05.02.2009 · Die Leugnung des Holocaust dürfe „niemals ohne Folgen im Raum stehen bleiben“, sagt Bundeskanzlerin Merkel und begrüßt, dass Papst Benedikt XVI. Lefebvre-Bischof Williamson zum Widerruf seiner umstrittenen Äußerungen aufgerufen hat. Zuvor hieß es, der Vatikan sei verärgert über „antikatholische Ressentiments“ in Deutschland.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sieht in der Klarstellung des Vatikan zur Begnadigung des Traditionalistenbischofs und Holocaust-Leugners Richard Williamson ein „wichtiges und gutes Signal“. Dieser Schritt mache deutlich, dass die Leugnung des Holocaust „niemals ohne Folgen im Raum stehen bleiben kann“.
Nur ohne Holocaust-Leugnung und Antisemitismus könne ein gedeihliches Miteinander von jüdischen Gemeinden und katholischer Kirche gelingen. Auf diesem Weg „sind wir jetzt ein Stück vorangekommen“, sagte die Kanzlerin. Merkel hatte am Dienstag wegen der Rücknahme der Exkommunikation des Traditionalisten-Bischofs und Holocaust-Leugners Richard Williamson kritisiert. Ihre Äußerungen hatten in den eigenen Reihen und unter den katholischen Bischöfen ein sehr geteiltes Echo hervorgerufen.
Vatikan verärgert über „antikatholische Ressentiments“
Zuvor hieß es, der Papst sei verärgert über die offene Kritik aus Deutschland an seinem Umgang mit Bischof Williamson. „Im Vatikan ist man über die Diskussion in Deutschland geradezu entsetzt“, sagte der CDU-Politiker Georg Brunnhuber der „Financial Times Deutschland“ nach einem persönlichen Gespräch mit Benedikt XVI. am Mittwoch in Rom.
Es herrsche der Eindruck, „dass alle antikatholischen Ressentiments, die in Deutschland schlummern, jetzt an die Oberfläche kommen“. Am Dienstag hatte die Bundeskanzlerin den Papst zu einer Klarstellung aufgefordert, dass eine Leugnung des Holocaust nicht geduldet werde. Im Vatikan sei man verwundert über die Debatte, sagte Brunnhuber, der im Rahmen einer Generalaudienz mit dem Papst gesprochen hatte. „Hier unterstellt niemand dem Papst, dass er antisemitische Äußerungen duldet.“
Merkel wies Vorwürfe zurück
Frau Merkel hatte bereits am Mittwoch den Vorwurf zurückgewiesen, sich mit ihrer Äußerung in kirchliche Belange eingemischt zu haben: Die Kanzlerin habe sich zu einer „politischen Grundsatzfrage“ geäußert, sagte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm. Kanzlerin Merkel kenne die persönliche Position des Papstes zum Holocaust (siehe dazu auch: Merkels scharfe Worte: Ein Beichtgespräch nach der Kritik am Papst?).
Im Zuge ihrer umstrittenen Aussage hatte Frau Merkel versichert, „im Allgemeinen“ sage sie nichts zu innerkirchlichen Entscheidungen. „Allerdings glaube ich, dass es anders ist, wenn es um Grundsatzfragen geht. Ich glaube, es ist schon eine Grundsatzfrage, wenn durch eine Entscheidung des Vatikans der Eindruck entsteht, dass es die Leugnung des Holocaust geben könnte, dass es um grundsätzliche Fragen des Umgangs mit dem Judentum insgesamt geht.“
Frau Merkel sagte ausdrücklich: „Das ist nach meiner Auffassung nicht nur eine Angelegenheit der christlichen, der katholischen und jüdischen Gemeinden in Deutschland, sondern es geht hier darum, dass von Seiten des Papstes und des Vatikans sehr eindeutig klargestellt wird, dass es keine Leugnung geben kann und dass es natürlich einen positiven Umgang mit dem Judentum insgesamt geben muss. Diese Klarstellungen sind aus meiner Sicht noch nicht ausreichend erfolgt.“
Papst Benedikt XVI. hatte schließlich am Mittwoch auf die scharfe Kritik reagiert und Bischof Williamson zum Widerruf seiner Behauptungen über den Holocaust aufgerufen (siehe dazu auch: Vatikan: Williamson soll Äußerung zum Holocaust widerrufen).
Lammert: „Beinahe bösartig, was dem Papst unterstellt wird“
Bundestagspräsident Lammert verteidigte indes den Papst gegen die harsche Kritik aus Kirche und Politik. „Vieles, was dem Papst jetzt unterstellt wird, ist beinahe bösartig, jedenfalls nicht redlich“, sagte Lammert in einem Interview mit dem der Online-Ausgabe des „Hamburger Abendblatts“. Der Fall Williamson sei „keine Lappalie“ und dürfe nicht verniedlicht werden. Es gebe aber inzwischen „eine Art rhetorischen Überbietungswettbewerb, der „weder gerechtfertigt noch fair, noch in der Sache hilfreich“ sei.
Offenbar sei das Verfahren zur Aufhebung der Exkommunikation abgeschlossen gewesen, „bevor es diese berüchtigte Regensburger Äußerung von Williamson überhaupt gab“, sagte Lammert. Allerdings hätte dem Vatikan auffallen müssen, dass sich der Bischof nicht zum ersten Mal in dieser Weise geäußert habe. „Dass Papst Benedikt XVI. die von ihm getroffene oder gebilligte Entscheidung persönlich zwei Tage nach Bekanntwerden dieser Williamson-Äußerung von Regensburg aufrechterhalten und öffentlich vorgetragen hat, das ist nicht nur mir völlig unverständlich“, ergänzte Lammert. Zweifel an der Position der Katholischen Kirche und des Papstes halte er jedoch für „völlig unbegründet“.
Der stellvertretende CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Bosbach, sagte, an der Parteibasis gebe es „Zustimmung und Ablehnung“ zu Frau Merkels Einlassung und auch einen Parteiaustritt. Er selbst verteidigte das Vorgehen der Kanzlerin als „legitim“. Ein führender CSU-Politiker sagte, die Bundeskanzlerin habe „vermessen reagiert“. In der bayerischen Landesregierung gab man sich verwundert, dass die Bundeskanzlerin sich selbst äußerte und nicht einen Regierungssprecher ihren Standpunkt wiedergeben ließ. Es widerspreche den diplomatischen Gepflogenheiten, Staatsoberhäupter persönlich zu kritisieren. Dass die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende diese Regel ausgerechnet gegenüber dem Vatikan verletzt habe, schade ihr und der Union insgesamt in konservativen Teilen der Wählerschaft.
Zentralrat fordert Ausschluss
Unterdessen forderte der Zentralrat der Juden in Deutschland den Ausschluss der Pius-Bruderschaft. Die Entscheidung des Papstes, die Exkommunizierung Williamsons und dreier anderer Bischöfe der Bruderschaft aufzuheben, müsse revidiert werden, sagte der stellvertretende Zentralrats-Präsident Dieter Graumann im Deutschlandfunk.
Die Pius-Bruderschaft ist eine Gruppe von intoleranten Fanatikern.“ Williamson vertrete seine Thesen zum Holocaust bereits seit langem. Ein plötzlicher Widerruf wäre daher wenig glaubwürdig, sagte Graumann weiter. Noch im September habe die Gemeinschaft die Juden als „ewige Gottesmörder“ bezeichnet. Das Weltbild der Gruppe sei „tief reaktionär, antisemitisch, fundamentalistisch und fanatisch“.
Auch der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan Kramer, forderte eine vollständige Abkehr des Vatikans von den Pius-Brüdern. Mit einer Kirche, der auch die Bruderschaft angehöre, könne es keinen partnerschaftlichen Dialog mit den Juden geben, sagte er: „Der Papst muss sich entscheiden, auf welcher Hochzeit er tanzen will.“
Positiv äußerte sich über die jüngste Vatikan-Initiative zu Williamson die israelische Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem. „Wenn die höchste moralische Autorität der Kirche zum Ausdruck bringt, dass die Leugnung des Holocaust inakzeptabel ist, dann ist das eine entscheidende Botschaft für die ganze Welt“, erklärte Jad Vaschems Direktor Avner Schalev am Donnerstag in Jerusalem.
Küng: Aufhebung der Exkommunikation wieder rückgängig machen
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Zollitsch, sagte, er rechne nicht mit einem Einlenken der Pius-Bruderschaft. Es werde daher voraussichtlich zu einem Bruch der katholischen Kirche mit der Pius-Bruderschaft kommen; dabei liege es im Interesse der katholischen Kirche, sich von der Bruderschaft abzugrenzen.
Der katholische Theologe Hans Küng appellierte an den Papst, die Aufhebung der Exkommunikation der vier Traditionalisten-Bischöfe wieder rückgängig zu machen. „Das wäre für den Papst sicher unbequem. Aber wenn er es gut begründet, würde ihn das nicht beschädigen“, sagte Küng am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur dpa in Tübingen.
„Der Papst sollte nicht denken, er könne das einfach aussitzen.“ Küng warnte davor, in der Diskussion über die Piusbruderschaft nur auf die Holocaust-Leugnung durch Richard Williamson zu verweisen. „In der ganzen Bruderschaft ist die Judenfeindlichkeit derzeit noch verbreitet. Sie betrachten die Juden als Gottesmörder und sind jeglichem Dialog abgeneigt.“ Das zeige sich auch darin, dass die Bruderschaft die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils ablehne.
Bischof Huber kritisiert Vatikan
Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Huber, hat die Rücknahme der Exkommunikation der Lefebvre-Bischöfe kritisiert. Der Vatikan habe damit indirekt ein Kirchenverständnis bestätigt, das hinter das II. Vatikanische Konzil zurückfalle, sagte Huber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Das sei „ökumenisch sehr problematisch“. Die EKD halte aber an ihrer „unverbrüchlich ökumenischen Gesinnung“ fest.
Derweil sagten Mitglieder des in La Reja nahe Buenos Aires gelegenen Priesterseminars der Pius-Bruderschaft, dass die offizielle Aufforderung des Vatikans noch nicht eingetroffen sei. Bisher habe man davon nur aus den Medien erfahren. Es werde keinerlei offizielle Stellungnahme zu den Vorgängen um Williamson geben. Williamson, der das Seminar seit sieben Jahren leitet, hält sich weiterhin in La Reja auf, zelebriert indes mittlerweile keine Gottesdienste mehr, an denen externe Gläubige teilnehmen können. Ihm nahestehende Mitglieder der Gemeinschaft sagten, Williamson werde sich schwerlich dazu bereitfinden, seine Ansichten zu revidieren.
Wichtigtuerei
Hans Reinhard Seeliger (HRSeeliger)
- 05.02.2009, 10:31 Uhr
Vergebung
David Hummel (Defel)
- 05.02.2009, 10:36 Uhr
Disporportional
Peter Kronenberger (Peter-Kronenberger)
- 05.02.2009, 10:38 Uhr
Der Papst ist verärgert?
Kai Bockelmann (KB63)
- 05.02.2009, 10:47 Uhr
Frau Dr. Merkel fehlt die moralische Kompetenz, den vatikan zu kritisieren
Anna-Maria Lanz (am.lanz)
- 05.02.2009, 10:49 Uhr