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DGB-Kongreß Zwietracht in der Einheitsgewerkschaft

23.05.2006 ·  Ursula Engelen-Kefer (SPD) stört die Harmonie beim DGB-Kongreß in Berlin. Ihre Personalie ist dort das alles beherrschende Thema: Tritt Sommers Stellvertreterin an diesem Dienstag gegen Ingrid Sehrbrock (CDU) an?

Von Nico Fickinger, Berlin
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„Wir hätten so viel anderes zu tun“, seufzt ein Verdi-Funktionär im Berliner Estrel-Hotel. Mag Bundespräsident Köhler zu einer großen Gemeinschaftsanstrengung im Kampf gegen die Massenarbeitslosigkeit aufrufen, der DGB-Vorsitzende Sommer als „Stimme der arbeitenden Menschen“ gegen die Politik der großen Koalition wettern - das alles beherrschende Thema auf dem 18. DGB-Bundeskongreß ist am Eröffnungstag eine Personalie: Tritt Sommers Stellvertreterin Ursula Engelen-Kefer (SPD) an diesem Dienstag gegen Ingrid Sehrbrock (CDU) an?

Die Chefs der acht Einzelgewerkschaften haben Frau Engelen-Kefer, die seit 1990 stellvertretende DGB-Vorsitzende ist, den Verzicht auf eine abermalige Kandidatur nahegelegt und sie in ihrem Personalvorschlag nicht mehr berücksichtigt. Doch die streitbare Gewerkschafterin möchte nicht in Rente geschickt werden.

„Will weiterarbeiten“

Nach einem Bericht der „Leipziger Volkszeitung“, die sich auf Informationen aus dem persönlichen Umfeld Engelen-Kefers beruft, will sich diese entgegen des ausdrücklichen Votums der Führungsriege doch zur Wiederwahl stellen. Sie selbst wird ihrer Konkurrentin zwar nicht den Fehdehandschuh vor die Füße werfen, das hat sie klargestellt. „Wenn man nicht vorgeschlagen ist, kann man nicht kandidieren.“ Doch wenn man sie aus dem Kreise der Delegierten vorschlüge? „Ich habe immer deutlich gemacht, daß ich weiterarbeiten will“, sagte sie kürzlich in einem Interview. Wird man sie rufen?

Auch die Delegiertenvorbesprechungen am Sonntag hätten keine Klarheit geschaffen, ist am Montag auf dem Kongreß zu hören. Eine Kandidatur - auch eine auf Bestellung - wäre ein Affront gegen die Vorsitzenden der Einzelgewerkschaften, allen voran gegen IG Metall und Verdi, die zusammen zwei Drittel der Delegierten stellen und das Personaltableau alleine unter sich ausgehandelt haben. An einem solchen Eklat könne niemandem gelegen sein, heißt es - zumal in Zeiten, in denen der DGB Wichtigeres zu tun hätte, als sich mit sich selbst zu befassen. Gegen eine Kampfkandidatur spreche zudem, daß Frau Engelen-Kefer, würde sie gewählt, alle Gewerkschaftsbosse gegen sich hätte.

„Grundsympathie“ an der Basis

Das freilich hat sie auch jetzt schon. An der Basis und in der Funktionärsschicht hingegen gibt es für sie dagegen eine „Grundsympathie“, berichten Funktionäre. Nicht nur ihr Fachwissen, auch ihr großer persönlicher Einsatz wird anerkannt. Im Vergleich zu Frau Sehrbrock, die bisher blaß geblieben ist und wenig Erfolge vorzuweisen habe, sei Frau Engelen-Kefer immer präsent gewesen und habe vieles erreicht. So manch einem Delegierten, der aus Organisationsräson für den Personalvorschlag des Bundesvorstandes stimmen wird, wäre es insgeheim wohl lieber, wenn Frau Engelen-Kefer weitermachte.

Um Frau Sehrbrock den Platz streitig zu machen, müßte Frau Engelen-Kefer allerdings schon im ersten Wahlgang gegen sie antreten. Denn der DGB-Vorsitzende und seine Stellvertreterin werden separat gewählt, die übrigen drei Mitglieder des geschäftsführenden Bundesvorstands im Block. Gewönne Frau Engelen-Kefer, wäre das auch ein Affront gegen die Union, den viele angesichts der gegenwärtigen politischen Großwetterlage gerne vermeiden möchten und der zudem das Prinzip der Einheitsgewerkschaft in Zweifel ziehen könnte. Auch das spricht gegen sie.

In diesem Fall würde Frau Sehrbrock vermutlich ins Rennen um einen der drei Restposten gehen, für die Annelie Buntenbach (IG Bau), Dietmar Hexel und Claus Matecki (beide IG Metall) nominiert sind. Dann, so ist zu vermuten, dürfte Frau Sehrbrock mit einer komfortablen Mehrheit gewählt werden, um sie für die vorherige Düpierung zu entschädigen. Einer der anderen Kandidaten bliebe dann auf der Strecke. Eine eher unwahrscheinliche, aber reizvolle Variante wäre, daß Frau Sehrbrock keine ausreichende Mehrheit erhält und eine neue Kandidatin gesucht werden muß.

Leiser, unspektakulärer Abgang?

Dann könnte sich der Bundesvorstand genötigt sehen, doch noch einmal Frau Engelen-Kefer vorzuschlagen - oder, um sie zu verhindern, das Grünen-Mitglied Buntenbach, dem künftig ohnehin der Geschäftsbereich Sozialpolitik zugedacht sein soll. So wäre zumindest eine Forderung Frau Engelen-Kefers erfüllt: die Sozialpolitik in den Händen der DGB-Stellvertreter zu belassen. Nebeneffekt: Sie hätte ehrenvoll auf eine Kandidatur verzichtet und zudem ihre Nachfolge selbst geregelt.

Und wenn Frau Engelen-Kefer gar nicht antritt? Dann könnte sie die Schuld an der ganzen Aufregung den Journalisten in Schuhe schieben, die spekuliert haben, wo es nichts zu spekulieren gab. Sie, die zuletzt mit ihrem Unvermögen kokettiert hatte, ihre eigenen Interessen vertreten und Netzwerke knüpfen zu können, wäre dann doch ganz leise, geradezu unspektakulär von der gewerkschaftlichen Bühne abgetreten. Sie mag sich dabei mit dem Satz von Johannes Paul II. trösten, der auf einer der 40 grauen Menschensilhouetten prangt, welche die Organisatoren im Halbrund des riesigen Sitzungssaales vor leuchtendblauem Hintergrund aufgestellt haben: „Der Mensch hört nicht auf, groß zu sein. Auch nicht in seiner Schwäche.“

Quelle: F.A.Z., 23.05.2006, Nr. 119 / Seite 5
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