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Frankfurter Zeitung 29.10.1917 : Nach drei Monaten: Deutschland braucht wieder neuen Kanzler

Dr. Georg Michaelis auf einer undatierten Aufnahme. Seine Karriere als Reichskanzler war Ende Oktober 1917 offiziell zu Ende. Bild: Picture-Alliance

Kanzler Michaelis hatte den Reichstag nach etwas mehr als drei Monaten im Amt vollends gegen sich. Ihm blieb nur der Rücktritt. Wer wird seine Nachfolge antreten?

          Nach allem was man aus politischen Kreisen hört, besteht kaum mehr ein Zweifel, daß Herr Dr. Michaelis sein Abschiedsgesuch eingereicht hat und daß dieses Abschiedsgesuch genehmigt werden dürfte, wenn auch die im Morgenblatt wiedergegebene Meldung eines Berliner Blattes, daß der Kaiser sich für den Rücktritt des gegenwärtigen Kanzlers entschlossen habe, einstweilen noch keine Bestätigung gefunden hat.

          Wahrscheinlich werden nun schon die nächsten Tage, vielleicht Stunden, die Klärung bringen – Klärung vor allem auch für die jetzt im Vordergrunde stehende Frage, wer als Nachfolger des Herrn Dr. Michaelis in dieser entscheidungsschweren Zeit des Vaterlandes das Ruder in die Hand nehmen soll. Die Namen, die dafür in der Oeffentlichkeit genannt werden, sind immer wieder derselben kleinen Gruppe von Persönlichkeiten entnommen, die schon seit langem immer wieder zur Auswahl gestellt werden, wenn ein Kanzlerwechsel in Frage steht – daß unter ihnen keiner ist, der von vornherein als politischer Führer im Sinne der Mehrheitsparteien das sichere Vertrauen der großen Mehrheit des Reichstags und des deutschen Volkes genösse, läßt uns nach wie vor den kommenden Entscheidungen mit schwerem Ernste entgegensehen. An lautesten öffentlich umstritten wird immer noch die Kandidatur des Fürsten Bülow, für den die Propaganda verhüllt und unverhüllt und mitunter mit den seltsamsten Methoden fortgesetzt wird, obwohl doch die Sozialdemokratie und die Volkspartei, aber auch ein großer Teil des Zentrums und selbst die Nationalliberalen ihre entschiedene Gegnerschaft gegen eine neue Kanzlerschaft Bülows mit aller Deutlichkeit zum Ausdruck gebracht haben. Einen lauten Vorstoß für den Grafen Hertling unternimmt gestern auch die „Augsburger Postzeitung“, das Blatt des bayerischen Zentrums, indem sie sich „von einer Seite, die mit der Entwicklung der Dinge im Inneren vollkommen vertraut ist“ folgendes schreiben läßt:

          Nun ist auf Herrn v. Kühlmann hingewiesen worden, der indessen in seiner jetzigen Stellung so ziemlich unentbehrlich sein dürfte. Man ist aus anderen Gründen gegen ihn als Reichskanzlerkandidat. Man sagt, der neue Reichskanzler müsse auch die preußische Wahlreform machen. Dazu könne man einen Bayern nicht gebrauchen. Also überhaupt keinen Bayern, auch etwa den Grafen Hertling nicht, dessen große staatsmännische Rede in der bayerischen Kammer ihn als geradezu prädestiniert für den Posten erscheinen läßt?

          Ein Weg aus der Sackgasse wäre die Aufhebung der Personalunion der preußischen Ministerpräsidentschaft und des Reichskanzleramtes. Der Gedanke ist nicht neu. Schon unter dem Fürsten Hohenlohe wurde er erwogen. Allmählich dürfte die Sache akut werden. Denn die ungeheure Last der Aufgaben und Geschäfte dürfte die Trennung wünschenswert erscheinen lassen. Wir brauchen einen Reichskanzler, der den Frieden macht. Die preußische Wahlreform mag ein preußischer Ministerpräsident machen! Und wenn dieser Michaelis hieße, so würde man sich damit abzufinden haben.

          Im übrigen dürfte das Kleben an Personenfragen vor dem großen Gesichtsverluste zurücktreten müssen, daß nur ein solcher Reichskanzler, der von dem Vertrauen der übergroßen Mehrheit der Volksvertretung getragen ist, und dessen Autorität hierdurch gefestigt erscheint, fähig sein würde, an den Verhandlungstisch zu treten zur Erringung eines für Deutschland ehrenvollen Friedens.

          Diese Kombination – Graf Hertling als Kanzler, Michaelis als preußischer Ministerpräsident – ist seltsam genug. Aber daß, von allem anderen abgesehen, der gegenwärtige Augenblick für geeignet gehalten werden sollte, die Reichskanzlerschaft und die preußische Ministerpräsidentschaft zu trennen, möchten wir doch nicht glauben. Das Experiment ist schon früher gemacht worden, unter wesentlich einfacheren Verhältnissen, und es ist völlig mißlungen, weil der Reichskanzler die Basis des preußischen Präsidiums braucht, um Macht zu haben. Sollte das jetzt, vor der Wahlreform in Preußen, nicht noch viel nötiger sein? Durchaus zustimmen aber können wir dem Schlußsatz Augsburger Blattes. Die wichtigste Basis der Autorität für den neuen Kanzler muß das Vertrauen der übergroßen Mehrheit des Reichstags sein, und wir nehmen an, daß nach den Erfahrungen des Herrn Dr. Michaelis niemand mehr die Reichskanzlerschaft antreten wird, der sich nicht vorher durch Verhandlungen mit den Führern dieses Vertrauens der Mehrheit versichert hätte. Dazu würde gehören, daß er das Aktionsprogramm dieser Mehrheit annimmt. Aber es würde u. E. vor allem auch das nötig sein, daß er aus eigener Überzeugung und aus eigenem politischen Instinkt heraus von Beginn an entschlossen wäre, sich ganz und mit allen Kräften für die Durchführung dieses Programms der äußeren wie der inneren Politik einzusetzen und damit zu stehen und zu fallen. Das heißt: daß er ein Politiker sein müßte, kein – ziviler oder militärischer – Verwalter. Denn der bloße Verwalter wird, nach Herrn Dr. Michaelis noch viel weniger als vorher, in dieser Zeit nicht das Vertrauen des Volkes gewinnen können, das wir zur glücklichen Beendigung unseres Verteidigungskampfes unbedingt brauchen.

          Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 2. November 2017.

          Quelle: sösi.

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