13.12.2008 · In der Finanzkrise offenbart sich, wie es um die diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Großbritannien wirklich steht: London und Berlin nehmen kein Blatt mehr vor den Mund und kritisieren die Konjunkturstrategien des jeweils anderen scharf.
Von Johannes Leithäuser, LondonDer Krieg der Stellungnahmen zwischen London und Berlin hat ein Stadium erreicht, das im diplomatischen Verschlüsselungscode mindestens als „offener Meinungsaustausch“ bezeichnet würde, fände es noch hinter verschlossenen Türen statt. Doch verärgerte deutsche Finanzpolitiker nehmen kein Blatt mehr vor den Mund, wenn sie öffentlich über die britische Methode urteilen, Wirtschaftskrisen mit Staatsschulden zu bekämpfen; Londoner Entgegnungen aus höchstem Munde unterstellen wiederum, die Deutschen würden entweder falsch verstanden oder seien nicht ganz richtig im Kopf.
Die britische Gewohnheit politischen Handelns - kurzfristig, fallweise, lösungsorientiert - lädt in Krisenzeiten zu Missverständnissen geradezu ein: wer auf Aktion und Tatkraft Wert legt, ist gerade in unübersichtlichen Momenten kaum geneigt, Motive und Beweggründe anderer zu ergründen und zu verstehen. Diese grundsätzlichen Differenzen haben die aktuelle Kluft zwischen der Berliner großen Koalition und der Londoner Labour-Regierung aber nur vertieft; die Ursachen dafür liegen in einem ganzen Bündel aktueller Meinungsverschiedenheiten. Rezession und Emissionshandel, Russland und Afghanistan lauten einzelne Kapitelüberschriften.
Schmerzhafte Belehrungen
Überdies hat derart unverhohlene deutsche Kritik an britischem Regierungshandeln, wie sie jetzt zuerst vom deutschen Finanzminister Steinbrück (SPD) und dann vom haushaltspolitischen Sprecher der Unionsfraktion Kampeter (“Labours Finanzpolitik ist gescheitert“) geäußert wurde, für die Empfänger einen überraschenden Neuigkeitseffekt. So frank sind deutsche Stimmen bislang in Whitehall nicht vernommen worden.
Würden sich die staunenden Adressaten Zeit zur Motivforschung nehmen, dann fänden sie mindestens im Falle Steinbrücks heraus, dass die finanzpolitische Kehrtwende der britischen Führung, also Gordon Browns, weg von der lange gepriesenen Marktfreiheit hin zur Staatsintervention bei den deutschen Kollegen jenen Verärgerungsnerv getroffen hat, der immer schmerzt, wenn intensive Belehrungen plötzlich die Richtung wechseln.
Medien zeigen Verständnis für deutsches Zögern
Die deutschen Kritiksalven erzeugten auf britischem Boden aber auch deswegen so große Wirkung, weil Brown in seinem kühnen Schuldenschritt durch die Rezession keineswegs auf der stabilen Vertrauensbasis der ganzen Nation marschiert: Die meisten Briten empfinden Unbehagen gegenüber den Ursachen und Folgen der Krise. Der Boom des letzten Jahrzehnts, die Verdoppelung oder Verdreifachung der Häuserwerte und -preise, die rasch gestiegenen Konsumraten und schwindelerregenden Bank-Boni erscheinen in der Rückschau zu halsbrecherisch, um nun auf eine politisch beherrschbare Korrektur schließen zu lassen.
Viele englische Zeitungen und vor allem die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt BBC ließen daher der ersten freudigen Empörung über die deutschen Unverschämtheiten erläuternde Worte folgen in dem Tenor, es sei den Deutschen nicht zu verdenken, wenn sie das britische Schuldenfest nicht mitfeiern wollten, die wirtschaftlichen Umstände seien anders in Deutschland, und Gordon Browns keynesianische Methoden seien keineswegs unbestreitbar.
Die Wahlkampf-Ausrede
Die oppositionellen britischen Tories freuen sich deswegen jetzt über unverhoffte Kronzeugen jenseits des Kanals, die Labour-Führung hingegen sieht sich gezwungen, die deutsche Kritik entweder ins Absurde oder ins Lächerliche zu ziehen. Brown versuchte dies in einer ersten Entgegnung, indem er der Bundesregierung vorhielt, deren Konjunkturprogramm sei doch noch viel höher als das der eigenen Regierung, überdies sei der beginnende Wahlkampf wohl der Grund für Steinbrücks Bemerkungen.
Doch dass im zweiten Anlauf dieselben Äußerungen vom anderen Ende der großen Koalition aus dem Munde Kampeters kamen, machte diese bagatellisierende Ausflucht zunichte. Trotzdem wurde sie am Freitag von Browns Außenminister Miliband aufs Neue bemüht: „interne deutsche Faktoren vor den kommenden Wahlen“ seien da am Werk gewesen.
Verschieden Interessen, viel Streitpotential
Die furchterregende Finanz- und Wirtschaftskrise verschärft auch Meinungsverschiedenheiten auf anderen Gebieten: im Klimaschutz etwa, wo Deutschland als Industrie- und Exportland in der Frage des Emissionshandels andere Interessen hat als Großbritannien als weltweiter Handels- und Dienstleistungsknotenpunkt. Die Auseinandersetzung über den Umgang mit Russland ist beeinflusst von dem Faktum, dass die Briten vorübergehend noch auf eigenes Öl und Gas aus der Nordsee zurückgreifen können, während die Deutschen sich veranlasst sehen, es durch die Ostsee aus russischen Lagerstätten zu sich zu leiten.
Einen weiteren Faktor steuert der französische Freundschaftswechsel bei: seit Präsident Sarkozy die Partnerschaft mit den Deutschen durch die Liebe zu den Briten ersetzt hat, ist im Nebeneffekt die zuvor sachliche Zusammenarbeit zwischen London und Berlin auch mit emotionalen Nebeneffekten beladen worden. Zwar nimmt sich der britische Premierminister neben dem schwärmerischen französischen Präsidenten noch immer ziemlich nüchtern aus, doch weiß er es zu schätzen, dass der neue Freund aus Paris bislang von jenem Blatt singt, das er in London komponiert hat. Das kann sich freilich ändern, sobald Themen aktuell werden (etwa der EU-Beitritt der Türkei), bei denen beide Nationen gegensätzliche Positionen halten.
Mit der Rücksicht ist es vorbei
Die ernsthafteste Ursache für bilaterale Enttäuschungen zwischen London und Berlin liegt daher auch jenseits der europäischen Grenzen: In Afghanistan gewinnen die Briten zunehmend den Eindruck, sie trügen die Last der Verteidigung der Freiheit beinahe allein (unter den europäischen Nato-Mitgliedern): Die Forderung nach fairer Lastenteilung unter den westlichen Ländern stellen britische Minister jede Woche neu; die Deutschen werden dabei nie direkt genannt, sind aber doch immer die ersten Adressaten.
Die Rücksicht auf deutsche Selbstbeschränkungen, die aus der historischen Erfahrung des letzten Jahrhunderts resultieren, ist in London längst verflogen: Aus britischer Sicht haben jene, denen Großbritannien in seiner „größten Stunde“ einst eine Lektion der Freiheit erteilte, die Botschaft erst verstanden, wenn sie heute mit dem Enthusiasmus ihrer britischen Kameraden das Gleiche tun, statt sich gehemmt an der Seite zu halten.