03.11.2004 · Der alte Industriestaat Ohio, einer der drei großen „Schlachtfeldstaaten“, stand selten so sehr im Mittelpunkt: Erst im Wahlkampf, nun bei der Auszählung der Stimmen. Es droht ein ähnliches Debakel wie vor vier Jahren in Florida.
Die Präsidentenwahl in den Vereinigten Staaten wird wie vor vier Jahren zu einem nervenaufreibenden Wahlmarathon - damals fiel die Entscheidung erst nach einem gerichtlichen Nachspiel in Florida, diesmal geht es um Ohio, einem der drei entscheidenden „Schlachtfeldstaaten“. Zuvor hatte Präsident Bush Florida gewonnen, Kerry dagegen Pensylvania.
Der republikanische Kabinettsminister und Wahlleiter des Bundesstaates Ohio, Ken Blackwell, kündigte am Mittwoch morgen an, daß rund 150.000 vorläufige Stimmen sowie Stimmen von bis zu 100.000 Briefwählern erst in elf Tagen ausgezählt werden.
Vorsprung für Bush
Nach vorliegenden Hochrechnungen kann weder Präsident George W. Bush noch dessen demokratischer Herausforderer John Kerry die Präsidentenwahl ohne die Stimmen von Ohio gewinnen. Der Bundesstaat stellt 20 von insgesamt 538 Delegierten des Wahlmännergremiums, das den neuen Präsident endgültig bestimmt.
Am Mittwochmorgen führte Bush in dem Bundesstaat mit rund 140.00 Stimmen Vorsprung. Die Probleme in Ohio werden durch sogenannte provisorische Stimmen verursacht. Jetzt muß geprüft werden, ob diese rund 150.000 Wähler überhaupt wahlberechtigt waren. Darüber hinaus rechnet die Wahlleitung mit bis zu 100.000 Briefwählern.
Demokraten sehen sich noch nicht als Verlierer
Die Demokraten wollen die Wahlschlacht im Ohio keinesfalls vorzeitig verloren geben. „Wir haben vier Jahre gewartet, und wir können noch weiter warten“, sagte Vizepräsidentschaftskandidat John Edwards in Boston. „John Kerry und ich haben versprochen, daß jede Stimme zählt und jede Stimme gezählt wird. Wir werden unser Wort halten und für beides kämpfen“, sagte er.
Die Fernsehsender Fox und NBC hatten auf Grundlage ihrer Hochrechungen Bush bereits zum Wahlsieger in Ohio erklärt. Fox hatte auch vor vier Jahren in Florida die unrühmliche Rolle übernommen, Bush zum Sieger auszurufen, als sein Sieg noch gar nicht feststand.
Andere Fernsehsender vorsichtiger
Drei andere Sender - CBS, CNN und ABC - berichteten dagegen am Mittwoch, ihren Berechnungen zufolge sei das Ergebnis in dem Bundesstaat auch mehrere Stunden nach Schließung der Wahllokale noch offen. Für sie sei die Wahl in Ohio erst entschieden, wenn in den Prognosen auch eine große Zahl provisorischer Wahlzettel berücksichtigt worden sei.
Erinnerungen an das Debakel in Florida
Die Auseinandersetzung um das Wahlergebnis im Bundesstaat Ohio birgt für viele Wähler ein Déja-vu-Erlebnis. Vor vier Jahren war es das Debakel von Florida, das die Entscheidung über die Besetzung des mächtigsten Amts der Welt in der Schwebe hielt.
Fünf Wochen dauerte es, bis das Verfassungsgericht schließlich den Republikaner George W. Bush zum Sieger erklärte. Demnach gewann er mit nur 537 Stimmen Vorsprung. Viele Demokraten haben das Ergebnis nie wirklich akzeptiert.
Geräte vorwiegend in schwarzen Gegenden kaputt
Das Florida-Debakel wurde von unsauber gestanzten Lochkarten, veralteten Lesegeräten und verwirrenden Stimmzetteln ausgelöst. Zehntausende Stimmen wurden am Wahltag nicht anerkannt. Zählmaschinen akzeptierten tausende Stimmkarten nicht, weil entweder die Geräte defekt waren oder Wähler kein vollständiges Loch in die maschinenlesbaren Zettel gestanzt hatten.
Nach einer Erhebung des „Miami Herald“ waren die Geräte in vorwiegend von Schwarzen bewohnten Wahlkreisen drei Mal häufiger kaputt als anderswo. Im Bezirk Palm Beach waren die Wahlzettel so verwirrend, daß tausende Wähler entweder versehentlich falsch oder für zwei Kandidaten stimmten.
Al Gore gab sich zu früh geschlagen
Am Abend des 7. November 2000 gab sich der demokratische Kandidat Al Gore vorzeitig geschlagen, nur um am nächsten Tag das Eingeständnis seiner Niederlage wieder zurückzuziehen. Während der Streit um eine nachträgliche Auszählung der umstrittenen Stimmen per Hand durch die Instanzen tobte, bescheinigte die Innenministerin von Florida, Katherine Harris, am 26. November ihrem Parteifreund Bush den Sieg.
Am 12. Dezember entschied der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten mit fünf zu vier Stimmen, daßzum Nachzählen keine Zeit mehr sei und machte Bush damit zum US-Präsidenten.
Ohio: Amerika im Kleinen
Ohio ist ein Bundesstaat, in dem sich Amerika im Kleinen spiegelt. Gemessen an der Zahl der Beschäftigten ist der Bundesstaat der drittgrößte Industriestaat in den Vereinigten Staaten. Jeder Vierte arbeitet im industriellen Sektor, der in den vergangenen Jahren schwer unter einer Strukturkrise zu leiden hatte.
Abseits der Ballungszentren Cleveland, Cincinnati und Columbus ist Ohio durch weite ländliche Räume mit eher konservativen Wählern geprägt. Ackerflächen und Wälder nehmen vier Fünftel des Staates ein. Als Beinamen hat sich Ohio die Bezeichnung „Buckeye State“ zugelegt - eine Hommage an die zahlreichen Roßkastanien („Buckeyes“), die in dem Staat an der kanadischen Grenze gedeihen.
Flut von Werbespots
Selten stand der alte Industriestaat so sehr im Mittelpunkt des Interesses wie bei dieser Präsidentschaftswahl. Bis zuletzt kämpften Präsident George W. Bush und sein Herausforderer John Kerry um die 20 Wahlmännerstimmen dieses Bundesstaats, der
letztlich den Ausschlag über die Präsidentschaft geben könnte. Bei der Wahl 2000 ging der Staat im alten Industriegürtel mit 165.019 Stimmen Vorsprung an Bush.
Die Schwerindustrie in dem Mittelweststaat litt in den vergangenen Jahren jedoch dramatisch unter dem globalen Wettbewerb. Unter Bush gingen mehr als 200.000 Jobs verloren, deshalb machte sich Kerry Hoffnungen auf einen Sieg. Die Arbeitslosigkeit liegt mit sechs Prozent über dem landesweiten Durchschnitt von 4,5 Prozent. 85 Prozent der 11,4 Millionen Einwohner sind Weiße, etwa jeder Neunte ist afroamerikanischer Herkunft.
In kaum einem anderen Bundesstaat waren die Bürger während des Wahlkampfs einer derart mächtigen Flut von Werbespots ausgesetzt. Bush wie Kerry reisten kreuz und quer durch den 107.000 Quadratkilometer großen Staat, um Wähler für sich zu gewinnen.