http://www.faz.net/-gpf-tm1t
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 09.11.2006, 15:49 Uhr

Deutsche Geschichte(n) Folgen eines Anschlags

Mit einer Flugzeugentführung preßten palästinensische Terroristen im Oktober 1972 die drei überlebenden Olympia-Attentäter frei. Die Bundesrepublik hatte nun einige Sorgen weniger, wie Majid Sattar zeigt.

von
© picture-alliance / dpa/dpaweb 1972: Innenminister Genscher verhandelt mit den Geiselnehmern

Bruno Merk erinnert sich gut an den 5. September 1972. Damals brachten acht palästinensische Terroristen die israelische Olympia-Mannschaft in ihre Gewalt, um die Freilassung ihrer „Brüder“ in Israel und einiger Gleichgesinnter im Westen zu erzwingen. Merk, damals bayerischer Innenminister, trat mehrere Male gemeinsam mit Bundesinnenminister Genscher und dem Münchner Polizeipräsidenten Schreiber vor das Fenster des Gebäudes im Olympischen Dorf, in dem der „Schwarze September“ seine Geiseln festhielt. Issa, der Anführer der Gruppe, drohte, binnen Stunden eine Geisel nach der anderen zu töten, wenn seine Forderungen nicht erfüllt würden.

Majid Sattar Folgen:

Merk, so berichtet er nun, hielt Issa entgegen: „Wenn Sie das tun, haben Sie am Ende keine Geiseln mehr und sitzen hier fest.“ Issa antwortete darauf in fließendem Deutsch: „Na und? In Deutschland gibt es keine Todesstrafe, und unsere Brüder werden uns befreien.“ Die kurze Szene nahm die Entwicklung der kommenden Monate vorweg. Am 29. Oktober entführten besagte Brüder eine Lufthansa-Maschine und preßten jene drei Geiselnehmer frei, die den mißlungenen Polizeieinsatz zur Befreiung der Geiseln auf dem Flughafen von Fürstenfeldbruck überlebt hatten und nun in Untersuchungshaft in Bayern auf ihren Prozeß warteten.

Die Freilassung der Attentäter von München, deren Umstände hier erstmals ausführlich nachgezeichnet werden, ist eine Fußnote von „München 1972“ - den Olympischen Sommerspielen und der Tragödie der israelischen Sportler. Aus deutscher Perspektive verdient dieser Teil der Geschichte eine eigene Betrachtung. Denn der Bundesregierung kam die Entführung der Lufthansa-Maschine gelegen. So konnte sie die palästinensischen Terroristen loswerden. Einige Indizien sprechen sogar für die Mutmaßung, daß deutsche Stellen von der Entführung der Lufthansa-Maschine nicht überrascht wurden.

Kristallisationspunkt der Nachkriegsgeschichte

Die Ereignisse vom Herbst 1972 bilden einen Kristallisationspunkt, in dem sich die Nachkriegskonflikte, der in den Westen verlagerte Nahost-Konflikt und nicht zuletzt die seltsame Verquickung von arabischem und deutschem Terrorismus spiegeln. Die Terroristin Ulrike Meinhof, Rädelsführerin der zunächst als Baader-Meinhof-Bande geläufigen Rote Armee Fraktion, verfaßte in der Haft in Köln-Ossendorf eine Kampfschrift, die diesen Zusammenhang in verquast-pervertierter Form darlegt: „Die Genossen vom Schwarzen September haben ihren eigenen Schwarzen September 1970 - als die jordanische Armee über 20 000 Palästinenser hingemetzelt hat, dahin zurückgetragen, wo dieses Massaker ursprünglich ausgeheckt worden ist: Westdeutschland - früher Nazideutschland - jetzt imperialistisches Zentrum. Dahin, von wo aus die Juden aus West- und Osteuropa nach Israel auszuwandern gezwungen worden sind - dahin, wo Israel sein Wiedergutmachungskapital bezog und bis 1965 offiziell Waffen. Dahin, wo der Springerkonzern Israels Blitzkrieg im Juni 67 als antikommunistische Orgie gefeiert hat.“

Westdeutschland aber war in den Augen der palästinenischen Terroristen nicht nur ein legitimes Ziel, sondern auch ein leichtes: In München hatte die westdeutsche Gesellschaft, die ihren architektonischen Ausdruck in der gläsernen Dachkonstruktion des Olympiastadions erhalten hatte, Gegenspiele zu Berlin 1936 veranstalten wollen. Das Sicherheitskonzept sollte das Gegenteil jenes von 1936 sein. Mit Terrorismus kannte sich die Bundesregierung noch nicht aus - seine linksextremistische deutsche Variante steckte noch in den Anfängen. Auch das Grundgesetz war auf Freiheitsgewinn, nicht auf Terrorabwehr eingestellt. Anders als etwa in Frankreich war die Todesstrafe in der Bundesrepublik abgeschafft - auch eine Folge der Vergangenheit. All das nutzten die Terroristen in perfider Perfektion aus.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Nachruf auf Walter Scheel Der Unterschätzte

Spielerisch stieg Walter Scheel in höchste Regierungsämter auf und prägte die Bundesrepublik. Den meisten Deutschen ist ein Auftritt als Sänger in Erinnerung geblieben – das passt zu seinem Erfolgsrezept: unterschätzt zu werden. Ein Nachruf. Mehr Von Stefan Dietrich

24.08.2016, 18:32 Uhr | Aktuell
Mexiko Sohn von Drogenbaron El Chapo entführt

In einer spektakulären Aktion haben Bewaffnete den Sohn des inhaftierten mexikanischen Drogenbarons Joaquín El Chapo Guzmán entführt. Sie fuhren mit Pick-up-Trucks vor einem Edelrestaurant im Pazifik-Badeort Puerto Vallarta vor, stürmten das Gebäude und nahmen insgesamt sechs Menschen als Geiseln mit. Unter den Verschleppten sei auch El Chapos Sohn, der 29-jährige Jesús Alfredo Guzmán Salazar. Mehr

18.08.2016, 10:20 Uhr | Gesellschaft
Saudische Schule in Bonn Kein Leuchtturm der Toleranz

Seitdem in ihrer Moschee offen zum Heiligen Krieg aufgerufen wurde, ist die saudische König-Fahd-Akademie wohl die umstrittenste Schule Bonns. 2017 schließt sie nun. Allerdings nicht wegen der langjährigen Kritik. Mehr Von Reiner Burger und Rainer Hermann

30.08.2016, 11:07 Uhr | Politik
Thabet Azzawi Ein Flüchtling macht Musikkarriere

Er floh vor den Terroristen des Islamischen Staats und landete auf dem neuen Album des weltberühmten Rockstars Sting. Die wundersame Geschichte des syrischen Flüchtlings Thabet Azzawi. Mehr

28.08.2016, 02:00 Uhr | Gesellschaft
Warnung aus Washington Unkoordinierte Aktionen spielen IS in die Hände

Als inakzeptabel bezeichnete der amerikanische Sonderbeauftragte für die Anti-IS-Militärkoalition Brett McGurk das Vorgehen der Türken gegen die Kurden im Norden von Syrien. Der IS könnte profitieren. Mehr Von Christoph Ehrhardt, Beirut

29.08.2016, 18:15 Uhr | Politik