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Der moderne Krieg : Wir müssen vorbereitet sein

  • -Aktualisiert am

Notrationen von Lebensmitteln sind im ehemaligen Regierungsbunker der Bundesregierung in Bad Neuenahr-Ahrweiler zu sehen. Bild: dpa

Die Sicherheitslage verschlechtert sich, Bedrohungen richten sich immer mehr gegen die Zivilgesellschaft. Was die Skandinavier dagegen tun, würde wohl auch John Lennon gut finden.

          In Schweden, da sind sich Regierung und Opposition einig, soll sich künftig jeder Bürger und jede Bürgerin an der Verteidigung des Landes beteiligen. Alle sollen lernen, sich im Krisenfall selbst zu versorgen, denn es muss im Extremfall mit tagelangen Stromausfällen und Unterbrechungen der Lebensmittelversorgung gerechnet werden. Auch in Dänemark stehen tausende von Bürgern bereit, um auf ehrenamtlicher Basis Brücken, Kraftwerke und andere Infrastruktur zu bewachen. Die skandinavischen Nachbarn Deutschlands haben erkannt: den Luxus der nahezu vollständigen Sicherheit, an den wir uns in den letzten 25 Jahren gewöhnt haben, können wir uns nicht mehr leisten. Heute sind Bedrohungen nicht nur gegen Streitkräfte gerichtet, sondern auch gegen Zivilisten  – und diese sollten mehr zur gesamtstaatlichen Sicherheit beitragen.

          „Stell dir vor es gibt keine Staaten mehr, (...) nichts, wofür man morden oder sterben müsste“, sang John Lennon in seinem berühmten Lied „Imagine“. Was aber, wenn die Staatsgrenzen nicht so deutlich sind, wenn Krieg nicht Mord und Tod durch Soldaten, sondern Lahmlegung der Zivilgesellschaft bedeutet? Genau das scheint heute realistischer denn je zu sein. „Bürger in Uniform“ werden Bundeswehrsoldaten gerne genannt. Genau das sind sie auch, aber der moderne Krieg betrifft auch die Bürger ohne Uniform. „Im Krieg geht es um viel mehr als das Militär“, sagt General Sir Richard Barrons, bis 2016 Befehlshaber des britischen Joint Forces Command. „Und Invasionen sind heute nicht mehr notwendig. Deutschland könnte durch einen russischen Raketenangriff oder Hacks von Kraftwerken zum Stillstand gebracht werden. Die Bevölkerung muss lernen, wie man unter solchen Umständen nicht in Panik zu gerät, sondern das alltägliche Leben weiterführen kann.“

          Ähnlich sieht es die schwedische Verteidigungskommission, die aus allen im Parlament vertretenen Parteien besteht. Kurz vor Weihnachten lieferte sie ihren von der Regierung beauftragen Bericht zur Gesamtverteidigung ab. Die darin enthaltenen Vorschläge werden voraussichtlich nächstes Jahr als Gesetz in Kraft treten. Schweden, sagen die Parlamentarier, muss sich wieder ernsthaft auf einen Angriff vorbereiten. Die Streitkräfte sollen mehr Geld bekommen, aber wichtiger noch ist der Teil ziviler Verteidigung. „Wenn die Bevölkerung nicht mitmacht ist es egal wie viel Geld man in die Streitkräfte investiert“ sagt Tommy Åkesson, der ständige Sekretär der Verteidigungskommission. „Es muss eine Gesamtleistung sein.“

          Es sei auch egal, dass die Wahrscheinlichkeit eines Angriffs gering ist: wenn die Möglichkeit besteht und die Folgen katastrophal wären, muss man sich auch auf das Unwahrscheinliche vorbereiten. Laut der Verteidigungskommission heißt: jeder Bürger muss eine Woche ohne jegliche staatliche Hilfe und funktionierende Infrastruktur auskommen. Er muss sich ernähren können, wenn alle Läden infolge eines Stromausfalls geschlossen und auch Lieferdienste lahmgelegt sind. In der Praxis würde das aber nicht unbedingt bedeuten, dass jeder Bürger für sich selbst sorgen muss. Vielmehr wäre gegenseitige Hilfe und Unterstützung von herausragender Bedeutung. Denn mit dem Staat kann in solchen Extremlagen nicht ohne weiteres gerechnet werden.  Auch die öffentliche Verwaltung würde unter Strom- und Internetausfällen leiden und könnte im Krisenfall maximal den schwächsten Mitbürgern helfen.

          Deshalb wird in Schweden bereits gehandelt. Demnächst erreicht alle 4,7 Millionen Haushalte des Landes die Broschüre „Wenn der Krieg kommt“, wo sie unter anderem erfahren,  welche Nahrungsmittel man immer zu Hause haben sollte, wie man Falschmeldungen identifiziert und wohin man sich im Fall eines Angriffs begeben sollte. Außerdem soll eine Behörde für psychologische Verteidigung aufgestellt werden, der Staat bereitet auch wieder Schutzräume vor. Sieben Millionen Plätze gab es im Kalten Krieg von denen heute nur noch ein Bruchteil nutzbar ist. Zudem ist die Bevölkerung seit 1990 um drei Millionen Menschen gewachsen und auch die bräuchten Plätze in Schutzräumen.

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