04.06.2007 · Viele hatten sie schon totgesagt, seit den Krawallen in Rostock machen sie wieder von sich reden: die sogenannten „Autonomen“. Der gewaltbereite „Schwarze Block“ ist ein Überbleibsel der Studentenbewegung der sechziger Jahre.
Von Mechthild KüpperDie Proteste der Globalisierungskritiker gegen das Gipfeltreffen in Heiligendamm haben den sogenannten Autonomen, die nach ihrem äußeren Auftreten auch „schwarzer Block“ genannt werden, geschenkt, was sie in Berlin seit einigen nicht mehr haben: einen Hauch von Legitimität. Wo große Organisationen wie Attac oder die Linkspartei die Ränder zur Radikalität und Militanz mit Bedacht unscharf lassen, agieren jene Gewaltbereite, die ihre Gesichter hinter schwarzen Kapuzen, Tüchern oder Sonnenbrillen verstecken, wie die sprichwörtlichen Fische im Wasser.
Felix Kolb, der ehemalige Sprecher von Attac, sagte dieser Tage bei einer Veranstaltung in Berlin, die Öffentlichkeit habe nicht wahrgenommen, dass die linksextremistische „autonome“ Szene ihre Einstellung zur Gewalt geändert und sich weitgehend von militanten Aktionsformen verabschiedet habe. In Rostock wurde er Lügen gestraft. Schon zu Pfingsten in Hamburg war es wohl mehr die Umsicht der Polizei als die Gegenwehr der Veranstalter gegen die sogenannten Autonomen, die die vermummten Krawallmacher daran hinderte, einer „Latschdemo“ spektakuläre Randale aufzuzwingen. In Rostock hieß es dann: „Wir wollen euch nicht mehr sehen.“
„Niedergang“ der Szene verkündet
Nach Schätzungen des Verfassungsschutzes leben in Deutschland etwa 6000 gewaltbereite Linksextremisten, deren Mobilisierungspotential jeweils einige tausend Personen mehr umfasst. Nach Jahren des Schrumpfens wäre das ein unerwartetes Wachstum. Die Zahl der politisch motivierten Straftaten stieg von 2005 auf 2006 um fast zehn Prozent. 1200 davon waren Gewalttaten.
Seit dem berüchtigten 1.Mai 1987 in Kreuzberg, als der Supermarkt Bolle brannte und Polizisten und Feuerwehrleute von der Menge nicht durchgelassen wurden, befänden sich die Autonomen im „Niedergang“, hieß es im April in der unberechenbaren linken Zeitschrift „Jungle World“. Schon 2004 schrieb die linke Tageszeitung „Neues Deutschland“ einen Nachruf auf die „Autonome Antifa“ Göttingen. Die „Antifa Köln“ und die aus Kassel hatten sich aufgelöst, die Berliner war gespalten.
Familienalbum aus einer frauenfreien Zone
Ihren Bericht über einen Kongress der autonomen Szene stellte die „Tageszeitung“ schon 1995 unter die Überschrift: „Wie lange wird es die Autonomen noch geben?“ Immerhin, bei der Tagung war auch über „Sexismus innerhalb der Szene“ gesprochen worden und darüber, dass Autonome sich mit ihrer „Rolle als Täter“ nicht auseinandersetzten.
Noch im Mai machten sich Kenner der „autonomen Szene“ lustig über die Beschlagnahmung des Buchs „Autonome in Bewegung“. Ein Rezensent lobt den „flockigen Stil“, der sich angenehm von den substantiv- und fremdwortbetonierten Bekennerschreiben vergangener Jahrzehnte unterscheide. Das 2003 erschienene Werk alternder Aktivisten sei ein „Buch der Erinnerungen“ geworden, ein Familienalbum aus einer frauenfreien politischen Zone. Berlins Innensenator Körting staunte nach dem abermals weitgehend friedlich verlaufenen 1. Mai 2007, dass verurteilte Terroristen wie Inge Viett und Ralf Rainders, die politisch schon im „Krematorium“ seien, sich dort blicken ließen.
taz-Journalist zum „Schweinesystem“ gezählt
Zeithistoriker nehmen mit Interesse wahr, dass ein bestimmtes Milieu die Diskussion über die Verbrechen der RAF und die Erinnerung an die Tötung des Studenten Benno Ohnesorg 1967 dazu nutzt, um Figuren wie Christian Klar und Reinders wie Ikonen einzusetzen, deren Taten gar nicht mehr geprüft zu werden brauchen. Die „Autonomen“ sind eine Restmenge der Linken, wie sie nach den Schüssen auf Ohnesorg entstanden ist. Aus der Studentenbewegung gingen die einen in die sektiererischen Kaderparteien, die anderen wurden „Spontis“ und Hausbesetzer, die Militanten unter ihnen wurden „autonom“ und „antiimperialistisch“. Die überraschendste und jüngste Formation sind die proisraelischen „Antideutschen“.
„Autonom“ ist der Sammelbegriff für alles, was sich als Rechtfertigung militanter „Aktionen“ eignet: Von Steinen auf Polizisten reicht es bis zum Steinewerfen auf unliebsame Journalisten. In Berlin passierte das in den achtziger Jahren einem Journalisten der linksalternativen „Tageszeitung“, der von der Szene zum „Schweinesystem“ gezählt wurde. Den Kommentar aus dem parlamentarischen Raum zu den Steinen auf den Berichterstatter sprach übrigens Dirk Schneider, der damalige Sprecher der Alternativen Liste für Demokratie und Umweltschutz, dessen Nebentätigkeit als Stasi-Zuträger später bekannt wurde: Man lehne „individuellen Terror“ ab, meldete er aus der Fraktion im Rathaus Schöneberg.
Praxis, nicht Analysen und Theorien, macht den Autonomen aus. Diese „Autonomie“ ist aus Militanz gemacht. „Nicht zimperlich“ lautet die linke Umschreibung für die Tätigkeit der zersplitterten klandestin arbeitenden Grüppchen, die sich am Rande von Großdemonstrationen immer wieder zusammenfinden, um gewalttätig die Systemfrage zu stellen. Für jemanden wie Jutta Jelpke, die innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, ist es ein großer Schritt, zu den Autonomen dieselbe Distanz einzunehmen wie zur Polizei: Sie forderte, „die Scharfmacher beider Seiten“ in die Defensive zu drängen.
Die "Autonomen"
Michael Reiss (Mischa007)
- 05.06.2007, 10:31 Uhr
Der (UN)Rechtsstaat ??? Welcher Wahnsinn!!
wolfgang pfizenmaier (McKillroy)
- 05.06.2007, 11:09 Uhr
Vereinfachende und verzerrende Berichterstattung
Felix Kolb (felix.kolb)
- 05.06.2007, 13:06 Uhr
Keine Gewalt - gilt für alle und immer.
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 05.06.2007, 20:47 Uhr