17.01.2010 · Das erste deutsche Todesopfer der Erdbebenkatastrophe in Haiti ist inzwischen identifiziert. Aber warum wurde Christoph R. von einer Privatperson gefunden und nicht von den deutschen Behörden? Ein Ereignisprotokoll aus Port-au-Prince von unserem Korrespondenten Matthias Rüb.
Von Matthias Rüb, Port-au-PrinceDas erste deutsche Todesopfer der Erdbebenkatastrophe von Haiti wurde am Freitag, dem 15. Januar um 15.30 Uhr im Garten den Hotels „Montana“ zweifelsfrei identifiziert. Aber nicht von einem Vertreter der deutschen Botschaft in Port-au-Prince, die von den Angehörigen wiederholt und flehentlich um Hilfe bei der Aufklärung des Schicksals von Christoph R. gebeten worden waren. Sondern von Anne-Rose Schön, einer deutschen Unternehmerin, die seit 30 Jahren in Haiti lebt und alles und jeden in Port-au-Prince kennt.
Anders als die deutschen Botschaften in Port-au-Prince und Santo Domingo in der benachbarten Dominikanischen Republik mit ihren Stäben und Büroleitern las Anne-Rose Schön die verzweifelten Mails von Philipp R., dem Bruder des vermissten Hamburgers, nicht nur. Sie antwortete auch so schnell sie nur konnte auf Philpp R.s Mails - und das bei extrem schwierigen Kommunikationsmöglichkeiten, die mit jenen der deutschen Auslandsvertretungen nicht verglichen werden können.
Und Philipp R. schrieb und schrieb an Anne-Rose Schön, häufte Hinweis auf Hinweis, wo sein Bruder zuletzt gesehen worden war. Derweil schlug sich Anne-Rose Schön mit einer schwächelnden Internetverbindung herum, die ihr nach dem verheerenden Beben vom Dienstagnachmittag und dem Ausfall der Telefon- und Mobilfunkverbindungen als einzige Verbindung zur Außenwelt blieb.
Von einer Betondecke erschlagen
Die Hinweise von Philipp R. sowie von den beiden Geschäftskollegen, mit denen Christoph R. auf der Terrasse des malerisch in den Hügeln über Port-au-Prince gelegenen Hotels gegessen hatte, als die Erde während knapp vierzig Minuten so heftig bebte wie seit mehr als zwei Jahrhunderten nicht in der Karibik, waren von erstaunlicher Präzision. Die drei Männer, die im Auftrag eines deutschen Unternehmens in Haiti tätig waren, sprangen von ihren Stühlen auf, als sich mit einem furchtbaren Grollen der Boden unter ihnen bewegte: zuerst in horizontaler Richtung und dann in vertikaler - so berichten Überlebende, die den Augenblick des Bebens vom 12. Januar um 16.53 Uhr ebenfalls im und um das Hotel „Montana“ erlebten und überlebten.
Christoph R. und seine Kollegen saßen - so erzählt es einer der überlebenden Kellner des Hotels Anne-Rose Schön - am Tisch Nummer 26 am äußersten Ende der Terrasse. Jeder der drei Männer lief in eine andere Richtung, dann verloren sie sich im Chaos aus herab fallenden Trümmern und in der gewaltigen Staubwolke aus den Augen. Zwei der Männer überlebten schwer verletzt, Christoph R. aber fand nicht den Weg ins rettende Freie. Er wurde offenbar von einer herabstürzenden Betondecke erschlagen. Er dürfte sofort tot gewesen sein.
Keine Antwort von der Botschaft
Unmittelbar nachdem die ersten Meldungen von dem katastrophalen Beben in Haiti die Welt erreichen, beginnt Philipp R. mit der Suche nach seinem Bruder. Er wendet sich an die deutschen Botschaften in Port-au-Prince und in Santo Domingo, weil diese von Amts wegen für deutsche Staatsbürger in Haiti und in der Dominikanischen Republik verantwortlich sind. Doch von den Botschaften kommt keine Antwort, vorerst nicht einmal eine Eingangsbestätigung.
Gewiss, nach Angaben des Auswärtigen Amtes vom Samstag gelten noch immer etwa 30 Deutsche in Haiti als vermisst, die Mitarbeiter der Botschaft in Port-au-Prince und auch Botschafter Jens-Peter Voss ächzen unter der Belastung und der Anspannung. Botschafter Voss verdankt sein eigenes Überleben und das seiner Frau ohnedies nur einem glücklichen Umstand. Weil die Residenz auf dem Botschaftsgelände umgebaut wird - sie soll vor allem erdbebenfest gemacht werden -, leben der Botschafter und seine Frau in einer Suite im Hotel „Montana“. Zum Zeitpunkt des Bebens ist der höchste Vertreter Deutschlands noch in der Botschaft, die unbeschadet bleibt - und zu seinem und seiner Frau Überlebensglück eben noch nicht im Hotel.
Andererseits müsste es selbst für eine dünn besetzte Vertretung wie jene in Haiti zu bewerkstelligen sein, im Krisenfall umgehend zu 30 vermissten Personen jeweils ein Dossier anzulegen und diese mit den jüngsten Informationen und Bitten der Angehörigen zu füllen. Die Informationen, die Philipp R. an die Botschaft und kurz darauf auch an Medienvertreter und eben an Anne-Rose Schön verschickt, sind von erstaunlicher Präzision.
Die Flucht Richtung Schwimmbad
Die erste Mail kommt am Donnerstag, dem 14. Januar abends um 23.40 Uhr und beinhaltet die erste wichtige Information, dass „jeder in eine andere Richtung gelaufen ist, um sich in Sicherheit zu bringen.“ Der Bruder schließt seine Mail an Anne-Rose Schön mit den Worten: „Hoffentlich kann man was erreichen!! Danke für alles nochmals.“ Am Morgen des 15. Januar dann schickt Philipp R. er in zwei Mails die Informationen, wonach Christoph R. am Tag des Bebens ein schwarzes T-Shirt mit dem Logo des Unternehmens sowie eine blaue Jeans getragen habe. Vor allem aber habe einer der Überlebenden sich erinnert, dass Christoph R. „von der Terrasse in Richtung eines Schwimmbeckens gelaufen ist“. Auch diese Information gehen an die Botschaft in Port-au-Prince. Wer das „Montana“ kennt, sich womöglich täglich dort aufhält, weiß wo der Hotelpool ist.
Nachdem Anne-Rose Schön in einer Antwort an Philipp R. am Vormittag des 15. Januar diesem abermals ihre Hilfe versprochen hat - „Ach Gott, Philipp, ich schau heute, was ich machen kann, bitte warte, ich weiß, es ist schrecklich“ -, macht sie sich auf den Weg in die zerstörte Stadt. Am Nachmittag gegen 15 Uhr trifft sie, begleitet von vier deutschen Journalisten - neben dem Korrespondenten dieser Zeitung sind dies Stefan Bachenheimer vom Fernsehen der Deutschen Welle, Franz Smets von der dpa sowie Hans-Ullrich Dillmann von der „tageszeitung“ - am Hotel „Montana“ ein. Die Gruppe geht an den Ort, den die Familie des Vermissten in einer Luftaufnahme des zerstörten Hotels als jenen beschrieben hat, wo Christoph R. zuletzt gesehen worden sein soll. Tatsächlich ist dort am äußersten Rand einer herabgestürzten Betondecke die Leiche eines Mannes zu sehen, die genau auf die Beschreibung von Christoph R. zutrifft: schwarzes T-Shirt, blaue Jeans, blonde Haare.
Anne-Rose Schön bittet eine am Hotel „Montana“ eingesetzte kolumbianische Rettungsmannschaft, den Leichnam aus dem schmalen Hohlraum zu bergen. Obwohl die Decke einer weiteren Terrasse bedrohlich über den von einem langen Einsatz längst erschöpften Männern hängt, macht sich die Mannschaft an die Arbeit und hat nach einer knappen Stunde den Leichnam tatsächlich geborgen und mit einem weißen Leintuch bedeckt. Die Identifikation ist zweifelsfrei. Die Bergung des Leichnams wird vom Korrespondenten dieser Zeitung und seinen Kollegen verfolgt sowie mit Foto- und Videoaufnahmen dokumentiert. Der Leichnam ruht nun, angesichts des allgegenwärtigen Grauens von Port-au-Prince, in einigermaßen würdigen Verhältnissen, bedeckt mit einem weißen Leintuch.
Der Botschafter hat keine Zeit
Kurz darauf begibt sich die Gruppe in die deutsche Botschaft, um mit Botschafter Voss zu sprechen und ihm zumal vom Fund im Garten des Hotels „Montana“ zu berichten. Der Botschafter aber findet keine Zeit zu einem Gespräch mit Anne-Rose Schön und den vier deutschen Journalisten, was man ihm nicht verübeln kann, denn die Gruppe ist unangemeldet hereingeplatzt. Andererseits findet der Botschafter Zeit für ein Gespräch mit einem deutschen Fernsehsender.
Anne-Rose Schön gibt die Information über die Identifizierung des Vermissten Christoph R. nicht wie erhofft dem Botschafter, sondern dem zuständigen Sachbearbeiter, der Frau Schön als Zeugin für die eindeutige Identifizierung des ersten vermissten Deutschen in die entsprechende Liste einträgt. Doch dort, auf der Liste, bleibt die Information. Sie erreicht vorerst weder den Botschafter noch auch die Familie von Christoph R. Auch macht sich niemand von der Botschaft auf den Weg zum Hotel „Montana“, um umgehend alles für die Bergung des Leichnams in einem Sarg und dessen Überstellung auf das Gelände der Botschaft oder an einen anderen gesicherten Ort in die Wege zu leiten. Offenbar räumt man der Nachricht von der Identifizierung des ersten deutschen Erdbebenopfers keine Priorität ein.
Nach der Rückkehr in ihr Haus, das bei dem Beben vom Dienstag nicht beschädigt wurde, ruft Anne-Rose Schön über das Internet Philipp R. an, berichtet ihm von dem Fund im Hotel „Montana“ und bekundet ihr Beileid. Von der Botschaft aus Port-au-Prince hat Philipp R. noch nichts gehört, obwohl man dort seit Stunden über die Nachricht von der Identifizierung seines Bruders verfügt. Das entspricht, wie sich später zeigen soll, einem Muster. Weil er sich von der offenbar überforderten deutschen Vertretung in Port-au-Prince alleingelassen fühlt und weil er die Meldungen von den Massengräbern vor Augen hat, in denen ungezählte Opfer des Bebens vergraben werden, befällt Philipp R. die nagende Angst, ein solches Schicksal drohe auch seinem Bruder. Er bittet Anne-Rose in dem Telefongespräch inständig und mit hörbar wachsender Sorge, alles zu tun, dass der Leichnam seines Bruders nach Deutschland gebracht wird.
Bewegung erst am Samstagmorgen
In einer Mail an den Korrespondenten dieser Zeitung bestätigt Philipp R., dass sämtliche „Informationen, die ich an die Medien gesendet habe, auch an alle Botschaften weitervermittelt“ wurden. Außer einer Bestätigung vom Freitag, dass man seine Mails bekommen habe und ihn informieren werde, wenn man etwas wisse, hat Philipp R. bis zum Samstag nichts von der deutschen Botschaft gehört.
Wie aber kann es sein, dass eine Privatperson, die nur die Mails mit den Hilfsersuchen von Philipp R. gelesen und beantwortet hat, sowie vier Journalisten bei einem ersten Besuch im Hotel „Montana“ am Freitag auf Anhieb den Leichnam des vermissten Christoph R. finden und dessen Bergung aus den Trümmern erreichen, während die deutsche Vertretung mit den gleichen Informationen dazu trotz mehrfacher Besuche von ranghohen Botschaftsangehörigen auf dem Gelände des Hotels „Montana“ an den Tagen zuvor nicht in der Lage war? Auch Botschafter Voss selbst war, wie im Hotel „Montana“ zu erfahren ist, am Mittwoch und Donnerstag das Hotel besucht, verfolgte aber offenbar nicht die präzisen Hinweise aus den Mails der Familie des Vermissten.
Bewegung gerät in die Tätigkeiten der Botschaft in Port-au-Prince erst am Samstagmorgen, weil das Auswärtige Amt in Berlin in der Nacht zuvor und am frühen Morgen direkt aus Port-au-Prince von zwei Augenzeugen der zweifelsfreien Identifizierung von Christoph R. erfahren hat und die Botschaft in Port-au-Prince sodann mit dieser Information konfrontiert. Erst dann macht sich Botschafter Voß zunächst selbst auf den Weg zum „Montana“, wo der Leichnam von Christoph R. weiter an gleicher Stelle liegt wie am Freitagnachmittag. Später schickt er zwei weitere Mitarbeiter zum Hotel, um die Überstellung des Leichnams zur deutschen Botschaft in die Wege zu leiten.
Der Botschafter ist indigniert
Auf eine Mail von Anne-Rose Schön vom Samstagmorgen an Botschafter Voß, in welcher diese in Namen von Philipp R. um die rasche Bergung des Leichnams bittet, weil sonst möglicherweise dessen Abtransport in ein Massengrab drohe, kommt zunächst keine Antwort. Wie Recherchen am Samstagvormittag bei einem abermaligen Besuch des Hotels „Montana“ ergeben, ist verbürgt, dass tatsächlich Leichen vom Gelände des Hotels abtransportiert wurden, ohne dass das Management des „Montana“ hätte verfolgen können, wohin die Leichname gebracht und ob und wo sie bestattet werden.
Am Nachmittag schließlich antwortet Botschafter Voss Anne-Rose Schön, die dank Mitgefühl und Mitmenschlichkeit auf Anhieb einen Vermissten zu finden und identifizieren vermochte, nach dem die zuständigen Behörden offenbar nicht besonders intensiv gesucht haben. In der verspäteten Antwort zeigt sich der Botschafter dann indigniert, weil angeblich „die Ente“ verbreitet worden sei, der Leichnam von Christoph R. sei in einem Massengrab verschwunden; davon war freilich nie die Rede, allenfalls von der Gefahr, dass dies geschehen könnte, sollte der identifizierte Leichnam nicht umgehend zur deutschen Botschaft überstellt und in Sicherheit gebracht werden. Die Klärung des Verbleibs des Vermissten, schreibt der Botschafter, sei „bereits seit Donnerstag mit im Zentrum unserer Überlegungen“ gestanden. Doch offenbar nicht so sehr im Zentrum, um bei einem Besuch im „Montana“ an jener Stelle nachzuschauen, an welcher die Familie von Beginn an Christoph R. vermutet hatte. Nach dem persönlichen Augenschein spricht alles dafür, dass Christoph R. sofort tot war. Klarheit könnte freilich nur eine Obduktion ergeben. Der Leichnam konnte am Freitagnachmittag ohne Einsatz schweren Räumgeräts von drei Mitgliedern des kolumbianischen Rettungsteams von Hand geborgen werden - weil der Leichnam nicht unter der herabgestürzten Betondecke eingeklemmt war.
Möglicherweise sind solche Fragen nebensächlich und stören den bürokratischen Ablauf. Der Botschafter zeigt sich in seiner Mail vom Samstagnachmittag an Anne-Rose Schön denn auch indigniert, dass es nach dem Donnerwetter aus Berlin „viel Zeit und dringend benötigte Ressourcen gekostet hat, ohne Not“, abermals zwei Mitarbeiter zum „Montana“ zu schicken, um den Abtransport des ersten identifizierten deutschen Opfers des Erdbebens vorzubereiten. Vor dem Störmanöver einer deutschen Mitbürgerin, die sich auf die Suche nach einem Landsmann machte, weil sie von deren Familie darum gebeten worden war, hatte es die Botschaft aber auch unter Einsatz aller dann noch zur Verfügung stehenden Ressourcen und mit viel Zeit nicht geschafft, Christoph R. zu finden.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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