11.06.2009 · Im Fall des als Stasi-Mitarbeiter enttarnten Todesschützen von Benno Ohnesorg, Karl-Heinz Kurras, geht es nicht um eine Revision von 1968. Es geht schlicht darum, mit demokratischer Gelassenheit zu ergründen, was eigentlich gewesen ist.
Von Majid SattarEs gibt mehrere deutsche Vergangenheiten, die nicht vergehen wollen. Im Jubeljahr 2008 hätte die vierzig Jahre zurückliegende deutsche Kulturrevolution eigentlich historisiert werden können. Tatsächlich aber wurde sie nicht eingeordnet, sondern glattgeschliffen.
Nach den dunklen Jahren der miefigen Adenauer-Zeit, so der Befund, habe sich der Himmel über Westdeutschland dank rebellierender Studenten endlich aufgeklart. Erst mit der Lichtgestalt Willy Brandt, den die akademische Jugend geradezu ins Amt getragen habe, sei die bis dahin autoritäre bundesrepublikanische „Formaldemokratie“ wirklich liberalisiert worden. Nicht zuletzt die Bilder des Schah-Besuchs vom Frühsommer 1967 dienten dabei der seichten Untermalung historischer Zustandsbeschreibungen.
Niemand will sich seiner Geschichte berauben lassen
Und dann das: Kurras, der „Mörder“ Ohnesorgs, nicht die Kreatur einer postfaschistischen Staatsmacht, sondern ein Agent der Stasi! Noch bevor überhaupt erste Deutungen dieses Zufallsfundes aus dem Archiv der Spitzel angestrengt wurden, holten die vermeintlich Attackierten und ihre publizistische Nachkommenschaft in altbewährter aktionistischer Manier zu präemptiven Schlägen aus: Die Konservativen wollten die Geschichte umschreiben und strebten eine Generalrevision von 1968 an. Die fortwirkenden Kräfte von damals wollten die gute Sache nun endgültig diskreditieren, eine ganze Generation diffamieren und sich selbst reinwaschen von ihrer Schuld, auf der falschen Seite der Geschichte, im Lager der Reaktion, gestanden zu haben.
Dass der Berliner Polizeibeamte Karl-Heinz Kurras SED-Mitglied und Zuträger des Ministeriums für Staatssicherheit gewesen ist, so heißt es, ändere gar nichts. Der Mann, das wusste man ja schon immer, sei ein autoritärer Charakter gewesen, der in jedem repressiven System funktioniert hätte, also ein typischer Vertreter seiner Generation. Und für die Studenten sei nach dieser Lesart der Tod des Demonstranten Benno Ohnesorg gewiss eine Initialzündung gewesen, der westdeutsche Staat aber ohnehin so verdorben, dass es des Opfers nicht bedurft hätte, um die Revolution auszurufen.
Allzu Menschliches trägt sich dieser Tage zu. Niemand will sich seiner Geschichte berauben lassen. Niemand will sich einreden lassen, er habe Götzen verehrt oder gar ein falsches Leben gelebt. Indessen: Wer behauptet das eigentlich? Hier haben Publizisten, die 1968 und danach auf den Barrikaden gestanden haben, Fragen beantwortet, die ihnen keiner gestellt hat. Das ist ein bekanntes Phänomen, und es hat wohl zu tun mit einer menschlichen Instanz, die den Namen Gewissen trägt. So manche hysterische Reaktion diente dazu, die Fragen, die vielleicht schon über Jahre schlummerten und nun wieder an die Oberfläche drängen, noch ein Weilchen zu unterdrücken. Zum Beispiel die, ob die Helden von einst nicht allzu selbstgerecht mit dem Land ihrer Väter umgegangen sind und nicht allzu unkritisch mit ihrem eigenen Leben.
Kein Anlass für Hohn und Spott
Eine Generalrevision steht überhaupt nicht zur Debatte. Es geht schlicht darum, kritisch, rational und auch mit demokratischer Gelassenheit zu ergründen, was eigentlich gewesen ist. Die junge Bundesrepublik hatte gewiss viele Verdienste, die die Studenten seinerzeit nicht sehen wollten. Der Polizeieinsatz in Berlin am 2. Juni 1967 gehört ganz sicher nicht dazu. Und die junge Bundesrepublik hatte gewiss viele Versäumnisse, die das damalige Establishment nicht eingestehen wollte. Der Fall Kurras gehörte ganz sicher dazu. Mit dem heutigen Kenntnisstand wäre Kurras damals mit großer Wahrscheinlichkeit verurteilt worden - ganz gleich, ob man ihm einen Mord im Auftrag der DDR nachgewiesen oder ihn nur als autoritären Triebtäter überführt hätte, der in vorauseilendem Gehorsam einen politischen Mord beging.
So oder so - der Schatten des Falles Kurras fällt nicht nur auf die Achtundsechziger, sondern auch auf ihre Antipoden, die den (vermeintlichen) Feind ihrer Feinde freundschaftlich vor dem Rechtsstaat, den zu verteidigen sie vorgaben, beschützten. Ideologische Verblendung gab es dies- und jenseits der Barrikaden. So schien die Bundesrepublik tatsächlich das Gesicht zu offenbaren, das die westdeutsche Linke immer schon hinter der liberalen Maske vermutet hatte. Das eigentlich Bittere der Causa Kurras ist, dass dieser Mechanismus auch das Ergebnis ostdeutscher Manipulationen war.
Für die Nachgeborenen, die von neomarxistischem Geschwafel ebenso verschont blieben wie von der Sittenstrenge der Nachkriegszeit, ist der Fall Kurras kein Anlass, Hohn und Spott über ihre Eltern und Großeltern auszuschütten. So befremdlich die Debatte darüber erscheint, ob der wahre Gegner seinerzeit in der Berliner Kochstraße oder wenige Meter weiter hinter der Mauer saß, so seltsam vertraut wirken die ihr zugrunde liegenden Empörungsrituale. Sie sind ein fester Bestandteil der politischen Kultur dieses Landes geworden. Bei allem Wandel, der nach 1968 notwendig war - auch das ist das Erbe jener Zeit. Es hat die geistige Freiheit nicht eben vergrößert.