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Frankfurter Zeitung 15.04.1918 : Sixtus-Affäre: Österreichs Außenminister Czernin tritt zurück

  • Aktualisiert am

Ottokar Graf Czernin (1872 - 1932) war Berater von Erzherzog Franz Ferdinand und österreichischer Außenminister. Aufnahme um 1915. Bild: Picture-Alliance

Ein „Mann der robusten Methode“ sei er, aber diesmal ist er zu weit gegangen. Die Sixtus-Affäre zwingt den österreichischen Außenminister Ottokar Czernin zum Rücktritt.

          Aus Wien kommt eine ernste Nachricht: Graf Czernin ist vom Amte zurückgetreten. Sein Entlassungsgesuch ist gestern unterbreitet und sofort vom Kaiser angenommen worden. Wer für die Nachfolge in Betracht kommt, wird noch nicht mitgeteilt, die Geschäfte führt der bisherige Minister des Aeußern einstweilen fort.

          Graf Ottokar Czernin ist im Dezember 1916 Leiter der diplomatischen Geschäfte Oesterreich-Ungarns geworden. Es war der Augenblick des Friedensangebots der Mittelmächte an ihre Feinde. Daß es zu diesem Schritte kam, daran hatte Wien und der Einfluß des friedliebenden Jungen Kaisers stark mitgewirkt, aber nicht Graf Czernin, sondern noch sein Vorgänger Baron Burian war unmittelbar daran beteiligt.

          Von vornherein verstand sich aber, daß Czernin vollständig im Einvernehmen mit den Absichten seines Monarchen war, da er sonst nicht hätte hätte Minister werden können. Man nahm auch an, daß er ein Mann des besonderen Vertrauens Kaiser Karls sei. Der böhmische Graf hat zum Kreise des ermordeten Thronfolgers Franz Ferdinand gehört, dessen Freunde unter dem neuen Monarchen im Gegensatz zu den Gepflogenheiten Franz Josefs in auffälliger Weise auf die Geschäfte Einfluß gewonnen haben. Tatsächlich hat Graf Czernin das Vertrauen des Monarchen nicht vollständig besessen. Das zeigte sich bereits nicht allzulange nach seiner Berufung, als der Kaiser den zum Tode verurteilten Herrn Kramarsch bedingungslos begnadigte und freiließ. Formell war das ein Schritt, der nur Oesterreich anging, tatsächlich war er von größter Bedeutung für die ganze Kriegspolitik, und es verriet einen starken Mangel an innerem Zusammenhang, daß dabei der gemeinsame Minister des Auswärtigen nicht gefragt worden war.

          Was jetzt zu Tage kommt, ist freilich noch viel ernster. Offenbar ohne den verantwortlichen Minister davon zu unterrichten, hat der Wiener Hof Verbindung mit dem Feinde, zunächst mit der französischen Regierung anzuknüpfen gesucht. Wir legen zunächst keinen besonderen Wert auf den Wortlaut des Briefes vom März 1917 an den bourbonischen Schwager in belgischen Diensten. Worauf es ankommt, ist, daß der Minister des Aeußern nichts wußte. Denn wenn Graf Czernin eine Ahnung gehabt hätte, so würde er von der Friedensfrage des Herrn Clemenceau nicht öffentliche Mitteilung gemacht haben. Nun erklärt sich auch, daß der österreichisch-ungarische Minister des Aeußern von dem Verfahren des französischen Ministerpräsidenten, wie es sich ihm darstellte, entrüstet sein durfte und sich zur Preisgabe für berechtigt hielt.

          Als er zu Anfang dieses Jahres von Paris her jene Anfrage erhielt, da mußte er glauben, dies sei ein erster, ohne jede Beeinflussung von unserer Seite unternommener Schritt des Herrn Clemenceau, und die Voraussetzung dazu müsse eine Abkehr von der Pariser Eroberungspolitik sein. Es stellt sich jetzt heraus, daß der politische Leiter eines großen Reiches länger als ein Jahr lang die Geschäfte geführt hat, ohne von eminent wichtigen Vorgängen Kenntnis zu haben, von Vorgängen, die, ganz abgesehen von dem Erfolge der Friedensbemühung, ihm und dem Verbündeten in Berlin schon deshalb nicht unbekannt hätten bleiben dürfen, weil sie die wichtigsten Schlüsse auf die Absichten des feindlichen Lagers zuließen. Es macht für die Welt und auch für Deutschland nicht allzuviel aus, wer der glücklichere Konkurrent des Ministers im Vertrauen seines Herrn gewesen ist, ob ein Prinz, ein Kabinettschef oder ein Beichtvater.

          Die betrübliche Lehre bleibt, daß im vierten Jahre des größten aller Kriege eine unkontrollierbare Hofpolitik das Schicksal der sich mit tödlichem Hasse zerfleischenden Menschheit lernen kann. In den Parlamenten, auch im deutschen, hat man sich närrischer Weise darüber aufgeregt, daß die amtlich bestellten und verantwortlichen Diplomaten ihre Geschäfte bisweilen aus guten Gründen nicht in voller Oeffentlichkeit betreiben. Man wird über die Natur und den Ort der Geheimdiplomatie nun zutreffendere Aufklärung haben.

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