Home
http://www.faz.net/-gcu-tm1t
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Deutsche Geschichte(n) Folgen eines Anschlags

Mit einer Flugzeugentführung preßten palästinensische Terroristen im Oktober 1972 die drei überlebenden Olympia-Attentäter frei. Die Bundesrepublik hatte nun einige Sorgen weniger, wie Majid Sattar zeigt.

© picture-alliance / dpa/dpaweb Vergrößern 1972: Innenminister Genscher verhandelt mit den Geiselnehmern

Bruno Merk erinnert sich gut an den 5. September 1972. Damals brachten acht palästinensische Terroristen die israelische Olympia-Mannschaft in ihre Gewalt, um die Freilassung ihrer „Brüder“ in Israel und einiger Gleichgesinnter im Westen zu erzwingen. Merk, damals bayerischer Innenminister, trat mehrere Male gemeinsam mit Bundesinnenminister Genscher und dem Münchner Polizeipräsidenten Schreiber vor das Fenster des Gebäudes im Olympischen Dorf, in dem der „Schwarze September“ seine Geiseln festhielt. Issa, der Anführer der Gruppe, drohte, binnen Stunden eine Geisel nach der anderen zu töten, wenn seine Forderungen nicht erfüllt würden.

Majid Sattar Folgen:  

Merk, so berichtet er nun, hielt Issa entgegen: „Wenn Sie das tun, haben Sie am Ende keine Geiseln mehr und sitzen hier fest.“ Issa antwortete darauf in fließendem Deutsch: „Na und? In Deutschland gibt es keine Todesstrafe, und unsere Brüder werden uns befreien.“ Die kurze Szene nahm die Entwicklung der kommenden Monate vorweg. Am 29. Oktober entführten besagte Brüder eine Lufthansa-Maschine und preßten jene drei Geiselnehmer frei, die den mißlungenen Polizeieinsatz zur Befreiung der Geiseln auf dem Flughafen von Fürstenfeldbruck überlebt hatten und nun in Untersuchungshaft in Bayern auf ihren Prozeß warteten.

Die Freilassung der Attentäter von München, deren Umstände hier erstmals ausführlich nachgezeichnet werden, ist eine Fußnote von „München 1972“ - den Olympischen Sommerspielen und der Tragödie der israelischen Sportler. Aus deutscher Perspektive verdient dieser Teil der Geschichte eine eigene Betrachtung. Denn der Bundesregierung kam die Entführung der Lufthansa-Maschine gelegen. So konnte sie die palästinensischen Terroristen loswerden. Einige Indizien sprechen sogar für die Mutmaßung, daß deutsche Stellen von der Entführung der Lufthansa-Maschine nicht überrascht wurden.

Kristallisationspunkt der Nachkriegsgeschichte

Die Ereignisse vom Herbst 1972 bilden einen Kristallisationspunkt, in dem sich die Nachkriegskonflikte, der in den Westen verlagerte Nahost-Konflikt und nicht zuletzt die seltsame Verquickung von arabischem und deutschem Terrorismus spiegeln. Die Terroristin Ulrike Meinhof, Rädelsführerin der zunächst als Baader-Meinhof-Bande geläufigen Rote Armee Fraktion, verfaßte in der Haft in Köln-Ossendorf eine Kampfschrift, die diesen Zusammenhang in verquast-pervertierter Form darlegt: „Die Genossen vom Schwarzen September haben ihren eigenen Schwarzen September 1970 - als die jordanische Armee über 20 000 Palästinenser hingemetzelt hat, dahin zurückgetragen, wo dieses Massaker ursprünglich ausgeheckt worden ist: Westdeutschland - früher Nazideutschland - jetzt imperialistisches Zentrum. Dahin, von wo aus die Juden aus West- und Osteuropa nach Israel auszuwandern gezwungen worden sind - dahin, wo Israel sein Wiedergutmachungskapital bezog und bis 1965 offiziell Waffen. Dahin, wo der Springerkonzern Israels Blitzkrieg im Juni 67 als antikommunistische Orgie gefeiert hat.“

Westdeutschland aber war in den Augen der palästinenischen Terroristen nicht nur ein legitimes Ziel, sondern auch ein leichtes: In München hatte die westdeutsche Gesellschaft, die ihren architektonischen Ausdruck in der gläsernen Dachkonstruktion des Olympiastadions erhalten hatte, Gegenspiele zu Berlin 1936 veranstalten wollen. Das Sicherheitskonzept sollte das Gegenteil jenes von 1936 sein. Mit Terrorismus kannte sich die Bundesregierung noch nicht aus - seine linksextremistische deutsche Variante steckte noch in den Anfängen. Auch das Grundgesetz war auf Freiheitsgewinn, nicht auf Terrorabwehr eingestellt. Anders als etwa in Frankreich war die Todesstrafe in der Bundesrepublik abgeschafft - auch eine Folge der Vergangenheit. All das nutzten die Terroristen in perfider Perfektion aus.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Islamischer Staat IS-Terroristen enthaupten britischen Entwicklungshelfer

Ein neues Video der Islamisten zeigt die Ermordung eines britischen Entwicklungshelfers. Der Mann müsse sterben, weil Großbritannien die Peschmerga-Kämpfer aufrüste, heißt es in dem Video. Premierminister Cameron kündigte an, die Täter zu jagen. Mehr

14.09.2014, 01:13 Uhr | Politik
Entführter amerikanischer Journalist wieder frei

In Syrien ist ein seit zwei Jahren vermisster amerikanischer Journalist von seinen Entführern freigelassen worden. Geheimdienste aus Katar sollen bei der Freilassung mitgewirkt haben. Mehr

25.08.2014, 08:21 Uhr | Politik
Entführung beendet UN-Soldaten von den Golanhöhen sind frei

Die islamistische Al-Nusra-Front hat die im Süden Syriens verschleppten UN-Soldaten freigelassen. Das haben die Vereinten Nationen bestätigt. Den Männern geht es gut. Mehr

11.09.2014, 15:13 Uhr | Politik
Die Suche nach vermissten Schülern wird ausgeweitet

Polizei und Innenbehörden suchen weiter nach vermissten Schülern . Ministerpräsident Netanjahu spricht von Entführung und macht die palästinensische Organisiation Hamas dafür verantwortlich. Mehr

17.06.2014, 13:29 Uhr | Politik
Kampf gegen Islamischen Staat Kerry strebt Anti-IS-Koalition ohne Iran an

Der amerikanische Außenminister versucht in Kairo weiter ein Bündnis mit den arabischen Staaten im Kampf gegen die Terrorgruppe IS zu schmieden. Iran soll nicht dabei sein. Mehr

13.09.2014, 17:38 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 09.11.2006, 15:49 Uhr