http://www.faz.net/-gpf-75y44
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 23.01.2013, 06:27 Uhr

Deutsche Fragen, Deutsche Antworten Schleichende Zunahme des Antiamerikanismus

Präsident Obama ist in Deutschland populär, und die Deutschen verlassen sich auf die Vereinigten Staaten. Negativklischees prägen aber immer mehr die Wahrnehmung Amerikas.

von Thomas Petersen
© dpa Abzug der letzten amerikanischen Soldaten: Seit Beginn des Irak-Kriegs fiel das Ansehen Amerikas dramatisch

Es waren beeindruckende Bilder, die vorgestern aus Washington auf die deutschen Fernseh- und Computerbildschirme übertragen wurden. Trotz eisiger Kälte hatten sich Hunderttausende aufgemacht, um bei der Vereidigung Barack Obamas für seine zweite Amtszeit dabei zu sein. Sie säumten fähnchenschwenkend die Straßen der amerikanischen Hauptstadt. Auf der Freitreppe vor dem prächtig geschmückten Capitol standen Politiker und Würdenträger und ein sichtlich gutgelaunter Präsident. Wohin die Kamera gerichtet war, überall sah man fröhliche Gesichter.

Man kann annehmen, dass sich viele Deutsche mit Barack Obama über seine Wiederwahl gefreut haben. Seit fast einem halben Jahrhundert war kein amerikanischer Präsident in Deutschland so populär wie er. Auf die Frage „Haben Sie von Obama alles in allem eine gute oder keine gute Meinung?“ antworteten in einer Allensbacher Umfrage vom Januar 2009, zu Beginn der ersten Amtszeit, 87 Prozent der Befragten, sie hätten vom Präsidenten eine gute Meinung.

Obama als großer Hoffnungsträger

Das war die höchste jemals gemessene Zustimmung für einen amerikanischen Staatschef. Selbst von Kennedy hatten unmittelbar nach seinem berühmten Berlin-Besuch im Jahr 1963 „nur“ 82 Prozent eine gute Meinung. Heute sind die Urteile über Obama kaum negativer als vor vier Jahren. In der Januar-Umfrage des Allensbacher Instituts sagen 78 Prozent der Befragten, sie hätten von Obama eine gute Meinung. Der letzte Präsident, der bei den Deutschen ähnlich beliebt war, war Lyndon B. Johnson im Jahr 1964.

Infografik / Popularität amerikanischer Präsidenten / Bester Freund Deutschlands © F.A.Z. Vergrößern

Obwohl Obama bereits vier Jahre im Amt ist und alles in allem eine eher bescheidene Erfolgsbilanz als Präsident aufweisen kann, wird er in Deutschland noch immer als großer Hoffnungsträger empfunden. Dies zeigen die Antworten auf die Frage „Wie groß sind Ihre Hoffnungen, dass Barack Obama in den nächsten Jahren Gutes für die Vereinigten Staaten und die Welt bewirken wird?“: 50 Prozent der Befragten sagen im Januar 2013, sie setzten „sehr große“ oder „große“ Hoffnungen in den amerikanischen Präsidenten.

So könnte man meinen, das Amerika-Bild der Deutschen sei ungetrübt wie lange nicht. Doch das täuscht. Hinter der glänzenden Fassade der Obama-Begeisterung hat sich das Bild der Vereinigten Staaten bei den Deutschen verdunkelt. Es ist, als entferne sich die Bevölkerung emotional langsam, aber sicher von Amerika.

Wie ein großer Bruder Deutschlands

Die deutsch-amerikanischen Beziehungen hatten aus Sicht der deutschen Bevölkerung jahrzehntelang den Charakter von etwas Besonderem. Ein erheblicher Anteil der amerikanischen Bevölkerung ist deutscher Herkunft. Jeder vierte Deutsche hat Freunde oder Verwandte in den Vereinigten Staaten. In international vergleichenden Untersuchungen zeigen sich immer wieder auffallende Ähnlichkeiten zwischen Deutschen und Amerikanern. Vor allem ist der Schutz, den die Vereinigten Staaten in den Jahrzehnten der Teilung Europas boten, von den Deutschen lange Zeit mit großer Dankbarkeit honoriert worden. Die Vereinigten Staaten waren für viele Menschen wie der große Bruder Deutschlands.

Der durch die Militärmacht der Vereinigten Staaten gewährte Schutz wird auch heute noch von der Bevölkerung als sehr wichtig angesehen. Auf die Frage, mit welchen Mitteln Deutschland am besten für seine Sicherheit sorgen könne, wählen im Januar 2013 unter den vorgegebenen Antwortmöglichkeiten 66 Prozent der Befragten die Aussage „Durch unsere Mitgliedschaft in der Nato“. Erst an zweiter Stelle, genannt von 62 Prozent, folgt der Verweis auf eine gemeinsame europäische Außen- und Sicherheitspolitik.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Freihandel mit Amerika So geht es mit TTIP weiter

SPD-Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel und Frankreich sind fertig mit dem Handelsabkommen. Doch es stehen noch wichtige Treffen zwischen der EU und Amerika an. Mehr

30.08.2016, 10:24 Uhr | Wirtschaft
Wirtschaftsminister Gabriel TTIP ist de facto gescheitert

Am Tag der offenen Tür der Bundesregierung hat Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel Fragen zum transatlantischen Freihandelsabkommen (TTIP) beantwortet. Nach meiner Einschätzung sind die Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten de facto gescheitert, auch wenn das keiner so richtig zugibt, sagte Gabriel in Berlin. Mehr

29.08.2016, 16:24 Uhr | Wirtschaft
Türkei im Syrien-Krieg Erdogan setzt Offensive gegen Kurdenmiliz fort

Der türkische Präsident zeigt sich unbeeindruckt von der Aufforderung Washingtons, die Offensive gegen die Kurdenmilizen in Syrien zu beenden. Erdogan will die wichtigsten Verbündeten Amerikas im Kampf gegen die Terrormiliz IS weiter angreifen. Mehr

30.08.2016, 09:16 Uhr | Politik
Berlin De Maizière erwartet mehr Selbstkontrolle von Facebook

Bundesinnenminister Thomas de Maiziere hat im Rahmen eines Arbeitsbesuches in den Berliner Geschäfträumen von Facebook abermals eine stärkere eigene Kontrolle von verbotenen Inhalten gefordert. Die Unternehmenssprecherin von Facebook Deutschland, Eva-Maria Kirschsiepe, versicherte, das Unternehmen stelle sich dieser gesellschaftlichen Verantwortung. Mehr

29.08.2016, 18:16 Uhr | Politik
Freihandel mit Amerika Frankreich fordert Stopp der TTIP-Verhandlungen

In Frankreich wachsen seit Monaten die Zweifel daran, dass der Vertrag zustande kommt. Nun macht Präsident François Hollande anscheinend ernst. Mehr

30.08.2016, 08:59 Uhr | Wirtschaft

Gefahren kennen keine Altersgrenze

Von Reinhard Müller

Schon Minderjährige können im Namen des IS andere Menschen attackieren. Das zeigt der Fall einer 16 Jahre alten Deutsch-Marokkanerin. Der Verfassungsschutz muss sie beobachten dürfen. Mehr 20 70

Abonnieren Sie den Newsletter „Politik-Analysen“