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Merkel und Hollande in Verdun : Neues Gedenken an 300.000

Angela Merkel und François Hollande gedenken im Beinhaus von Douaumont den Gefallenen der beiden Nationen. Bild: dpa

Angela Merkel und François Hollande betonen in Verdun die Bedeutung der Toten der Schlacht für die heutige deutsch-französische Freundschaft. In einer Zeit, in der Europa in der Krise steckt. Beobachtungen eines Besuchs, bei dem stilles Händedrücken nicht mehr reicht.

          Der nächste Schritt fällt schwer. Die Kanzlerin und der Präsident erreichen jetzt lehmiges, von Granateneinschlag zerfurchtes Erdreich und einen notdürftig befestigten Spalt. Es sieht so aus, als müssten sie gleich in Schlamm und Dreck versinken, wie einst die Soldaten. Aber der Schützengraben, der sich unter den Glasplatten zu ihren Füßen auftut, ist nur eine beeindruckende Nachahmung im neuen „Mémorial de Verdun“. In der Gedenkstätte wird keine Heldengeschichte erzählt, sondern der Irrsinn und das Grauen der Schlacht dokumentiert. Mehr als 300.000 Menschen starben in der „Hölle von Verdun“. „Der Name Verdun steht für unfassbare Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Krieges wie auch für die Lehren daraus und die deutsch-französische Versöhnung“, sagt die Bundeskanzlerin im Rathaus von Verdun.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          „Wir haben das Leiden der Soldaten in den Mittelpunkt der Ausstellung gerückt“, sagt Thierry Hubscher, der Direktor des gänzlich neu gestalteten und renovierten „Mémorial de Verdun“. Angela Merkel und François Hollande haben das Museum am Sonntag eingeweiht und sich von Hubscher an die wichtigsten Stationen der Ausstellung führen lassen. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und EU-Parlamentspräsident Martin Schulz schlossen sich der Kanzlerin und dem Präsidenten bei dem Rundgang an, um durch ihre Anwesenheit zu verdeutlichen, dass die Erinnerung an Verdun ein europäisches Vermächtnis ist. In der Krypta des Mémorial haben sie inne gehalten und Auszüge aus den Briefen gelesen, die Frontsoldaten, französische und deutsche, an ihre Nächsten schickten.

          Lange war das 1967 eröffnete und durch Spendengelder von französischen Kriegsveteranen finanzierte „Mémorial“ hauptsächlich der französischen Erinnerung gewidmet. Fortan aber dokumentiert es auch die Erfahrungen der deutschen Soldaten. „Inmitten der maßlosen und grauenhaften Bilder, die ich erlebe, ist dieser Gedanke der Rückkehr in die Heimat wie ein strahlendes Licht im Dunkel“, schrieb der Maler Franz Marc an seine Frau. Er sollte sie nie wieder sehen, er fiel in Verdun. „Mama, warum hast du mich zur Welt gebracht? Warum muss ich solches miterleben?“, fragte ein unbekannter bayrischer Soldat in einem Feldpostbrief an seine Mutter.

          Keine Vorfahren in Verdun

          Die neue deutsch-französische Dimension ist insbesondere dem deutschen Historiker Gerd Krumeich zu verdanken, der die Ausstellung mitkonzipierte. Zusammen mit dem französischen Historiker Antoine Prost hat er unter dem Titel „Verdun 2016“ (in deutscher Sprache im Klartext-Verlag erschienen) zum ersten Mal gemeinsam die Geschehnisse zwischen dem 21. Februar und dem 19. Dezember 1916 untersucht sowie den Wandel der Bedeutung von Verdun im kollektiven Gedächtnis analysiert. Für Krumeich, der sich im Mémorial mit der Bundeskanzlerin austauschte, stellt das Museum eine wichtige Etappe auf dem Weg zu einer gemeinsamen Erinnerungskultur dar. „Es zeugt davon, wie sehr sich Frankreich geöffnet hat“, sagt er. Lange wollten die Soldatenverbände am liebsten alles beim alten lassen. Das gilt auch für das Beinhaus von Douaumont, in dem die Knochenreste von etwa 130.000 Soldaten liegen. Dass darunter auch viele deutsche Gebeine sind, fand bislang keine Erwähnung. Die Bundeskanzlerin und der Präsident enthüllten am Sonntag eine Erinnerungstafel, die erstmals auf die sterblichen Überreste der französischen und der deutschen Soldaten hinweist. Bei strömendem Regen hatte Angela Merkel schon am Morgen auf dem deutschen Soldatenfriedhof Consenvoye der Toten gedacht.

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