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Sittenverfall im Bankwesen : Ungehaltene Rede

  • -Aktualisiert am

Deutsche-Bank-Chef Ackermann vor Prozeßbeginn am 21. Januar 2004 Bild: dpa

Statt sich mit der herrschenden Lehre der öffentlich-rechtlichen Bankinstitute zu befassen, wollte der 84 Jahre alte frühere Chef der Westdeutschen Landesbank Poullain lieber über den Sittenverfall im deutschen Bankwesen sprechen. Doch dazu kam es nicht.

          Statt sich mit der herrschenden Lehre der öffentlich-rechtlichen Bankinstitute zu befassen, wollte der 84 Jahre alte ehemalige Chef der Westdeutschen Landesbank bei einem Festakt am vergangenen Freitag lieber über den Sittenverfall im deutschen Bankwesen sprechen - wozu es nicht kam. Wir dokumentieren die ungehaltene Rede eines ungehaltenen Mannes.

          Eigentlich hätte ich zum Thema „Landesbanken im Wandel der Zeiten“ zu Ihnen sprechen sollen - und auch gerne sprechen wollen. Doch dann wäre ich kaum umhingekommen, mich mit der herrschenden Lehre der Öffentlich-Rechtlichen streitbar auseinanderzusetzen. Und dies hätte zum Frevel an diesem hohen Feiertag werden können.

          So wählte ich „Bank und Ethos“, im Glashaus sitzend - habe ich doch selbst einmal in diesem Gewerbe gegen die Gebote des Ethos verstoßen, war darum auch angeklagt, zwar vom Kadi freigesprochen, dann jedoch meinem eigenen Urteilsspruch unterworfen. Ich hatte gefehlt. Und ich fand es gerecht, daß ich dafür meinen Tribut zu zollen hatte. So fühle ich mich frei, frei genug, die gegenwärtige Szene kritisch zu beurteilen. Dennoch werde ich mich hüten, allzu dicke Steine in die Hand zu nehmen; jedoch werde ich auch nicht nur Sandkörnchen gegen die Glasscheiben werfen.

          Selbstbewußt, sendungsbewußt: Josef Ackermann

          Es geht mir nicht um aktuelle Ereignisse - auch wenn ich Begebenheiten als Beispiele für moderne Verhaltensnormen nennen werde. Das Thema ist zeitlos. Bereits mit der Gründung der ersten Bank war es akut. Zum Einstieg wähle ich den öffentlichen Auftrag - nicht den, den die öffentlich-Rechtlichen für sich beanspruchen, sondern den an die gesamte deutsche Kreditwirtschaft gerichteten Öffentlichen Auftrag, die Bürger dieses Landes mit ihren Dienstleistungen zu versorgen, und dies in redlicher Art.

          Redlich: welch schönes altes deutsches, welch treffendes Wort. Es beinhaltet Ehrlichkeit, Offenheit, Beflissenheit, Bereitwilligkeit, es bedeutet, gleichermaßen zu dienen wie zu leisten.

          Schon vor mehr als 200 Jahren hat Kant den Bankdienstleistern die moralischen Verhaltensnormen hierfür vorgegeben: „Man darf sich bei Vergehungen gegen die Redlichkeit niemals auf die Schwäche der menschlichen Natur berufen; denn in der Redlichkeit kann man vollkommen sein.“ Kant unterstellt also bei einer Verletzung des Gebotes der Redlichkeit den Vorsatz. Somit hat er damals bereits Knebelungsverträge, Zinswucher, Übervorteilung, Ausnutzung von Unwissen, Verführung Unkundiger, Mißbrauch von Macht gegenüber Abhängigen und was es auf diesem Gebiet noch an weiteren Unarten geben sollte, unter sein moralisches Verdikt gestellt.

          Anschwellender Bankgesang

          Ob neben erfolgreichem Wirtschaften auch moralische Prinzipien das Denken und Handeln eines in einer Bank Verantwortlichen leiten sollten, vor diese Frage fühlte ich mich erstmals gestellt, als Ende der sechziger Jahre die Schlagworte „Macht der Banken, Machtmißbrauch durch die Banken“ zu aktuellen Themen wurden.

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