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Frankfurter Zeitung 25.10.1917 : „Lügenpresse“ im ersten Weltkrieg

  • Aktualisiert am

Das Knockaloe-Gefangenenlager auf der Isle of Man in England. Einige Gefangene brachten hier die „Knockaloe Lager-Zeitung“ heraus, die nicht bei allen Bewohnern gut ankam. Bild: Picture-Alliance

Journalisten sind nicht immer beliebt, auch nicht zu Zeiten Kaiser Wilhelms. In einem englischen Gefangenenlager löste eine Zeitung einen kleinen Skandal aus.

          In „eigener Sache“ sozusagen übermitteln die fachgemäßen „Mitteilungen des Verbandes deutscher Journalisten- und Schriftsteller-Vereine“ die folgende Schilderung, die im kleinen eine Vorstellung davon geben mag, wie es oft um das Leben und die Tätigkeit dieser Kollegen bestellt ist.

          Sie mag gleichzeitig Neugierige warnen, die sich den Beruf des Tagesschriftstellers als einen sehr angenehmen und unterhaltenden ausmalen:

          Es ist sehr gut, wenn auch einmal Leute, die sonst mit der Tagesschriftstellerei nichts zu tun haben, in  diese Tätigkeit hineinriechen. Das ist während des Krieges bei den zahlreichen Kriegs- und Feldzeitungen und auch bei den Zeitungen, die in den Gefangenenlagern erscheinen, der Fall gewesen und ist noch täglich der Fall. Aus den Äußerungen über diese mehr oder minder unfreiwillige Tätigkeit im Journalismus geht deutlich hervor, daß ihnen die Tätigkeit der Tagesschriftsteller, sobald sie sie praktisch ausüben müssen, nicht mehr in dem rosigen Licht erscheint, wie das wohl bei den meisten von ihnen vorher der Fall gewesen ist. Wir sind in unserem Beruf gewohnt, von Außenstehenden sehr häufig die Bemerkung zu hören, daß er doch sehr abwechslungsreich und deshalb sehr interessant sei. Von den Schattenseiten, der geistigen Anstrengung, die das schnelle Arbeiten auf den verschiedensten Gebieten hervorruf, haben natürlich nur die wenigsten eine Ahnung. Noch viel weniger Leute machen sich einen Begriff davon, welchen Angriffen auf die persönliche Ehre der Journalist häufig in seiner Tätigkeit ausgesetzt ist, wie er durch anonyme Briefe und grobe Zuschriften häufig beleidigt wird und ihm Gesinnungen untergeschoben werden, die ihm weltenfern gelegen haben.

          Ein sehr interessantes Beispiel dafür, wie gut die Beschäftigung mit solchen journalistischen Dingen bisweilen ist, finden wir in der „Knockaloe Lager-Zeitung“, einer Zeitschrift des Zivilgefangenenlagers Knockaloe, Isle of Man. Die Herausgeber sind die früheren Schriftleiter der „Stobsiade“. Stobs ist ein Gefangenenlager in Schottland. Dort geben einige Leute eine Zeitung mit Erlaubnis des englischen Zensors heraus, die sie nach dem Vorbild der bekannten „Jobsiade“ als „Stobsiade“ bezeichneten. Als sie nach Knockaloe versetzt wurden, gaben sie als Fortsetzung die „Lager-Zeitung“ heraus, und in ihrer Nr. 9 beschäftigten sie sich nun mit dem Journalismus im Lager. Da heißt es in der Einleitung:

          „Wir waren draußen keine Journalisten, wir dachten nicht daran, die Feder, zur Hand zu nehmen, um der Welt unsere Ansichten über die Politik des Feuerlandes, über Häckels Monismus oder die Kunft eines Gudermann aufzudrängen. Wir sind im Lager Gelegenheits-Journalisten geworden aus einem inneren Bedürfnis heraus und in der Zuversicht, daß das Erlebenis unseren Gedanken Wert verleihen würde. Mit der Gründung unserer beiden Zeitungen verknüpfen wir die wohlgemeinte Absicht, eine Verbindung mit der fast entschwundenen Heimat herzustellen, unseren Verwandten und Freunden eine Idee von unserer Lage und von unseren Gefühlen zu geben, kurz, den Vorhang etwas zu lüften, der für sie über unserer Existenz liegt.“

          Dann heißt es weiter:

          „Schon nach der ersten Nummer der „Knockaloe Lager-Zeitung“ erhob sich ein Sturm der Entrüstung. Wir sollten die Lage urnichtig geschildert haben, man warf uns vor, daß wir nicht imstande gewesen wären, nach der kurzen Zeit unseres Aufenthaltes ein treffendes Urteil abzugeben, man nannte uns zugereiste Literaten, man verübelte uns, daß wir vom Gefangenenlager Stobs kamen, als ob das unsere Schuld war, aber wir hatten keine Heimatsberechtigung. Ein Teillager, das nur ungefähr 400 Gefangene beherbergt, sandte uns einen Protest, den über 250 Personen unterschrieben hatten, vielfach Knaben von unter 18 Jahren. Von der ganzen Gesellschaft hatte kaum ein Dutzend die Zeitung gelesen, aber ein Protest ist ein lindernder Seelentrost für die Internierten.“

          Dann wird geschildert, wie schon einmal eine Zeitschrift nach sehr kurzer Zeit eingegangen sei und wie jede Nummer der neuen „Lager-Zeitung“ Verstimmung ausgelöst habe.

          „Man ließ es uns fühlen bis zum Boykott. Wir baten um einheimische Mitarbeiter, da wir dachten, es wäre vielleicht besser, die Alteingesessenen zu Wort kommen zu lassen, aber wir klopften umsonst bei der Intelligenz des Lagers an. Niemand meldete sich. Wir taten es, obwohl wir bereits schlimme Erfahrungen mit Außenseitern gemacht hatten. Greifen wir einen Fall heraus:

          Ein junger Mann hatte uns einst einen Aufsatz gebracht, der Hütten-Typen mit solcher Frische beschrieb, daß wir ihn abdruckten. Die Folge war ein Aufruhr in der Hütte des Artikelschreibers. Er hatte die Unvorsichtigkeit begangen, die eigenen Hüttengenossen zu porträtieren, in durchaus einwandfreier Weise, aber dennoch war man tief gekränkt, denn es ist schmerzlich, sich durch die Augen eines anderen zu sehen. Die Hütte sandte uns eine Deputation mit dem Hüttenkapitän an der Spitze, die uns beinahe – „Schatten des Mark Twain!“ – von der Notwendigkeit einer Schußwaffe in einer Redaktion überzeugte.“

          Am Schlusse heißt es dann:

          „Wir haben versucht, von den Hindernissen zu sprechen, mit denen die Pfade der Journalisten im Lager bestreut sind, von anderen Schwierigkeiten wollen wir schweigen, aber, wenn der Journalismus in der großen Welt auf ähnliche Schwierigkeiten stößt wie wir hier, dann sind seine Vertreter allerdings zu bedauern, denn dann bedürfen sie der eisernen Stirn des Ochsen und der Dicke des Rhinozerosses, und des Lebens Schönheit bleibt ihnen versagt.“

          Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 27. Oktober.

          Quelle: angr.

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