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Der Wilhelmstraßen-Kern

16.12.2010 ·  Die Historikerkommission und die angeblich zählebige Widerstandslegende / Von Rainer Blasius

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Zwölf Diplomaten mussten ihren Kampf gegen Hitler mit dem Leben bezahlen. Sie werden im Auswärtigen Amt (AA) geehrt durch Namensnennung samt Datum ihrer Hinrichtung. Eine Wand mit eindrucksvollen Gravuren - von Albrecht Graf Bernstorff über Hans Bernd von Haeften und Rudolf von Scheliha bis Adam von Trott zu Solz - weihte Außenminister Fischer im Juli 2000 ein. Er widmete sich zunächst denen, die Kraft und Mut aufbrachten, "gegen das Unrecht zu handeln", und dafür "in den Tod" gingen, sodann überlebenden Regimegegnern wie "Georg Ferdinand Duckwitz, Hasso von Etzdorf, Hans Heinrich Herwarth von Bittenfeld, Albrecht von Kessel, Erich und Theo Kordt. Diese Liste ließe sich erweitern. Viele von ihnen haben den Auswärtigen Dienst der Bundesrepublik mit aufgebaut. Auch an diese Diplomaten und ihre großen Leistungen sei in dieser Stunde erinnert."

Zehn Jahre später wird im Buch "Das Amt" von jener "Unabhängigen Historikerkommission", die Fischer 2005 einberief, solche Regimegegnerschaft meist marginalisiert oder weggelassen. Selbst den Hingerichteten begegnet die Kommission mit Misstrauen, vornehmlich bei überlieferten Äußerungen. Hier steht im Zentrum der Augenzeugenbericht des Vortragenden Legationsrats Wilhelm Melchers vom Februar 1946 - vollständig wiedergegeben 1969 im Privatdruck von Wilhelm Haas' "Beitrag zur Geschichte der Entstehung des Auswärtigen Dienstes der Bundesrepublik Deutschland", teilweise zitiert 1994 von Clarita von Trott im Erinnerungsbuch an ihren Ehemann und - konzentriert auf Mitte Juli 1944 - in der "Süddeutschen Zeitung" vom 19. Juli 2008.

Das Melchers-Dokument diente als Unterlage in einem Spruchkammerverfahren. Muss es sich deshalb um eine Erfindung handeln? Jedenfalls passt diese Quelle schlecht zu dem vom Kommissionssprecher Eckart Conze propagierten Ansatz vom AA als "verbrecherischer Organisation" - und zwar wegen des Gesprächs Melchers/Trott am 18. Juli 1944: Es sei erstaunlich, "wie tadellos das Auswärtige Amt sich über die elf Jahre gehalten habe". Die Politische Abteilung, die Wirtschaftsabteilung und die Rechtsabteilung könnten nach einem Umsturz "von einigen notwendigen Änderungen abgesehen, fast in der gegenwärtigen Besetzung übernommen werden". Jedoch seien bei den Abteilungen Presse, Information, Rundfunk und Inland "eine Menge unerwünschter Elemente. Der Kern des Amts mit den eigentlich wichtigen Arbeitsgebieten sei gesund. Der alte Stamm des Amts sei seiner Sachkenntnis und Erfahrung wegen nach wie vor unentbehrlich geblieben." So nachzulesen bei Haas (1969), während die Trott-Passage in der "Süddeutschen Zeitung" (2008) lautete: "Auch wenn in die Presse-, Informations- und Inlandabteilung eine Menge unerwünschter Elemente eingedrungen sei, sei der Kern des Amts im Wesentlichen gesund." Beim Melchers-Papier handele es sich laut Kommission um ein "frühes Schlüsseldokument zur amtsinternen Mythenbildung", um das "Entréebillet zu einem kleinen Zirkel ehemaliger AA-Beamter, die sich selbst als Träger einer amtsinternen Opposition verstanden, deren tatsächliche Beziehungen zum Widerstand allerdings oft nicht weniger marginal gewesen waren als die des Verfassers." Jedenfalls habe sich Melchers selbst entlasten wollen, weil er im Krieg "Leiter des Orientreferats und damit einer der Hauptverantwortlichen für antijüdische Propaganda im arabischen Raum gewesen war".

Natürlich ist es nicht auszuschließen, dass sich Melchers des am 26. August 1944 in Berlin-Plötzensee hingerichteten Trott bediente und dass manches sich in der Erinnerung verschob. Muss deshalb alles gelogen sein, was er 1946 zu Papier brachte? Keineswegs, so meinte im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung der Historiker Daniel Koerfer. Er zog als Beleg erstmals ein Dokument aus dem Russischen Staatlichen Militärarchiv heran: die Aufzeichnung eines SS-Hauptsturmführers vom 30. Oktober 1944 für das Reichssicherheitshauptamt über "negative Strömungen im deutschen diplomatischen Dienst", vor allem über Claus von Stauffenbergs "diplomatischen Berater" Trott. Der sei "seit langem als krasser Defaitist bekannt" gewesen. Wörtliches Trott-Zitat aus einer Vernehmung: "Auf die Aufforderung, der nationalsozialistischen Bewegung und dem Führer gegenüber ablehnend eingestellte Diplomaten namhaft zu machen, bitte ich, lieber die positiv eingestellten bezeichnen zu dürfen, da, von diesen abgesehen, meines Erachtens der weitaus größte Teil der Gefolgschaft unter dem Druck der dauernden Feind-Nachrichten und Feind-Propaganda und zweifellos der angespannten Kriegslage einer mehr oder weniger einseitigen (d.h. anti-nationalsozialistischen) Einstellung zuneigt." Trott führte für das AA nur sieben überzeugte NS-Anhänger an: Staatssekretär Gustav Adolf Baron Steengracht von Moyland, Staatssekretär Wilhelm Keppler, den Leiter der Personalabteilung Hans Schroeder, den Leiter der Kulturpolitischen Abteilung Franz Alfred Six, den Leiter der Rundfunkpolitischen Abteilung Gerhard Rühle, den Leiter der Presseabteilung Paul Karl Schmidt sowie Unterstaatssekretär Andor Hencke. Nur Hencke und Schröder gehörten der Wilhelmstraße vor 1933 an, die anderen waren NS-Seiteneinsteiger von 1938 an.

Weiter hieß es in der Aufzeichnung: "Der erschreckende Umfang, den die Meldungen über Hoch- und Landesverrat, Wehrdienstverweigerung, Desertion und Heimtücke bei Angehörigen des Auswärtigen Dienstes in den letzten Monaten angenommen haben, und die maßgebliche Beteiligung von Vertretern der alten Schule, gerade auch solchen der ,alten Schule', am Putsch des 20.7. drängen zwangsläufig zu der Frage, ob es sich hier um eine zufällige Häufung von Einzelerscheinungen handelt" oder "ob diese Dinge einen ernsten staatsgefährlichen Charakter tragen als Ausfluss einer dem Nationalsozialismus entgegenstehenden Grundhaltung und einer ,eigenwilligen' Auffassung vom Beruf des Diplomaten." Letzteres sei der Fall. Von der "angekränkelten, defaitistischen und anti-nationalsozialistischen Grundhaltung" der deutschen Auslandsvertreter war die Rede, davon, dass die "schlappen, halt- und energielosen Diplomaten von den die Personalpolitik des Auswärtigen Dienstes verantwortenden Männern noch nicht ausgemerzt worden" seien.

Die erwähnte Trott-Äußerung - ohne den Klammerzusatz "anti-nationalsozialistischen" - findet sich auch in den 1984 von Hans-Adolf Jacobsen herausgegebenen Dokumenten aus dem Reichssicherheitshauptamt "Spiegelbild einer Verschwörung". Dies alles spricht dagegen, den Melchers-Bericht als Phantasie abzutun - wenn auch die Äußerung vom "gesunden Kern" in den Verfolgerakten keinen Niederschlag fand. Dass "die" Nationalsozialisten "den" Diplomaten allgemein ablehnend gegenüberstanden - trotz der vielen NSDAP-Mitglieder unter den Wilhelmstraßen-Beamten, trotz der Zusammenarbeit bei der Judenverfolgung -, ist in vielen Quellen belegt. Und dass der Auswärtige Dienst der Bundesrepublik in den ersten Jahrzehnten mit Unterstützung namhafter Journalisten und Historiker sein Wunschbild von der Wilhelmstraße als "Stätte der Opposition" oder als "Hort des Widerstandes" pflegte, diente nicht zuletzt dazu, den "Wilhelmstraßenprozess" in Vergessenheit geraten zu lassen. Denn der zeigte 1948/49 das moralische Versagen einer Ministerialbürokratie auf, die vorgab, hinter dem Namen Auschwitz nur ein Arbeitslager vermutet zu haben und bei der Verhaftung und Deportation europäischer Juden höchstens als "Briefträger" tätig geworden zu sein.

Um zu verstehen, warum sich die Kommission derart engagiert am Melchers-Bericht abarbeitete, hilft ein Blick auf die Diskussionsveranstaltung im AA vom 29. Oktober weiter. Da wetterte Kommissionsmitglied Norbert Frei gegen den - doch schon während der achtziger Jahre in sich zusammengebrochenen - allgemeinen AA-Widerstandsmythos und gegen jene finsteren Kräfte, die daran angeblich bis heute festhalten. Man müsse sich, sagte Frei, vergegenwärtigen, "mit welcher erstaunlichen Leichtigkeit etwa der Melchers-Bericht über die Kernphase der Legendenbildung - also das Auswärtige Amt laut Adam Trott ,im Kern gesund' - noch im Rahmen während des Zeitablaufs der Kommissionsarbeit sozusagen als unkommentierte Wahrheit jenseits aller geschichtswissenschaftlichen Verantwortbarkeit in die ,Süddeutsche Zeitung' transportiert worden ist". Welcher Kommissions-Gegner konnte 2008 in München sein Unwesen treiben und der "Süddeutschen Zeitung" den Melchers-Text unterschieben, ohne vorher höflich bei Frei anzufragen, ob dies denn opportun, ja ihm genehm sei? Immerhin besteht die Hoffnung, auch außerhalb von Freis "Verantwortbarkeit" Quellen publizieren und sogar "Das Amt" kritisieren zu dürfen.

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