immer wieder auf den Mißbrauch sozialer Sicherungsinstrumente hinweisen, anstatt unser eigenes Tun selbstkritisch zu betrachten. Selbstkritische Gedanken scheinen einem Bankherren heute nicht mehr angemessen; das eigene Tun in Frage zu stellen - ich meine: vor sich selbst, nicht gegenüber dem Aufsichtsrat -, erscheint ihm als zinsloser Aufwand. Dabei hatten und haben wir so viele hervorragende Vorbilder!

          Wenn ich sage, die heute in den Banken Handelnden seien stromlinienförmiger geworden, könnte das falsch verstanden werden: als meinte ich, sie hätten die Fähigkeit erworben, sich schneller den Herausforderungen zu stellen. Doch ihre windschlüpfige Form nutzen sie lieber dazu, sich solchen Verpflichtungen zu entziehen. Ist es nur Lässigkeit, wenn sie sich scheinbar unbedacht über die Kreditwürdigkeit ihrer Kunden äußern? Hätte sich ein Hermann Josef Abs, der seinen Namen mit der ihm von uns Zeitgenossen zugestandenen Arroganz zu buchstabieren pflegte: „A wie Abs, B wie Abs, S wie Abs“, jemals dafür hergegeben, über einen Kunden Kreditschädigendes zu sagen?

          Auch zu seiner Zeit hätte er einen Anlaß finden können, mit einer kundenschädigenden Aussage der eigenen Bank einen Vorteil zu verschaffen. Aber eher hätte er einen materiellen Nachteil hingenommen, als die ethische Maxime, das Bankgeheimnis wie ein Beichtgeheimnis zu wahren, zu verletzen. Heute dagegen scheinen Mächtige unserer Zunft nichts Anrüchiges mehr dabei zu finden, wenn sie scheinbar beiläufig in einem fernen Land vor einer laufenden Fernsehkamera einem ihrer Kunden, der ihrer Zunft nicht nur durch Kreditvertrag, in dem gegenseitig Stillschweigen vereinbart worden war, verbunden ist, sondern der sich, wenn der Grundsatz von Treu und Glauben noch gelten sollte, ihr anvertraut wähnte, Schaden zufügen - um danach von sich zu geben, sie hätten nichts von Bedeutung gesagt. Indem ein in unserer Branche Herausragender sein Wissen auf diese Weise öffentlich machte, verletzte er die zwar ungeschriebenen, aber bis dahin noch gültigen Gesetze unseres Gewerbes. Nun sind sie Makulatur.

          Ich frage: Wie will die deutsche Kreditwirtschaft ihre an den Gesetzgeber gerichtete Forderung, das Bankgeheimnis nicht anzurühren, begründen, wenn einer ihrer Repräsentanten es derart verletzt hat? Die Bank wurde wegen Verletzung des Kreditvertrages in zwei Instanzen zur Leistung von Schadenersatz verurteilt. Da eine Revision nicht zugelassen wurde, wählte sie den Weg der Nichtzulassungsbeschwerde. Es galt erst einmal, Zeit zu gewinnen. Lange Fristen haben den Charme, Unangenehmes undeutlich werden zu lassen. Eine solche Taktik ist zwar nicht unbedingt ehrenhaft, aber bequem und wirksam.

          Es gibt Vorgänge, die nicht verjähren, weil ihr moralischer Kern nicht verwittert.

          Erdnüsse in den Strümpfen

          Vor ziemlich genau zehn Jahren wurde der Peanut, der Wert einer Erdnuß, neu erfunden. Danach betrug er rund 50 Millionen Deutsche Mark. Doch das ist nicht mein Thema. Mich beschäftigt die Reaktion des Erfinders auf die massive Kritik, die ihm nach der Verkündigung seines Satzes entgegenschlug: „Mich verblüfft schon, mit welcher Vehemenz und Uneinsichtigkeit auf uns eingeprügelt wird“, sagte er und fuhr fort: „Wir haben niemandem geschadet außer uns selbst.“ Diese Aussage gibt nebenher Auskunft darüber, wem nach Meinung des Bankvorstandes die Bank gehört: ihm, selbstverständlich ihm, dem Vorstand, und nicht etwa den Aktionären.

          Dieses „Wir haben niemandem geschadet außer uns selbst“ ist so unwahr wie unredlich. Ethos der Banken? Wollten sie sich mit diesem Nimbus umgeben, müßten die Leute an ihren Spitzen zunächst einmal danach trachten, ihre Köpfe mit einem anderen Geist zu füllen. Sie müßten ihre Instinkte und ihr Denken wandeln. Und dann auch noch den Untergebenen, deren Motivation sich im schnellen Geldmachen erschöpft, andere Wegmarken einpflanzen - auch ihren Investmentbankern. Doch selbst für Herakles, der die Erde von ihren Unholden befreite und sich klaglos allem Schlimmen beugte, wäre diese Aufgabe wohl zu schwer.

          Ich maße mir nicht an, die herrschenden Verhältnisse zu ändern. Ich will nur etwas an sie rühren. So spreche ich nur von den Pflichten der Bankherren. Sie alle, wir alle sind unserer Gesellschaft gegenüber zu redlichem Handeln verpflichtet. Unsere Aufgabe ist es nicht, Waren zu produzieren und sie zu vertreiben. Wir sind Treuhänder. Die Bürger unseres Staates haben uns wesentliche Teile ihres von ihnen erarbeiteten Vermögens anvertraut. Dieses Vertrauen kann nur gerechtfertigt werden durch die Erfüllung der Pflicht, die Werte nicht nur sicher anzulegen, sondern auch mit einem höchstmöglichen Bonus auszustatten.

          Diese Pflicht eines Verwalters fremder Vermögen hat eine andere Maxime als etwa die Pflicht eines Vorstandes eines Büromaschinenherstellers. Mich dünkt, daß an die Stelle der Pflicht, seine eigene Person, oder, falls vorhanden, seine Persönlichkeit, sich selbst mit Geist und Haut und Haaren in seine Aufgabe einzubringen, die Unverbindlichkeit gerückt ist. An die Stelle des sich auch dem Wohle dieses Landes verpflichtet fühlenden „Bankiers“ ist der „Banker“ getreten.

          Was den Unterschied zwischen einem Bankier und einem Banker ausmacht? Der Bankier war ein vornehmer Mann, kein Vornehmtuer, er war also ein Herr, der die Kunst und die Geduld des Zuhörens beherrschte und so souverän war, seine eigene Meinung durch das, was er aufnahm, zu korrigieren. Er räumte den Ratgebern Zeit ein, und er nahm die Sorgen derer, die sich ihm anvertrauten, ernst. Er war kein Mann des schnellen Geldmachens, sondern suchte seinen Nutzen in der Beständigkeit einer Beziehung.

          Ein Banker dagegen ist ein globaler Universeller. Er weiß nicht nur alles, er weiß auch alles besser; etwa von Abläufen in Produktion und Versand, von Forschung und Entwicklung, also von Dingen, von denen er von Haus aus nur wenig wissen kann. Hat er sich einmal eine Meinung gebildet, steht sie unverrückbar fest. Sie ist nicht mehr diskutierbar. Am liebsten verkehrt er nur unter Gleichgekleideten. Gepflegte Tischsitten und strikte Beachtung der Regeln der Etikette gelten ihm als Ausdruck hochentwickelter Kultur.

          In den letzten zwanzig Jahren haben an der Spitze der Banken vier- bis fünfmal die Generationen gewechselt. Die heute sind um nichts schlechter, als wir, die Verflossenen, es waren. Nur anders sind sie. Den Herren der Neuzeit ist die Fähigkeit oder der Wille abhanden gekommen, sich mit ihren Institutionen zu identifizieren. Nannte man etwa in den siebziger Jahren den Namen Ponto, so nannte man damit gleichzeitig den Namen seiner Bank. Der Mann an der Spitze machte sich mit seiner Bank eins. Höre ich Ackermann, fallen mir Globalisierungswut und schwyzerischer Erwerbssinn ein, letzterer jedoch nur in verfremdeter Form. Ackermann ist dabei, die Identität der Bank, die einen stolzen Namen trägt und, dies bekenne ich gerne, für mich in meiner aktiven Zeit immer ein Vorbild für Abgewogenheit im Denken und Tun war, für immer und ewig wegzugeben. Auch der Herr Bundeskanzler hat auf dem letzten Sparkassentag in Frankfurt mit der staatsmännisch klingenden Formulierung, mit Fusionen „endlich in die Strümpfe zu kommen“, diese Politik für gut und richtig erklärt, wobei er es nicht unterließ, den Landesbanken seinen speziellen Rat zu geben, aus ihrem runden Dutzend nur noch drei zu machen - als ob Fusionen in die Horizontale die einzig wahren wären. Nur wer in die Tiefe bohrt, stößt auf Brunnen. Glaubt der Bundeskanzler, glauben die Banken, daß die bloße Addition von Bilanzsummen und Eigenkapital auch zu größeren Leistungen führen wird? Ob sie, als in der Schule die Differentialrechnung gelehrt wurde, gefehlt haben?

          Ich denke, daß die Identität der Deutschen Bank mehr wert ist als ihre sonstigen stillen Reserven. Ich denke auch, daß sie alle Dienstleistungen und Finanzierungen, die von ihr gefordert werden, in hervorragender Qualität zu erbringen in der Lage sein wird, auch, oder vielmehr gerade dann, wenn sie bleibt, wie sie ist, nämlich allein. Bliebe als Grund für Fusionen dann noch die Furcht vor dem unbekannten großen Dritten, der Feindliches plant. Gibt es ihn überhaupt, oder malt man nur ein Gespenst an die Wand, um Verständnis für nicht Verstehbares zu erwecken? Mein Eindruck ist, daß die Aktionäre sich mehr als die Mitglieder ihres Vorstandes mit ihrer Bank identifizieren.

          Gewinnmaximierung ist keine Maxime

          Vor geraumer Zeit veranstaltete die philosophische Fakultät meiner heimischen Universität eine Veranstaltungsreihe, die sich mit dem Verhalten verschiedener Gruppen in unserer Gesellschaft beschäftigte. Unter anderem auch mit den Banken. Im Veranstaltungskalender stand zu diesem Thema: „Das Mißverhältnis zwischen hohen Kreditzinsen auf der einen Seite und niedrigen Sparzinsen auf der anderen Seite ist von Millionen von Bankkunden zwar als Ärgernis, aber bisher doch stillschweigend hingenommen worden.“ Dieses Phänomen ist so alt, daß ich es sogar noch aus meiner aktiven Zeit kenne. Der terminus technicus der Bankensprache dafür lautet: „Zinsunempfindlichkeit der Sparer“.

          Zu dem Satz von der Verhältnismäßigkeit des Kreditzinses zum Sparzins fand ich bei Kant Entsprechendes. Er erzählte ein Beispiel von einem Krämer: Ein Kaufmann berechnet die Preise für seine Ware und entschließt sich, ehrlich zu sein. Er will seine Kunden, ob sie nun unerfahren sind - dies gilt, das füge ich ein, in der Regel auch für Sparer - oder ob es sich gleich um Kinder handelt, nicht übers Ohr hauen. Eine solche Handlung geschieht noch lange nicht aus Pflicht, so behauptet Kant, sondern sie ist „pflichtmäßig“, äußerlich nicht von derselben Handlung aus ehrlichen Grundsätzen heraus zu unterscheiden. Warum? Kant fährt fort: Weil es sein kann, daß der Kaufmann aus Vorteilsdenken ehrlich ist, damit ihm die Kunden nicht davonlaufen. In diesem Fall geschieht seine Handlung in Wahrheit aus eigennütziger Absicht.

          Die Banken braucht die Sorge des Krämers, daß ihm die Kunden, wenn er sie denn übers Ohr hauen sollte, davonlaufen, nicht zu plagen. Selbst wenn ein nicht „zinsunempfindlicher“ Sparer alle Banken am Platz abklappern und die in den Kassenräumen aushängenden Konditionen miteinander vergleichen würde, er wird kaum etwas Besseres als das finden, was ihm seine Hausbank seit eh und je bietet.

          Marktgerechte Zinsen seien dies, erklärt der Kundenberater jeder Bank seinem durchaus zinsempfindlichen Sparer. Oder doch nicht eher ein stillschweigendes Kartell? Ich kann nur festhalten, daß es seit langer Zeit auf diesem Sektor kaum noch Wettbewerb gibt. Leider haben die Sparkassen dazu ihren Beitrag geleistet, da sie freiwillig ihre Preisführerschaft aufgegeben haben. Dies scheint nun die Postbank zu übernehmen. Ob sie dafür einen öffentlichen Auftrag beansprucht?

          Wir Deutschen werden sparen, fürderhin und immerdar. Die Sparer haben sich schon seit langem damit abgefunden, daß ihnen ihre Einlagen, ziehen sie die Inflationsrate ab, kaum noch eine reale Verzinsung bringen. Dennoch, sie lassen die Einlagen stehen. Sie sind ihre Sparstrümpfe für Unvorhergesehenes. So wurden selbst Spareinlagen mit täglicher Fälligkeit zu Dauerleihgaben der Sparer an die Banken. Mit ihnen läßt sich lässig wuchern. Sogar weltweit.

          Für Kant war die „Maxime“ ein Prinzip des Willens, „unangesehen der Zwecke, die durch solche Handlungen bewirkt werden können“. Die Maxime hat auch Eingang in die Bankersprache gefunden, als „Gewinnmaximierung“. Den Gehalt des Wortes „Maxime“ total zu verkehren und dann zum Maß aller Dinge zu machen kann nicht nur Gedankenlosigkeit sein. Dies ist auch Ausdruck der Gesinnung. Gewinnmaximierung zum Hauptziel des geschäftlichen Tuns zu erklären bedeutet die Verletzung der ethischen Pflichten des Unternehmers. Zudem ist es dumm, die Gewinnmaximierung zur Maxime zu machen, weil sie kein belastbares Fundament einer Unternehmenspolitik sein kann.

          Doch warum sollte eine Bank der eigenen Profitgier Grenzen ziehen, wenn das Motto „Bereichert euch“ ohne moralische Hemmungen öffentlich gepredigt werden kann? Warum moralisch sein, solange die Unmoral nicht mit dem Handelsgesetzbuch und dem Strafgesetzbuch kollidiert? Warum also Gutes tun, wenn Böses tun so einträglich ist? Elementare Fragen sind oft am schwersten zu beantworten.

          Es ist aus meiner Sicht nur konsequent, wenn sich die Banken den moralischen Rahmen ihres Handelns selber gebastelt haben: daß sie sich alles erlauben können, was nicht ausdrücklich verboten ist. Daß auch wirtschaftliches Denken und Handeln nicht wertneutral ist, scheint sie nicht zu beschweren.

          Um nicht mißverstanden zu werden, füge ich ein: Auch für mich ist selbstverständlich, daß der Zweck wirtschaftlichen Handelns der Erfolg, das Ergebnis ist. Das Tun oder das Unterlassen der Verantwortlichen wird in Euro oder Dollar gemessen. Ihre Fähigkeiten, ihr Fleiß oder ihre Trägheit finden in nackten Ziffern ihren angemessenen Niederschlag. Dies ist auch darum wichtig, weil am Erfolg die Erhaltung und Entwicklung der Substanz eines Unternehmens und die Wohlfahrt der Eigentümer und Beschäftigten hängen. Aber auch erfolgreiches Wirtschaften schließt die Frage nach der Methode nicht aus, mit der die Ergebnisse erzielt wurden.

          Nicht nur die Glaubwürdigkeit der Bankvorstände wird beschädigt, die alle naslang mit einer neuen Erklärung über die Ziele ihrer Unternehmen der gerade vorausgegangenen widersprechen; ihre flinkzüngige Wendigkeit läßt auch Stetigkeit und Sicherheit, somit auch Solidarität und Redlichkeit vermissen. Nehme ich solche in ihren Inhalten rasch wechselnden Äußerungen wahr, so beginne ich darüber zu rätseln, ob sich der Sprecher gründlich genug mit den Problemen seines Unternehmens auseinandergesetzt hat oder ob die gerade vorher von ihm verkündete Politik Mißerfolge zu bringen droht. Oder ist er nur ein munter von Ast zu Ast hüpfender Zaunkönig?

          Ethos der verboten - gibt es das? Gibt es ein Ethos der Handwerker, der Rechtsanwälte, der Mediziner? Die Gründungsväter der Handwerker-Innungen haben sich Standesregeln gegeben, deren Ansprüche sich zuerst gegen sie selbst richteten. Aber ist aus dem „Gott schütze das ehrbare Handwerk“ nicht inzwischen ein „Gott schütze uns davor“ geworden? Die Mediziner haben sogar ihr eigene Eidesformel, die hippokratische. Doch unabhängig von den ethischen Pflichten, die sie damit auf sich laden, haben sich nicht wenige von ihnen einen eigenen Gott gekürt, Hermes, den Gott der Anlageberater und Abschreibungsakrobaten. Doch ich habe es nicht mit den moralischen Kriterien von Klempnermeistern oder Dermatologen zu tun, ich habe mich mit denen der Bankherren auseinanderzusetzen. Auch darum, weil ich mich selbst betroffen fühle; schließlich bin ich ein gelernter Bankkaufmann.

          Unsere Altvorderen haben keine Standesregeln zu Papier gebracht. Wir schwören auch keine Eide. Aber dürfen wir dennoch, ohne Schamgefühl zu empfinden, ethische Grundsätze für den eigenen Gebrauch ausschließen - so, als würden diese nur für andere, etwa unsere Kreditnehmer, gelten - und uns dafür lieber der Gewinnmaximierung widmen?

          Die Soziale Marktwirtschaft ist nicht nur der Generator unserer Gesellschaftsordnung, sie ist auch ihr moralisches Korsett. Gerade das letztere gilt auch dann noch, wenn ich werte, daß die Marktwirtschaft immer noch das Substantiv und das Wörtchen „soziale“ nur das Adjektiv ist. Nicht die mit ihr Unzufriedenen - weil sie zu wenig Soziales abwirft - noch die sie kritisierenden Werteverbesserer können sie gefährden; dies vermögen allein die in ihrem Zentrum Agierenden, wenn sie nicht endlich die Balance zwischen ihrem Eigennutz und der Verantwortung, die sie für unser Land tragen, finden.

          Darum, ihr Bankleute, wartet nicht, bis die Tide kippt und sie euch zu neuen Ufern trägt. Schwimmt schon jetzt los, gegen den Strom dieser Zeit. Erforscht euch einmal selbst, wischt euch den Puder von der Backe, achtet weniger auf euer Image als vielmehr auf das Standing - das eurer Bank ebenso wie das persönliche. Sagt, was ihr denkt, tut, was ihr sagt. Öffnet eure Gesichter.

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