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Der Fall Ohnesorg Wendepunkt für Otto Schily

Der tödliche Schuss auf Benno Ohnesorg im Juni 1967 fanatisierte weite Teile der Studentenbewegung. Das Ereignis hat auch Otto Schilys Lebenslauf geprägt. „Mein Glaube an die Rechtsstaatlichkeit ging den Bach runter“, sagt der frühere Salonmarxist. Von Peter Carstens.

© FU Berlin, Archiv Vergrößern Ohnesorgs Tod erschütterte Schilys Weltbild

In einem Hinterhof in Berlin-Charlottenburg fiel der erste Schuss. Am 2. Juni 1967 kurz nach 20 Uhr verließ am Grundstück Krumme Straße 66/67 ein Projektil den Lauf der Dienstpistole des Kriminalobermeisters Karl-Heinz Kurras. Benno Ohnesorg, der zum ersten Mal in seinem Leben an einer Demonstration teilgenommen hatte, war zuvor von Polizisten geschlagen worden. Die Kugel traf den Wehrlosen in den Hinterkopf. Ein Arzt, der Erste Hilfe leisten wollte, wurde abgewiesen, Rufe nach einem Krankenwagen ignorierten die Polizisten zunächst.

Der Tod des Studenten Ohnesorg wurde zur Geburtsstunde des Terrorismus. Bader, Meinhof, Ensslin, die erste Generation der Rote-Armee-Fraktion, wählten Gewalt als Antwort. „Wir müssen uns bewaffnen“, war die Parole, mit der eine kleine Gruppe aus der Studentenbewegung noch am Abend des 2. Juni in den Terrorismus abbog. Ausgesprochen hatte sie Gudrun Ensslin, eine schwäbische Pastorentochter im sechzehnten Semester ihres Germanistikstudiums. Wenige Monate später wird sie gemeinsam mit Andreas Bader und zwei weiteren Komplizen in einem Frankfurter Kaufhaus einen Brandsatz legen. Mit dem Tod von Ohnesorg begann „die antiautoritäre Revolte“ (Tilman Fichter), die als 68er-Bewegung heute gerühmt und verachtet wird. Die Kruste, die über die alten Feindschaften wächst, ist noch dünn, das zeigt die Erregung, mit der vor kurzem über eine eventuelle Begnadigung des Terroristen Klar diskutiert wurde.

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Schily: „Blödsinn und völlige Fehleinschätzung“

Manchen Lebenslauf haben die Ereignisse geprägt. Otto Schily beispielsweise, damals 34 Jahre alt, wäre ohne den 2. Juni 1967 wohl Wirtschaftsanwalt geblieben, oder er hätte als Notar Wohlstand erworben. „Langweilig“, sagt er heute, halb sehnsüchtig auf das nichtverdiente Geld blickend. Denn es kam anders. Schily übernahm auf Empfehlung seines Kollegen, des späteren Terroristen Horst Mahler, die Vertretung von Ohnesorgs Vater als Nebenkläger und wurde ein berühmter Strafverteidiger in politischen Prozessen, dann Parteimitgründer der Grünen, Bundestagsabgeordneter, Untersuchungsausschussvorsitzender, Bundesinnenminister. Der Fall Ohnesorg hatte sein Weltbild erschüttert. „Mein Glaube an die Rechtsstaatlichkeit, an die Unabhängigkeit des Gerichts“, erzählte er später dem Biographen Reinecke, „der ging damals ziemlich den Bach runter.“

Otto Schily (1977) © dpa Vergrößern Otto Schily (1977)

Damals, 1967, war Otto Schily ein Salonmarxist. Sein erstes Kind, geboren im Mai 1967, nannten er und seine Frau Christine nach der Frau von Karl Marx und nach Rosa Luxemburg, Jenny Rosa. Schily trank, aß und spielte nächtelang Schach in linken Szenekneipen in Charlottenburg, etwa dem „Zwiebelfisch“ am Savignyplatz. Manches, was ihn und andere junge Leute damals auf die Straße trieb, nennt Schily heute, im Kaffeehaus „Einstein“ an der Straße Unter den Linden zurückblickend, totalen „Blödsinn und völlige Fehleinschätzung“, etwa den Widerstand gegen die Notstandsgesetze.

Wasserwerfer und 800 Polizisten

Den kulturellen Umbruch, den jene Jahre mit sich brachten, will er dennoch geachtet wissen, auch heute noch. Einen eigenen politischen Ansatz habe die Bewegung damals nicht gefunden, stattdessen habe sie sich „kostümiert“ mit Leuten wie Ho Chi Minh. Auf „marxistisch-leninistische Abwege“ sei er nicht geraten, dagegen habe ihn sein Elternhaus immunisiert. Dort galt Rudolf Steiner mehr als Wladimir Illitsch Lenin. Schily ging demonstrieren, fuhr dann aber zurück in den Grunewald, wo er eine Villenetage in der Richard-Strauss-Straße bewohnte. Tagsüber vertrat er für die konservative Anwaltskanzlei Neufeldt Mandanten in Grundstücks- und Erbschaftsangelegenheiten, abends politisierte er über Vietnam. Erst als Schily 1968 erstmals Gudrun Ensslin vertrat, verließ er auf Bitten des Seniors die Kanzlei und eröffnete an der Charlottenburger Kantstraße eine eigene.

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