20.06.2009 · Unternehmen um die Münchener Rück wollen Sonnenstrom in Afrika erzeugen und importieren. Die von der Bundesregierung getragene Deutsche Energieagentur stuft das als Geldverschwendung ein: Ein F.A.Z.-Interview mit Dena-Geschäftsführer Stephan Kohler.
Unternehmen um die Münchener Rück wollen Sonnenstrom in Afrika erzeugen und importieren. Die von der Bundesregierung getragene Deutsche Energieagentur stuft das als Geldverschwendung ein. Im Interview mit der F.A.Z. sagt Dena-Geschäftsführer Stephan Kohler: „Es macht überhaupt keinen Sinn, in der Sahara, weitab von allen Verbrauchern, Strom zu erzeugen und dann bis nach Deutschland zu transportieren.“
Herr Kohler, deutsche Unternehmen erwägen, Milliardensummen in Solarkraftwerke in Afrika zu investieren, um vielleicht schon in zehn Jahren von dort sauberen Strom nach Deutschland zu transportieren. Was haben Sie dagegen?
Ich habe nichts dagegen, dass deutsche Unternehmen in Tunesien oder anderen Mittelmeerländern möglichst nahe an Städten Solarkraftwerke bauen. Das ist sinnvoll. Davon profitieren deutsche Anbieter. Aber es macht überhaupt keinen Sinn, in der Sahara, weitab von allen Verbrauchern, Strom zu erzeugen und dann bis nach Deutschland zu transportieren. Der Strom, der in den Solarkraftwerken erzeugt werden kann, kann auch in diesen Ländern verbraucht werden. Er wird dort benötigt.
Wir könnten den Sahara-Strom doch gut brauchen. Könnten wir nicht auf den Bau teurer Anlagen zur Abscheidung und Lagerung von Kohlendioxid (CCS) verzichten und uns mit Sahara-Strom sauber waschen?
Wenn deutsche Unternehmen, was ich sehr begrüßen würde, massiv in Solarkraft in der Mittelmeerregion investieren würden, dann profitieren wir davon. Denn dort bekommen sie ja Zertifikate dafür, dass sie Kohlendioxid-Ausstoß vermieden haben. Die können dann bei uns wiederum eingesetzt werden, um Kohle- oder Erdgaskraftwerke zu betreiben. Wir müssen heute nicht physisch Strom aus Nordafrika nach Deutschland transportieren, um uns hier sauber zu waschen. Dafür gibt es den Zertifikatshandel. Dem globalen Klima ist es doch egal, wo die Emissionen eingespart werden. Und hier sollten wir das tunlichst mit der Abscheidung und Lagerung versuchen.
Würde der Öko-Strom aus Afrika nicht unsere Versorgungssicherheit erhöhen und uns von Russland und dem Mittleren Osten unabhängiger machen?
Zentralistische Systeme sind kein gutes Mittel, um die Versorgungssicherheit zu erhöhen. Wir haben ja mehrfach am Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine erfahren, dass zentrale Versorgungsstränge sehr leicht und schnell unterbrochen werden können. Die Frage ist doch auch, ob wir zu der hohen Abhängigkeit bei der Belieferung von Erdgas und Öl eine weitere Abhängigkeit mit der Belieferung von Strom hinzufügen wollen. Ich sehe noch ein Problem: Warum sollen wir unsere Anstrengungen für mehr Energieeffizienz vergrößern, wenn den Leuten jetzt suggeriert wird, es gebe billigen und sauberen Sahara-Strom in Hülle und Fülle?
Erst verlangen Sie, Solarkraftwerke da zu bauen, wo die Sonne scheint. Jetzt soll das geschehen, aber Sie sind dagegen, den Strom abzunehmen. Das ist doch inkonsistent.
Nein, das ist es überhaupt nicht: Wir sollten die Solarkraftwerke da bauen, wo die Sonne scheint, zum Beispiel rund ums Mittelmeer. Da ist eine effiziente Erzeugung sehr gut möglich. Aber ich bin auch für eine effiziente Nutzung. Deshalb sollte der Solarstrom, den wir dort mit immer noch erheblichem Kostenaufwand erzeugen, auch dort verbraucht werden. Würden wir diesen Strom importieren, müssten für viele Milliarden Euro neue Leitungen gebaut werden.
Aber technisch ist das kein Problem?
Technisch ist das machbar, aber es ist nicht wirtschaftlich. Die neue Infrastruktur bringt keinen Vorteil, sondern nur Kosten. Und wie die Bevölkerung auf neue Stromleitungsprojekte reagiert, das erleben wir doch hierzulande seit Jahren mit massiven Protesten und Verzögerungen. Dabei geht es in Deutschland nur um 800 Kilometer neue Leitungen, damit der Windstrom von der Küste in die Verbrauchsschwerpunkte Deutschlands abgeleitet wird. Bei den Sahara-Leitungen reden wir über Tausende Kilometer. Da wünsche ich schon mal viel Spaß.
Oder sind Sie so skeptisch, weil die Dena nicht um Mitwirkung gefragt worden ist?
Das ist ja kein neues Projekt. Darüber wird schon seit Jahren debattiert. Vor zwei Jahren hatte uns der World Energy Council...
...eine internationale Vereinigung der Energiewirtschaft...
...gebeten, an so einem Projekt mitzuarbeiten. Aber wir halten andere Strategien für die Nutzung regenerativer Energiequellen für sinnvoller und effizienter. Deshalb haben wir uns dort nicht engagiert. Der Bau von Solarkraftwerken ist nur dann sinnvoll, wenn der Strom vor Ort verbraucht wird. An solchen Projekten beteiligen wir uns auch.