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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Der Fall Ohnesorg Wendepunkt für Otto Schily

 ·  Der tödliche Schuss auf Benno Ohnesorg im Juni 1967 fanatisierte weite Teile der Studentenbewegung. Das Ereignis hat auch Otto Schilys Lebenslauf geprägt. „Mein Glaube an die Rechtsstaatlichkeit ging den Bach runter“, sagt der frühere Salonmarxist. Von Peter Carstens.

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In einem Hinterhof in Berlin-Charlottenburg fiel der erste Schuss. Am 2. Juni 1967 kurz nach 20 Uhr verließ am Grundstück Krumme Straße 66/67 ein Projektil den Lauf der Dienstpistole des Kriminalobermeisters Karl-Heinz Kurras. Benno Ohnesorg, der zum ersten Mal in seinem Leben an einer Demonstration teilgenommen hatte, war zuvor von Polizisten geschlagen worden. Die Kugel traf den Wehrlosen in den Hinterkopf. Ein Arzt, der Erste Hilfe leisten wollte, wurde abgewiesen, Rufe nach einem Krankenwagen ignorierten die Polizisten zunächst.

Der Tod des Studenten Ohnesorg wurde zur Geburtsstunde des Terrorismus. Bader, Meinhof, Ensslin, die erste Generation der Rote-Armee-Fraktion, wählten Gewalt als Antwort. „Wir müssen uns bewaffnen“, war die Parole, mit der eine kleine Gruppe aus der Studentenbewegung noch am Abend des 2. Juni in den Terrorismus abbog. Ausgesprochen hatte sie Gudrun Ensslin, eine schwäbische Pastorentochter im sechzehnten Semester ihres Germanistikstudiums. Wenige Monate später wird sie gemeinsam mit Andreas Bader und zwei weiteren Komplizen in einem Frankfurter Kaufhaus einen Brandsatz legen. Mit dem Tod von Ohnesorg begann „die antiautoritäre Revolte“ (Tilman Fichter), die als 68er-Bewegung heute gerühmt und verachtet wird. Die Kruste, die über die alten Feindschaften wächst, ist noch dünn, das zeigt die Erregung, mit der vor kurzem über eine eventuelle Begnadigung des Terroristen Klar diskutiert wurde.

Schily: „Blödsinn und völlige Fehleinschätzung“

Manchen Lebenslauf haben die Ereignisse geprägt. Otto Schily beispielsweise, damals 34 Jahre alt, wäre ohne den 2. Juni 1967 wohl Wirtschaftsanwalt geblieben, oder er hätte als Notar Wohlstand erworben. „Langweilig“, sagt er heute, halb sehnsüchtig auf das nichtverdiente Geld blickend. Denn es kam anders. Schily übernahm auf Empfehlung seines Kollegen, des späteren Terroristen Horst Mahler, die Vertretung von Ohnesorgs Vater als Nebenkläger und wurde ein berühmter Strafverteidiger in politischen Prozessen, dann Parteimitgründer der Grünen, Bundestagsabgeordneter, Untersuchungsausschussvorsitzender, Bundesinnenminister. Der Fall Ohnesorg hatte sein Weltbild erschüttert. „Mein Glaube an die Rechtsstaatlichkeit, an die Unabhängigkeit des Gerichts“, erzählte er später dem Biographen Reinecke, „der ging damals ziemlich den Bach runter.“

Damals, 1967, war Otto Schily ein Salonmarxist. Sein erstes Kind, geboren im Mai 1967, nannten er und seine Frau Christine nach der Frau von Karl Marx und nach Rosa Luxemburg, Jenny Rosa. Schily trank, aß und spielte nächtelang Schach in linken Szenekneipen in Charlottenburg, etwa dem „Zwiebelfisch“ am Savignyplatz. Manches, was ihn und andere junge Leute damals auf die Straße trieb, nennt Schily heute, im Kaffeehaus „Einstein“ an der Straße Unter den Linden zurückblickend, totalen „Blödsinn und völlige Fehleinschätzung“, etwa den Widerstand gegen die Notstandsgesetze.

Wasserwerfer und 800 Polizisten

Den kulturellen Umbruch, den jene Jahre mit sich brachten, will er dennoch geachtet wissen, auch heute noch. Einen eigenen politischen Ansatz habe die Bewegung damals nicht gefunden, stattdessen habe sie sich „kostümiert“ mit Leuten wie Ho Chi Minh. Auf „marxistisch-leninistische Abwege“ sei er nicht geraten, dagegen habe ihn sein Elternhaus immunisiert. Dort galt Rudolf Steiner mehr als Wladimir Illitsch Lenin. Schily ging demonstrieren, fuhr dann aber zurück in den Grunewald, wo er eine Villenetage in der Richard-Strauss-Straße bewohnte. Tagsüber vertrat er für die konservative Anwaltskanzlei Neufeldt Mandanten in Grundstücks- und Erbschaftsangelegenheiten, abends politisierte er über Vietnam. Erst als Schily 1968 erstmals Gudrun Ensslin vertrat, verließ er auf Bitten des Seniors die Kanzlei und eröffnete an der Charlottenburger Kantstraße eine eigene.

Am Abend des 2. Juni 1967 war zunächst auch Schily mit seiner Frau an der Deutschen Oper unter den Demonstranten gegen das Schah-Regime gewesen, dann aber, bevor die Situation eskalierte, mit ihr nach Hause gefahren, weil, wie Schily sich heute erinnert, die Tochter Jenny gestillt werden musste. Etwas später, das persische Herrscherpaar saß in der Aufführung der „Zauberflöte“, waren Wasserwerfer und 800 Polizisten im Einsatz, verfolgten zivile und uniformierte Festnahmetrupps der Polizei flüchtende Studenten.

Eine Strategie der Eskalation?

Die Polizei habe sich „bis an die Grenzen des Zumutbaren zurückgehalten“, behauptete gegen alle Wirklichkeit am 3. Juni der Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz (SPD). Jedoch sei die „Geduld der Stadt“ mit den Demonstranten „am Ende“. Er billige ausdrücklich, sagte der Pastor und Politiker, das Verhalten der Polizei. Am 12. Juni 1967 schrieb Karl-Heinz Bohrer in dieser Zeitung, die Polizei habe „ohne gravierende Notwendigkeit, mit Planung einer Brutalität Lauf gelassen, wie sie bisher nur aus Zeitungsberichten über faschistische oder halbfaschistische Länder bekannt wurde“. Weiter hieß es: „Dieselbe Polizei, die am Nachmittag einer . . . persischen Prügelgarde zusah, wie sie mit Latten und Totschlägern deutsche Demonstranten anging, sah am gleichen Abend offensichtlich die Stunde gekommen, ihr Mütchen an jenen zu kühlen, die nicht aufhören wollten, den hohen Staatsgästen ihre unroyalistischen Ansichten zu zeigen.“

Ob hinter dem tödlichen Schuss tatsächlich eine Strategie der Eskalation stand, ist bis heute nicht geklärt. Zuletzt hat dieser Tage der Buchautor Uwe Soukup (“Wie starb Benno Ohnesorg“) noch einmal Spuren des Falls zusammengetragen. Aber schon Rechtsanwalt Schily sah sich damals mit Merkwürdigkeiten konfrontiert. Ohnesorg war tot, Kurras hatte die Kugel abgefeuert, nur soviel stand fest. Die Tatumstände blieben unklar. Die Studenten sprachen von Mord, die Polizei anfangs von Notwehr, später von einem Unfall ohne Tötungsabsicht. Die Fakten mussten mühsam zusammengetragen werden. Wo beispielsweise das 7,65-Millimeter-Projektil in Ohnesorgs Kopf eingedrungen war, konnte später nicht mehr festgestellt werden.

F.A.Z.: „Eine Verschwörung des Schweigens“

Im Moabiter Krankenhaus, wo der Germanistik-Student und werdende Vater nach einer mehr als 45 Minuten langen Irrfahrt vermutlich schon tot ankam, wurde ihm aus der Schädeldecke das Stück mit der Einschussstelle herausgesägt. Es war später nicht mehr auffindbar. Die Wunde wurde zugenäht. Auch der Zeitpunkt des Todes wurde falsch eingetragen. Solche Umstände sowie das Verhalten von Polizei und Politik nach dem tödlichen Schuss bezeichnete die F.A.Z. seinerzeit als „Verschwörung des Schweigens“.

Eine sachgerechte Spurensicherung am Tatort fand nicht statt. Das Magazin aus Kurras' Pistole wurde noch vor einer Untersuchung gewechselt und verschwand. Kurras konnte monatelang falsch behaupten, er habe einen Warnschuss abgegeben. Außerdem sagte er aus, zwölf Mann hätten ihn angegriffen. Das verbreitete auch die „Bild“-Zeitung, die damals täglich Öl in die auflodernden Protestfeuer goss.

„Bitte nicht schießen!“

Doch niemand hatte Angreifer oder gar Messerstecher gesehen, nicht einmal Kurras' Kollegen, die sich ansonsten mit Beiträgen zur Aufklärung der Tat enorm zurückhielten. Zeugen hatten gehört, wie Ohnesorg zu Kurras rief: „Bitte nicht schießen!“, was dann seine letzten Worte waren. Andere berichteten, einer von Kurras' Kollegen habe nach dem Schuss gerufen: „Bist du denn wahnsinnig, hier zu schießen?“, darauf habe dieser geantwortet: „Die ist mir losgegangen.“

Schily beantragte als Vertreter der Nebenklage nach dem ersten Freispruch für den Polizisten im November 1967 beim Bundesgerichtshof erfolgreich Revision, darauf ist er heute noch stolz. Doch auch im zweiten Prozess wurde Kurras freigesprochen. Immerhin hatte der Fall einige mittelbare personelle Konsequenzen. Der Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz, der seine unbedachten Worte und sein Handeln im Juni 1967 später tief bedauerte, trat im September 1967 zurück, ebenso Innensenator Büsch und Polizeipräsident Duensing.

Quelle: F.A.Z., 02.06.2007, Nr. 126 / Seite 8
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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent in Berlin.

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