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Veröffentlicht: 21.02.2016, 12:54 Uhr

Jahrestag Verdun Mit dem Bajonett unter Dauerfeuer

Vor hundert Jahren begann die Schlacht bei Verdun. Sie wurde zum Emblem der neuen Schrecken des Kriegs, das Schlachtfeld zum Gedenkort. Auch für die Aussöhnung von Franzosen und Deutschen.

von Gerd Krumeich
© Picture-Alliance Vor hundert Jahren, am 21. Februar 1916, traten die deutschen Truppen zur Offensive auf Verdun an. Die Stadt Verdun blieb von der Schlacht nicht unberührt.

Vor hundert Jahren begann der deutsche Angriff auf Verdun. Am 21. Februar 1916, 8h15 setzte ein Artilleriebeschuss ein, aus 1200 Rohren aller Kaliber, wie ihn die Welt noch nicht erlebt hatte. Noch in einer Entfernung von gut zweihundert Kilometern hörte man die „Kanonen von Verdun“, wie es bald hieß. Das Dauerfeuer hielt bis Ende Juni an, als die deutschen Truppen gezwungen waren, an die Somme, einen noch größeren Kriegsschauplatz, weiterzuziehen. Hier griffen am 1. Juli die Engländer und Franzosen die deutschen Stellungen an, wobei diesmal das Vorbereitungsfeuer aus mehr als 3000 Geschützen kam. Später kamen noch mehr und noch ausgeklügeltere Mordwerkzeuge zum Einsatz, insbesondere die Tanks, die schließlich den Krieg entschieden.

Trotz aller dieser „Steigerungen“ (Clausewitz) des Krieges ist Verdun aber doch in gewisser Weise die größte dieser Schlachten geblieben. Dabei war das Vorgelände von Verdun ein kleines, überschaubares Schlachtfeld von nicht einmal achtzig Quadratkilometern. Doch nach dem Ende der Schlacht hatte jede Seite etwa 350.000 Verluste an Kämpfern zu verzeichnen. Umgekommen waren auf jeder Seite etwa 150.000 Soldaten. Nach dem Krieg wurden die Überreste von ungefähr 135.000 Toten eingesammelt und im Gebeinhaus von Douaumont, dem Ossuaire, gestapelt.

Solche Todesziffern sind später an der Somme und in Flandern noch übertroffen worden. Aber Verdun hat zum ersten Mal Verluste dieser Größenordnung mit sich gebracht und wird deshalb am stärksten erinnert. Dies umso mehr, als gegenüber den anderen Großschlachten an der Westfront die Kämpfe vor Verdun durch eine ganz spezielle Mischung von Nahkampf und Fernbeschuss charakterisiert waren. In diesem von tiefen Schluchten und leichten Anhöhen geprägten Gebiet gab es unter schwierigsten Witterungs- und Bodenverhältnissen ein ständiges Anrennen, den Feind nahezu immer in Sichtweite. Wobei „Anrennen“ oder gar „Stürmen“ doch nur Verbrämungen für das sind, was sich da im Schlamm – manchmal standen die Pferde bis zum Bauch in ihm – und bei ständigem Regen an Humpeln, Kriechen, Wälzen, an Rufen, Schreien und Keuchen abspielte.

Germans at Verdun © Picture-Alliance Vergrößern Nach stundenlanger Artillerievorbereitung versuchten die Soldaten, die französischen Stellungen zu stürmen.

Dieser ungeheuer verbissene Nahkampf geschah unter dem erbarmungslosen Feuer von Tausenden von Geschützen, einem so intensiven Beschuss, dass sich die Wälder vor Verdun binnen weniger Wochen in eine Mondlandschaft verwandelten. Auf Fotos sieht die Landschaft aus, als sei sie von Narben übersät. Das sind die Millionen Trichter – bis zu zwanzig Meter tief –, die die Sprenggranaten rissen. Aus ihnen flogen die Körperteile der Getöteten und verursachten oft schwere Verwundungen unter den Überlebenden. Aber das waren auch Löcher, die Schutz boten und die man miteinander zu provisorischen Gräben verbinden konnte, in denen man den Feind erwartete.

© history-vision.de, F.A.Z. Erster Weltkrieg: 100 Jahre Schlacht von Verdun

Für die Franzosen ist „Verdun“ über bald hundert Jahre die emblematische Schlacht geblieben, wo man sich festgekrallt, „keinen Daumenbreit Boden aufgegeben“ hatte, wie es in einem Tagesbefehl des Generalstabschefs Joffre hieß. „Ils n’ont pas passé“ – sie sind nicht durchgekommen – lautet die Inschrift des wohl eindrücklichsten der vielen Denkmäler, nämlich desjenigen auf der Höhe „Toter Mann“, die im Laufe der Kämpfe durch Granatbeschuss sieben Meter an Höhe verlor. Hinter diesem lakonischen und stolzen Satz steht das Bewusstsein, dass hier, wenige Kilometer vor der Stadt Verdun, alles bedingungslos aufgeboten worden war, um die Deutschen aufzuhalten. Nahezu zwei Drittel aller französischen Einheiten haben hier gekämpft, gelitten und geblutet. Versinnbildlicht wird dieser totale Einsatz durch das Bild der Noria, der ununterbrochen auf der Straße von Bar-le-Duc nach Verdun rollenden Lkw-Kolonne, die seit März 1916 Tag und Nacht Menschen und Material an die Front brachten. Noch heute sind die Kilometersteine dieser „Heiligen Straße“ mit Eichenlaub und Stahlhelmen markiert. Das wird auch weiter so bleiben – trotz der spürbaren Abnahme der nationalen Emphase, seit „die von Verdun“ und auch zumeist die ihnen folgende Generation verstorben sind.

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