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Schlacht von Verdun: Von der Knochenmühle zum Beinhaus

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Von der Knochenmühle zum Beinhaus

Von RAINER BLASIUS

26. 02. 2016 - Vor 100 Jahren übernahm Philippe Pétain die Verteidigung der Front von Verdun. Sein Aushalten war der Grundstein dafür, dass die deutschen Truppen den Ort nicht einnehmen konnten. Die Weigerung, Gegenangriffe zu befehlen, führte aber schnell zu seiner Entlassung.

Der richtige Mann zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle – das lässt sich über den Oberbefehlshaber der französischen 2. Armee, Philippe Pétain, sagen. Dessen Name ist heutzutage sowohl mit Verdun 1916 als auch mit Vichy 1940 verbunden: mit dem Ruhm des „Helden“ und mit der Schmach des „Verräters“. Ohne den Ersten Weltkrieg wäre Pétain, der 1914 kurz vor der Pensionierung stand, wohl auch nie General geworden.

Während man dem Generalstabschef Joseph Joffre nach dem 21. Februar 1916 vorwarf, die Gefahr der deutschen Großoffensive unterschätzt zu haben, gelang es Pétain, die schwierige Lage – insbesondere nach der Einnahme des Forts Douaumont – vom 26. Februar 1916 an zu meistern. Mit 60 Jahren sollte er alsbald zum nationalen Retter avancieren: „Seine Wendung gegen die seiner Meinung nach aussichtslose Versteifung auf die attaque à outrance, auf selbstmörderische Angriffe um jeden Preis, die in der Praxis häufig ohne ausreichende Artillerievorbereitung erfolgten, hatten ihn bereits 1915 vor allem bei den einfachen Soldaten sehr beliebt gemacht“, schreibt Jörn Leonhard in seiner Geschichte des Ersten Weltkrieges.

  • © Picture-Alliance Mit seiner Verteidigung von Verdun und seinem Anfeuerungsspruch „Nur Mut, wir packen sie“ wurde General Philippe Petain zum Helden.
  • © AP Fort Douaumont war zwar stark bewaffnet, wurde von den französischen Truppen aber nur unzureichend verteidigt.
  • © Picture-Alliance General Robert Nivelle löste Petain ab und beendete dessen Verteidigungsstrategie. Unter seiner Führung begann die Armee mit verlustreichen Massenangriffen auf die deutsche Linie.
  • © Picture-Alliance Die französischen Gegenangriffe ab Oktober 1916 brachten das Gelände, das Monate vorher verloren worden war, wieder in französische Hand.
  • © AP Das Schlachtfeld von Verdun galt noch Jahrzehnte nach den Kämpfen als nicht begehbare „zone rouge“.
  • © AP Die Landstraße nach Verdun wurde für die Verteidiger zur „heiligen Straße“.
  • © Picture-Alliance Ein Moment der Ruhe war in der Schlacht um Verdun ein wertvolles Gut.
  • © Picture-Alliance Zehntausende französische Soldaten gerieten in deutsche Kriegsgefangenschaft.
  • © Picture-Alliance Verdun war nach den Kämpfen großflächig zerstört.

Pétain stellte sein Organisationstalent unter Beweis: Jede Einheit beließ er nur acht bis zehn Tage in den Stellungen und tauschte sie dann durch eine frische aus. Durch dieses Rotationsprinzip nahmen fast 80 Prozent aller Regimenter an der Verdun-Schlacht teil, die damit aus französischer Perspektive zum Inbegriff des Ersten Weltkriegs wurde. Zwischen dem Schlachtfeld im Norden und den unversehrten Bahngleisen im Süden kam der Landstraße von Bar-le-Duc nach Verdun eine besondere Bedeutung zu. Darauf rollten 24 Stunden täglich die Kraftwagen; 16 Arbeitsbataillone waren über zehn Monate allein mit der Erhaltung der „heiligen Straße“, die Maurice Barrès im „Echo de Paris“ gebührend feierte, beschäftigt.

Aus der deutschen Offensive wurde ein aussichtsloser Kampf, eine „totale“ Materialschlacht, die Leonhard treffend charakterisiert: „Es war zunächst die extreme Gewaltverdichtung auf relativ kleinem Raum: Auf einer Fläche von 26 Quadratkilometern wurden ca. zehn Millionen Geschosse mit einem Gewicht von 1,35 Millionen Tonnen Stahl abgefeuert. Das führte zu einer in diesem Krieg einzigartigen Überlagerung von zwei Gewalterfahrungen: des Maschinenkrieges durch die Distanzwaffen der schweren Artillerie und zugleich immer wieder des besonders verbissenen Kampfes Mann gegen Mann um kleinste Gebietsgewinne. Die Landschaft um Verdun wurde durch die eingesetzten Kampfmittel auf Jahrzehnte verseucht, und größte Teile galten als nicht begehbare zone rouge.“

© DPA Der Frontverlauf um Verdun 1916

Die blutigsten Kämpfe fanden im März/April statt, bis dann die Deutschen am 9. April den letzten Rest der Höhe „Toter Mann“ besetzten. Am nächsten Tag hieß es in Pétains berühmten Tagesbefehl an die Truppe: „Nur Mut, wir packen sie!“ Dennoch löste Generalstabschef Joffre, ein überzeugter Anhänger der offensiven Kriegführung, Pétain als Oberbefehlshaber der 2. Armee durch Robert Nivelle ab und beförderte ihn zum 1. Mai nach oben: Als Chef der Armeegruppe Mitte führte Pétain jetzt von Bar-le-Duc aus eine Oberaufsicht über den Frontabschnitt Verdun.

Nach dem Scheitern kleinerer deutscher Vorstöße befahl Generalstabschef Erich von Falkenhayn der 5. Armee am 11. Juli „strikte Defensive“ und zog starke Kräfte von ihr ab für die mittlerweile an der Somme tobende Schlacht. Vor Verdun eröffnete am 21. Oktober die französische Artillerie das Feuer auf deutsche Stellungen, am 24. Oktober begann die französische Gegenoffensive, am selben Tag wurde Fort Douaumont und am 3. November Fort Vaux eingenommen. Bis zum 16. Dezember waren die seit Ende Februar verlorenen Gebiete im Vorfeld von Verdun fast alle zurückerobert. Im Glanz dieses Erfolgs, der eher wie ein Patt wirkte, wurde Nivelle – und nicht Pétain – neuer Generalstabschef als Joffres Nachfolger.

  • © Rainer Wohlfahrt Das 46 Meter hohe Beinhaus ist die bedeutendste Erinnerungsstätte für die Schlacht um Verdun.
  • © Rainer Wohlfahrt Die Errichtung des Beinhauses ging auf die Initiative des Bischofs von Verdun zurück.
  • © Rainer Wohlfahrt Finanziert wurde die Gedenkstätte vor allem von privaten Spendern und am 21. September 1921 eingeweiht.
  • © Rainer Wohlfahrt Die Überreste von etwa 130.000 gefallenen französischen und deutschen Soldaten ruhen im Beinhaus von Douaumont.
  • © Rainer Wohlfahrt Fort Douaumont ist auch heute noch von 100 Jahre altem Stacheldraht umgeben.
  • © Rainer Wohlfahrt Auf der Höhe „Toter Mann“, die durch den Artilleriebeschuss um mehrere Meter abgetragen wurde, hielt der Tod reiche Ernte.
  • © Rainer Wohlfahrt Das Siegesdenkmal in der alten Stadtmauer von Verdun zeigt einen Soldaten, der auf seinem Schwert lehnt.
  • © Rainer Wohlfahrt Die Ruinen in Verdun sind beseitigt und die Kathedrale thront über der Stadt.

Zu dieser Zeit hatte der Erinnerungskult um Verdun eingesetzt: Die Stadt stiftete am 20. November eine Medaille für alle Soldaten, die vor Verdun gekämpft hatten. Nach dem Kriege befasste sich 1919 ein eigenes Komitee mit der Planung für ein Denkmal und für jährliche Gedenkfeiern – nach eingehenden Überlegungen zur Frage des Datums: Gegen den 21. Februar, den Tag des Beginns der deutschen Offensive, sprach das Klima an der Maas, und der 24. Oktober mit der Rückeroberung von Fort Douaumont schien nicht symbolhaltig genug zu sein. „Daher einigte man sich auf den 23. Juni, den Tag, an dem die letzte deutsche Offensive stattgefunden hatte. Aus praktischen Gründen hielt man für die Zukunft den 1. Sonntag nach dem 23. Juni fest. Die erste Zeremonie fand am 23. Juni 1920 statt, mit der Grundsteinlegung des Denkmals“, schreibt das deutsch-französische Historiker-Duo Gerd Krumeich und Antoine Prost. Neun Jahre später konnte das Denkmal „Dem Sieg und den Soldaten von Verdun“ in Anwesenheit von Marschall Pétain enthüllt werden.

Bedeutsamer für die Erinnerung an die „Knochenmühle“ Verdun ist allerdings das 46 Meter hohe Beinhaus von Douaumont, das auf eine Initiative des Bischofs von Verdun, Monsignore Charles Ginisty, zurückging und sich weitgehend auf private Spenden stützte. Der Hauptturm jenes Beinhauses, das die Überreste von etwa 130.000 unbekannten französischen und deutschen Gefallenen enthalten soll, wurde am 21. September 1927 eingeweiht, die endgültige Fertigstellung der Anlage am 8. August 1931 feierlich begangen.

© history-vision.de, F.A.Z. Vor hundert Jahren begann an der Westfront das "Unternehmen Gericht". Fast ein ganzes Jahr lang standen sich Deutsche und Franzosen in der "Hölle von Verdun" gegenüber, mehr als hunderttausend Soldaten wurden getötet.

Am 15. Juni 1940 – in Hitlers „Westfeldzug“ – marschierten schließlich doch noch deutsche Truppen in Verdun ein, so dass der „Völkische Beobachter“ jubelte: „Wo im Jahr 1916 die deutsche Kraft erlahmte, ist unser Heer unaufhaltsam weitergestürmt.“ Durch die Niederlage Frankreichs fanden von 1940 bis 1944 keine patriotischen Gedenkfeiern mehr in Verdun statt. Und auf Pétain, den „Sieger von Verdun“, der als „Chef des Französischen Staates“ in Vichy und später als Chef einer französischen Exilregierung in Sigmaringen mit Hitler kollaborierte, fielen dunkelste Schatten. Nach Kriegsende 1945 wurde er im August zum Tode verurteilt, aber von Regierungschef Charles de Gaulle zu lebenslanger Haft begnadigt und auf die Atlantik-Insel Île d’Yeu verbracht. Dort starb er 1951 im Alter von 95 Jahren und wurde auf dem Insel-Friedhof bestattet, weil die französische Regierung seinen Wunsch, im Beinhaus von Douaumont beigesetzt zu werden, ablehnte.

Trotz des deutsch-französischen Vertrags vom Januar 1963 waren bei der 50-Jahr-Feier der Schlacht 1966 Bonner Regierungsmitglieder nicht erwünscht. Der damalige Staatspräsident und Verdun-Veteran de Gaulle erklärte in Douaumont, „der Verschleiß des Alters“ habe „Marschall Pétain im tiefsten Winter seines Lebens zu verwerflichem Versagen“ geführt; darüber dürfe dessen vor Verdun erworbener Ruhm nicht vergessen und „vom Vaterland nicht gering geschätzt werden“. Am 22. September 1984 kam es schließlich zur historischen Begegnung zwischen François Mitterrand und Helmut Kohl auf dem Schlachtfeld. Ein hoher Beamter des Bonner Auswärtigen Amts berichtete darüber: „Die Gedenkfeier war eindrucksvoll, die ineinander verschlungenen Hände des französischen Staatspräsidenten und des deutschen Bundeskanzlers waren symbolträchtig.“ Und: „Man wurde unwillkürlich an den Kniefall des damaligen Bundeskanzlers Brandt in Warschau 1970 erinnert.“ Kohl erinnerte sich laut eigener Memoiren stattdessen lieber an 1962/63, an Konrad Adenauer und Charles de Gaulle.

© WDR/dpa, Wolfgang Eilmes Die Geste der Versöhnung über den Gräbern von Verdun zwischen dem französischen Präsidenten Mitterand und dem deutschen Kanzler Kohl ging im September 1984 um die Welt.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 26.02.2016 08:42 Uhr