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Die Einheitsschule bis Klasse 7 hilft leistungsschwachen Kindern nicht

09.12.2004 ·  „Gemeinsame Beschulung für mehr Chancengerechtigkeit“. Das ist nur eines der momentan kreisenden Vorurteile. Doch Studien haben schon vor Jahren das Gegenteil belegt. Das zumindest sagen Lernforscher.

Von Heike Schmoll, Frankfurt
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In der Debatte um die Schulstruktur in Deutschland halten sich einige Mythen hartnäckig. Sie alle ignorieren bewußt die bisherigen Forschungsergebnisse.

So hofft die SPD-geführte schleswig-holsteinische Landesregierung, den kommenden Wahlkampf mit ihrem Einheitsschulmodell zu gewinnen, und meint wie viele andere auch, nur die gemeinsame Beschulung in der Sekundarstufe I garantiere größtmögliche Chancengerechtigkeit. Auch Nordrhein-Westfalen zeigt in seinem neuen Schulgesetz deutliche Tendenzen zur Einheitsschule.

Kumulative Lern- und Wissenszuwächse

Der Münchner Lernforscher und Psychologe Klaus Heller hat zu Recht darauf hingewiesen, daß Schulleistungen vor allem im späteren Kindes- und Jugendalter durch kumulative Lern- und Wissenszuwächse geprägt sind. Also werden die Chancen für Begabungsschwache in einheitlichen Lerngruppen nach Gesamtschulmuster zunehmend geringer. Diese Hoffnung haben schon Studien in den achtziger Jahren bei Hauptschülern und Gymnasiasten widerlegt. Sie haben vor allem eine Erkenntnis zutage gefördert, daß nichts ungerechter ist als die gleiche Behandlung Ungleicher.

Schon 1994 hatte das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin festgehalten: "Bei einem Vergleich der Schulleistungen (von Gymnasiasten der 7. Jahrgangsstufe) in Mathematik, Englisch und Deutsch zeigten sich hier beträchtliche Leistungsnachteile bei den Kindern, die eine sechsjährige Grundschule (Berlin und Bremen) besucht hatten, im Unterschied zu den Übergängen nach Klasse 4 in den anderen Bundesländern; diese Unterschiede hatten sich auch am Ende der 7. Klasse noch nicht ausgeglichen."

Spätere Schuleignungsprüfungen ungünstig

Beim Ländervergleich der ersten Pisa-Studie hat sich zudem gezeigt, daß die soziale und schulische Integration der Ausländerkinder in Bundesländern mit überwiegend dreigliedrigem Schulsystem deutlich besser gelingt als in Ländern mit hohem Gesamtschulanteil. Auch das Argument der OECD und des Bundesbildungsministeriums, die frühe Auswahl verstärke die Leistungsunterschiede, ist etwa durch die "Scholastik-Studie" von Weinert und Helmke aus dem Jahr 1997 widerlegt.

Danach verändern die spätestens in der vierten Jahrgangsstufe ausgeprägten Leistungsunterschiede sich auch in den kommenden Jahren nicht mehr dramatisch. Vor allem für die schwachen Schüler wären spätere Schuleignungsprüfungen ungünstig, weil ihr Lern- und Leistungsrückstand dann noch erheblich größer sei, meint Heller. Es hat sich vielmehr gezeigt, daß Schuleignungsprüfungen am Ende der vierten Jahrgangsstufe außerordentlich treffsicher sind (bei 70 Prozent der Grundschüler).

Mancher Blick ist trügerisch

Eine Verschiebung der Schullaufbahnentscheidung in die Sekundarstufe brächte für die meisten Schüler keine Vorteile, sondern erhebliche Nachteile, ist Heller überzeugt. Diese betreffen nicht nur Leistungsaspekte, sondern berühren die gesamte Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen und damit ihre Zukunftschancen. Daß gleiche schulische Behandlung ungleicher individueller Lern- und Leistungsvoraussetzungen nachweislich zur Vergrößerung und nicht zur Verringerung unerwünschter Begabungs- und Leistungsunterschiede in der Schule führe, sei eine psychologische Binsenweisheit.

Leider hätten die Bildungspolitiker sie zum Schaden der Kinder und Jugendlichen noch längst nicht verinnerlicht. Zu den unausrottbaren Vorurteilen gehört auch die Behauptung, daß integrierte Gesamtschulen Schüler unterschiedlicher Leistungsstufen besser fördern könnten als das gegliederte System. Heller weist zu Recht darauf hin, daß der Blick auf Finnland, Schweden, Japan und Korea trügerisch sei. Denn dort fehlen die Vergleichsgruppen eines gegliederten Schulsystems, wie es in Deutschland, Österreich, der Schweiz, in anderen europäischen Ländern oder noch sehr viel gegliederter in Singapur und Ostasien praktiziert wird.

Optische Täuschung

Jeder finnische Lehrer würde den Kopf schütteln, wenn er leistungsstarke, schwachbegabte und verhaltensgestörte Kinder in einer Klasse unterrichten müßte. Die scheinbare Einheitlichkeit der finnischen Schule ist eine optische Täuschung. Zum einen ist die Binnendifferenzierung viel stärker: Es werden Leistungsgruppen geteilt und getrennt unterrichtet, es gibt Förderlehrer an jeder Schule, alle ausländischen Kinder sind verpflichtet, den Kindergarten zu besuchen, und zumindest in Ballungsgebieten wie Helsinki gibt es viele Eliteschulen.

Außerdem veröffentlichen die Zeitungen zwar keine Pisa-Ergebnisse, aber sie drucken Beliebtheitsskalen der örtlichen Schulen. Die finnische Einheitsschule wurde aus ökonomischen und auch geographischen Gründen eingeführt: In einem Dorf in Lappland mit acht Schülern können keine unterschiedlichen Schulen aufrechterhalten werden.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.12.2004, Nr. 289 / Seite 4
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Jahrgang 1962, politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

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