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Der Papst in São Paulo Wenn Gott Brasilianer ist

13.05.2007 ·  Brasilien ist das größte katholische Land der Welt. Doch die Zahl der Katholiken schwindet derzeit unter dem Ansturm der Evangelikalen. Mit seinem Besuch soll nun Papst Benedikt XVI. den Trend stoppen - eine schwierige Aufgabe.

Von Sascha Lehnartz, São Paulo
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Achtzig Minuten währte das „Treffen des Papstes mit der Jugend“ am Donnerstag im Pacaembu-Stadion von São Paulo bereits, als die Tanzgruppe auftrat. Benedikt XVI. hatte zuvor 40.000 junge Mitglieder von Gemeinden aus ganz Lateinamerika kurz begrüßt, einige Sakropop-Darbietungen genossen und einen Kurzfilm über den Amazonas gesehen.

Er hatte die Reden von fünf ausgewählten Jugendlichen gehört, die sich für bessere Bildungschancen und eine Reform des Jugendstrafrechts aussprachen. Nun boten vierzig Tänzer in Indianerkostümen dem Heiligen Vater einen Ureinwohnertanz. Nach raschen Kostümwechseln folgten Samba und Capoeira. Zum Schluss erklang „Brasil“ - nana-ne-na-nana-nana.

Kardinal: „Wir dürfen Lateinamerika nicht verlieren“

Der Papst blickte gütig, aber ob die Show dem 80 Jahre alten Schriftgelehrten Joseph Ratzinger zusagt, bleibt ein Mysterium. Die Reise Benedikts XVI. in das „größte katholische Land der Welt“ soll den Trend bremsen, der den ganzen Kontinent erfasst hat: das Anwachsen der Pfingstkirchler, der Evangelikalen, auf Kosten der Katholiken.

Video: Papst droht wegen Legalisierung von Abtreibungen in Brasilien

„Wir dürfen Lateinamerika nicht verlieren. Und es ist möglich, dass wir es verlieren“, warnt der brasilianische Kardinal Charles Hummes. Wie man diesen Verlust verhindern kann und wie man zugleich der Herausforderung durch die stellenweise immer noch rege „Befreiungstheologie“ begegnen will, wird die lateinamerikanische Bischofskonferenz vom heutigen Sonntag an im Wallfahrtsort Aparecida beschäftigen. Der Papst wird die Konferenz eröffnen, bevor er nach Rom zurückkehrt.

Ist „heftig knutschen ohne Sex“ schon ein Verstoß?

Unmittelbar nach der Tanzeinlage am Donnerstagabend hatte Benedikt XVI. 37 Minuten lang mit sanfter Stimme deutliche Worte auf Portugiesisch gesprochen. Er predigte Keuschheit vor und während der Ehe. Er warnte vor den Verlockungen von Geld und Macht. Er rief zur Rettung des Amazonas auf und mahnte, die Kirche brauche nur solche Katholiken, die bereit seien, dem Beispiel Jesu zu folgen.

Die Jugend hörte die Botschaft wohl und feierte den Papst mit „Papa, eu também te amo“-Sprechchören: Papa, ich liebe dich auch. Ein anderes Motto: „Ja zum Leben, nein zur Abtreibung“. Zugleich bewegt junge brasilianische Katholiken zur Zeit, ob „ficar“ - was so viel heißt wie „heftig knutschen ohne Sex“ - schon ein Verstoß gegen das Keuschheitsgebot ist.

„Keuschheit“ in der Ehe heißt nicht „Enthaltsamkeit“

Nicht wenige allerdings beantworteten die Frage noch im Stadion mit Nein. Mit Erleichterung wurde am Tag nach der Rede des Papstes auch der Zeitungsbeitrag des Theologen Fernando Altemeyer aufgenommen, der erläuterte, die Forderung nach „Keuschheit“ in der Ehe könne mit „Treue“ und müsse nicht mit „Enthaltsamkeit“ übersetzt werden.

Die heftigere Debatte hatte der Papst jedoch bereits ausgelöst, bevor er brasilianischen Boden (mit dem linken Fuß zuerst) betrat. Auf dem Flug von Rom nach São Paulo hatte Benedikt XVI. im Gespräch mit Journalisten die Exkommunikation von Politikern befürwortet, die für eine Legalisierung der Abtreibung stimmen. Dies hatten mexikanische Bischöfe jüngst gefordert, nachdem das Parlament dort entschieden hatte, Abtreibung nicht länger unter Strafe zu stellen. In Brasilien diskutiert die Regierung Lula über ähnliche Pläne.

Präsident Lula wirbt für Bio-Dieselproduktion in Afrika

Gesundheitsminister José Gomes Temporão hielt dem Papst entgegen, Abtreibungen seien Fragen der „öffentlichen Gesundheit“. Für die sei die Politik zuständig, nicht die Kirche. Männer würden eh anders darüber denken, wenn sie selbst schwanger werden könnten. Am Freitag erklärte er dann, er wolle die Diskussion während des Aufenthaltes des Papstes nicht vertiefen, nachdem seine 89 Jahre alte, „sehr katholische“ Mutter ihn darum gebeten habe.

Auch in dem halbstündigen Gespräch, das der Papst am Donnerstagnachmittag mit Präsident Luiz Inácio Lula da Silva führte, wurde das Streitthema nicht erwähnt. Lula warb stattdessen zur Überraschung von Benedikt XVI. für Bio-Dieselproduktion in Afrika. Den Wunsch des Vatikans, eine Erklärung über „gemeinsame Interessen“ zu unterzeichnen, wies Lula höflich ab. Unter anderem hatte sich Rom ein Bekenntnis zu verpflichtendem Religionsunterricht in den Schulen und Zugang für Missionare zu Indiogebieten erhofft. Lula kleidete seine Absage in ein Bekenntnis zum laizistischen Staat.

Beim Predigen angeblich über dem Boden schwebend

Benedikt XVI. besucht ein Volk, das sich nicht mehr sicher ist, ob es noch in einem „país católico“, einem katholischen Land, lebt. Das Schwellenland hat einen Modernitäts- und Säkularisierungsschub erlebt. Der Struktur- und Identitätswandel zeigt sich auch darin, dass der Anteil der Katholiken in den wachsenden urbanen Regionen schneller schrumpft als auf dem Land.

Am Freitag sprach Benedikt XVI. bei einer Freiluftmesse vor einer Million Menschen in São Paulo den ersten Brasilianer heilig: den wundertätigen Pater Frei Galvão (verstorben 1822), einen hünenhaften Menschen, der beim Predigen über dem Boden geschwebt haben soll. Die Heiligsprechung fügt sich in die Bemühungen, bröckelnde Identität zu kitten, denn der Pater ist überaus volkstümlich. Einen sichtbaren Erfolg kann „Bento Dezasseis“ am Ende seiner Reise verbuchen.

„Wenn Gott Brasilianer ist, ist der Papst Carioca“

Er hat die hier bestehenden Vorbehalte verringert, er sei ein kühler Intellektueller. Brasilien hatte seinen Vorgänger Johannes Paul II. ins Herz geschlossen, der beim ersten Besuch 1980 einer bettelarmen Gemeinde seinen Ring schenkte und bei seiner vierten und letzten Visite im Flamengo-Park in Rio 1997 gescherzt hatte: „Wenn Gott Brasilianer ist, ist der Papst Carioca“ - ein Bewohner Rios.

So weit ist Benedikt XVI. noch nicht. Doch die Paulista erfreute er mit mehreren unangemeldeten Kurzauftritten auf dem Balkon seiner Unterkunft im São-Bento-Kloster. Mancher fuhr beglückt mit dem Papst im Fotospeicher seines Handys nach Hause. Auch das kann heute Glauben festigen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.05.2007, Nr. 19 / Seite 4
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