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Der Papst in Nahost Im Vertrauen auf die Vernunft

16.05.2009 ·  Die Reise ins Heilige Land, die sich Benedikt XVI. vorgenommen hatte, war kein Kreuzzug. Im Gegenteil: Sie wurde zum persönlichen Kreuzweg für den deutschen Papst.

Von Heinz-Joachim Fischer
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Die Pilgerreise ins Heilige Land, die sich Benedikt XVI. vorgenommen hatte, war kein Kreuzzug, im Gegenteil, sie wurde zum persönlichen Kreuzweg für den deutschen Papst. Nicht wenige hatten ihn schon zur Verurteilung freigegeben, und zwar mit weithin geteilten politisch korrekten Gründen. Es schien in den vergangenen Tagen im Heiligen Land, in Jordanien und dann in Israel mit den Palästinenser-Gebieten einschließlich Bethlehems, als ob viele, Muslime, Israelis, Palästinenser und auch Deutsche, für diese Reise Benedikts Drehbücher erstellt hätten, mit schönen Erwartungen die einen und mit straffen Anweisungen die anderen. Vor allem seine Landsleute äußerten ungebremst Enttäuschung darüber, dass der deutsche Papst als Oberhaupt einer weltweiten Milliarden-Gemeinschaft sein eigenes Drehbuch hatte und aus eigenem Entschluss seine Ansprachen hielt oder auch im Gebet schwieg.

Benedikt hat diese Pilgerreise durchgesetzt, weil er die heiligen Stätten des christlichen Glaubens aufsuchen und sie von neuem ins Bewusstsein der Gläubigen heben wollte. Kleine und große Gründe, die Reise aufzuschieben, hätte es genug gegeben. Doch Benedikt wollte zur Minderung der religiösen und politischen Konflikte beitragen, die sich im Nahen Osten verdichten, genau dort, wo die drei Weltreligionen der Juden, Christen und Muslime aus dem Glauben Abrahams an den einen Gott entstanden sind. Denn der Papst vertraut immer noch auf das Wort und die Vernunft - weniger auf das Bild und die Schau. Seine dreißig Ansprachen, Stellungnahmen und Predigten sollten Kraft entfalten, auch jenseits der schnellen Reaktionen, die schon folgten, noch ehe seine Worte verklungen waren. Bis zur Erschöpfung arbeitete der 82 Jahre alte Mann sein Vorhaben in acht Tagen ab.

Hinterlist schadet den Religiösen

Nun ist es vor allem an den Menschen in der Krisenregion, seine Worte und Absichten aufzunehmen. Denn da hatte jemand im dreimal Heiligen und vielleicht auch deswegen vielfach zerrissenen Land gesprochen, der allen wohlwollte, doch niemandem nach dem Mund redete. Seine jeweiligen Stellungnahmen haben nicht um des raschen Beifalls willen die Einsichten in das langfristig Nötige hintangestellt. Den Muslimen hat Benedikt weiter die Notwendigkeit des Dialogs und dessen fruchtbare Möglichkeiten in ihrem eigenen Interesse vorgehalten, im Unterschied zu jedem Theaterdonner, den man heutzutage beliebig in den Medien oder bei den Massen auf der Straße zünden kann. Bei den katholisch-muslimischen Gesprächen in Rom und an anderen Orten sind Fortschritte erzielt worden, kleine, zuweilen sehr zaghaft, oft mit Vorbehalten versehen. Der Papst hat die Allianz der Gutwilligen in den beiden unterschiedlich aufgeklärten Religionen gestärkt und argumentiert, dass Hinterlist den Religiösen letztlich schadet, ihr Anliegen diskreditiert.

Mit der Autorität des Kirchenoberhauptes ist Benedikt nach Israel gekommen. In zwei Reden, ganz am Anfang noch auf dem Flughafen und dann in der Gedenkstätte von Yad Vashem, in der Erinnerung an den Völkermord an sechs Millionen Menschen, deren Namen bei den Späteren und vor Gott nicht vergessen sind, widerlegte der Papst alle Zweifel an der Haltung der Kirche und seiner persönlichen Einstellung im Verhältnis zu den Juden. Er bekräftigte, dass die wenigen Millionen Juden überall auf der Welt in der katholischen Kirche mit ihren mehr als einer Milliarde Gläubigen den wohl mächtigsten Verbündeten gegen den Antisemitismus haben.

Der „Versuchung“ widerstanden

So wurde die Gegenwart des Papstes in der „Halle der Erinnerungen“ in Jerusalem historisch: Weil Benedikt, der schon im Mai 2006 im Konzentrationslager von Auschwitz zum Furchtbaren Stellung genommen hatte, die Menschen an die Opfer erinnert, nimmt eine erstaunte Welt wahr, dass wenige Jahrzehnte nach dem Völkermord durch Deutsche ein deutscher Papst die Sache der Ermordeten vor Gott vertritt. Dass der Staat Israel, dass Juden einem Deutschen gewähren, im Namen seiner Kirche an ihrer schmerzvollsten Stätte zu sprechen und mit den Worten ihrer Bibel zu schweigen, gibt der Menschheit ein Zeichen des Guten.

Schon lange nicht hat an ganz anderer Stelle jemand mit Autorität den Palästinensern gesagt, dass es nun genug sei mit Gewalt und Terrorismus. Bei allem ausgesprochenen Mitgefühl mit dem palästinensischen Volk, bei allem Verständnis für seine legitimen Ziele eines souveränen Heimatlandes in sicheren und international anerkannten Grenzen, so legte Benedikt dar, muss die Spirale von Hass und Vergeltung aufhören.

Damit korrigiert dieser Papst eine moraltheologische Lehre, die sein Vorgänger Paul VI. in den sechziger Jahren, etwa für Lateinamerika, unterstützte: dass nämlich die politischen Lebensbedingungen so unerträglich sein können, dass sie die Unterdrückten zur Gewalt berechtigten. Das nannte Benedikt jetzt eine „Versuchung“, der zu widerstehen sei; Gewalt und Terrorismus könnten niemals zu „Rechten“ werden. Auch hier kann der Papst nur darauf vertrauen, dass die lang wirkende Kraft der Vernunft das Bündnis der Gutwilligen im Nahen Osten stärkt. Der Vernunft ein wenig nachhelfen - vielleicht war es vor allem das, was Benedikt im Heiligen Land wollte, auf den Spuren Christi.

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