Draußen, vor der Zelle, hörte ich ein seltsames Geräusch, so als würde ein Ei aufgeschlagen. Sie hatten gerade einen Mann weggeschleppt, der auf dem Boden lag. Ich wusste es damals nicht, aber andere Gefangene in Idi Amins Militärgefängnis in Makindye erzählten mir später, dass der Henker einen Vorschlaghammer benutzt hatte. „Wenn du in der Zelle der Verdammten bist, zerschlagen sie dir den Schädel", erklärten mir die anderen Gefangenen.
Heute - gut drei Jahrzehnte später - ist Amins Name Gott sei Dank Geschichte. Sein Tod am Samstag in Saudi-Arabien nach fast einem viertel Jahrhundert im Exil macht für alle Zeiten ein Comeback unmöglich. 1972 war das anders. Da herrschte Idi Amin uneingeschränkt über Uganda. Durch das Fenstergitter unserer Zelle erinnerte hörten wir das Lachen von Kindern und das pulsierende Leben einer Bar auf der anderen Straßenseite. Krähen schabten mit ihren Krallen auf dem Blechdach. Auf dem nackten Betonboden lagen oder saßen ein paar Gefangene, alle Afrikaner. Es stank nach Übergebenem. Überall an den Wänden klebte getrocknetes Blut. Viel geredet wurde nicht. „Lass sie doch kommen und es beenden", sagte ein Mann in Suaheli.
In meiner Kindheit in Kenia hatte ich die Sprache gut genug gelernt, um ihn zu versehen. Leider. Im Wachraum des Gefängnisses hatte ein Soldat mir mit einem Knüppel eins über den Schädel gezogen. „Die beiden da, die werden diese Nacht um Wasser flehen, weil wir ihnen ihre Haare abfackeln werden", erklärte er mir.
Eine fliegende Untertasse
Mein Gefährte war Sandy Gall vom Nachrichtenprogramm des Fernsehsenders Independent. Wir waren nach Kampala geschickt worden, um über die aus heiterem Himmel entschiedene Ausweisung der asiatischen Minderheit - rund 40.000 Menschen - zu berichten. Er war aus London und ich aus Nairobi angereist.
Ich kannte das Land. Hatte ich doch mit dem Tyrannen höchstpersönlich häufig nett geplaudert, in Suaheli versteht sich. Amin war immer für eine Story gut. Fleet Street war begeistert. Einmal hatte er eine fliegende Untertasse gesehen. Er liebte Journalisten. Zum Frühstück schaltete er das BBC ein, um zu sehen, ob er in den Nachrichten war. Afrika fand es peinlich.
Eine blutige Säuberung
"Wenn ich eine Frau wäre, würde ich ihn bestimmt heiraten", sagte er einmal über den Präsidenten Tansanias, Julius Nyerere, den er in Wahrheit hasste. Denn Nyerere gewährte seinen Gegnern Asyl. Und während Amin noch damit beschäftigt war, die Asiaten auszuweisen, drangen diese Dissidenten in Uganda ein. Eine blutige Säuberung nahm ihren Gang.
Alle westlichen Journalisten, derer Amin habhaft werden konnte, wurden eingesperrt bis alle Aufrührer und ihre vermeintlichen Anhänger abgeschlachtet waren. Amin vermied es, Ausländer zu töten, er fürchtete, dass in diesem Fall Großbritannien sich mit Nyerere zusammentun würde. Die Spione waren wir. Und wir konnten jetzt hinter der Clown-Maske den wahren Amin sehen.
Ein gepunktetes Kleid
Die drei Männer und eine Frau in einem mit Punkten getupften Kleid nahmen mich fest. In meinem Pass sahen sie, dass ich gerade noch in Tansania gearbeitet hatte. Ein Schläger mit dunkler Sonnenbrille kochte vor Wut. Er befahl mir, mich in den Kofferraum eines Peugeot 504 zu legen. Das bedeutete, dass man so gut wie tot war. Ein Polizeioffizier verhinderte das. Ich fürchte, er war ein mutiger Mann, der wahrscheinlich nicht lange überlebte. „Sie werden freikommen und werden vielleicht in ein paar Tagen deportiert", flüsterte er mir zu. In dem Hotel stöberten sie noch Sandy auf. Als sie keine weiteren „Spione“ finden konnten, fuhren sie uns zum Makindye-Gefängnis.
In der Hinrichtungszelle wurde es dunkel. In dem eisernen Türschloss war das Klirren der Schlüssel zu hören. Ein Dutzend neue afrikanische Häftlinge kamen herein. Sandy begann zu beten. Ein Feldwebel brüllte ein Kommando: „Ihr zwei Europäer, ihr kommt mit mir.“
„Zünde für Uganda eine Kerze an"
Im Halbdunkeln ging es vorbei an Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten zu einer anderen Zelle, wo ein Licht brannte. Später stellte sich heraus, dass diese Zelle den privilegierten Häftlingen vorbehalten war. Einer hatte einen Flachmann mit Kaffee. Als die anderen Gefangenen begriffen, woher wir kamen, war ihr Aufseufzen unüberhörbar: „Ihr habt Glück, dass ihr da lebend rausgekommen seid.“
Mich verfolgt bis heute der Gedanke an das Schicksal jener zehntausender von Menschen, die nicht davon gekommen sind. Vor etwa einem Jahr war ich wieder in Kampala. Meine Gastgeber schenkten mir einen geschnitzten Kerzenhalter. „Zünde für Uganda eine Kerze an", baten sie mich. Das hat geholfen. Aber es was so verdammt wenig, was ich tun konnte.