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Frankfurter Zeitung 08.11.1917 : Chaos in Petersburg

  • Aktualisiert am

Versammlung von Sympathisanten der Bolschewiki in Sankt Petersburg. Auf dem Plakat steht: „Alle Macht dem Rat! Sturz den kapitalistischen Ministern! Sturz dem Staatsduma!“ Bild: Picture-Alliance

In Russland droht Bürgerkrieg, Revolution liegt in der Luft. Die Regierung befiehlt, Brücken zu zerstören um Aufständischen den Weg in die Stadt abzuschneiden.

          Die Nachrichten aus Petersburg lassen erkennen, daß die Lage sich dort zu einer Krise zuspitzt, die weit schwerer zu werden droht, als selbst diejenige im Juli, die in kurzen, aber blutigen Straßenkämpfen erledigt wurde. Ein klares Bild der Vorgänge zeichnen sie freilich nicht.

          Eine französische Meldung berichtet, daß der Arbeiter und Soldatenrat vorläufig die Bildung einer „revolutionären“ Gegenregierung gegen die doch immerhin auch einigermaßen revolutionäre Regierung Kerenskijs abgelehnt und beschlossen habe, die „Kundgebung“ aufzuschieben, um später überraschend auftreten zu können. Es erscheint nicht ausgeschlossen, daß diese Meldung tatsächlich richtig, aber vielleicht um Tage oder auch nur um Stunden überholt ist. Die gestrigen Meldungen der Petersburger Telegraphenagentur, die damals noch in den Händen der Regierung war, ließen keinen Zweifel mehr offen über den Ernst der Lage.

          Am Dienstagabend befahl die Regierung, die „Brücken zwischen den Arbeitervierteln und dem Zentrum“ zu zerstören. Die gewaltigen Brücken über die Newa, aber auch hunderte kleinerer Brücken über die vielen Kanäle, die Petersburg in allen Richtungen durchziehen, können diesem Befehl zum Opfer fallen; der ganze Verkehr der endlos ausgedehnten Hauptstadt wird wenigstens für die nächsten zwei oder drei Wochen lahmgelegt, bis die Bereifung den Strom und die Kanäle selber zu gangbaren Straßen macht. Solche Maßnahmen sind natürlich nur im Fall eines Bürgerkriegs denkbar. Die Reutermeldung, die einstweilen die letzte direkte Nachricht aus Petersburg ist, läßt vermuten, daß die Maßnahme der Regierung nur beschränkten Erfolg haben wird, da in dem künstlich von den Vorstädten abgeschnittenen Zentrum der Hauptstadt sich auch ein Herd der Empörung gebildet hat. Man muß alle englischen Berichte aus Rußland mit Vorsicht beurteilen; die „Times“ und die ihr verwandten Organe, zu denen auch das Reutersche Bureau gehört, haben vom ersten Tage der Revolution an die Zustände in Russland so schwarz als möglich gemalt – vielleicht um die englischen Arbeiter vor dem ansteckenden Beispiel zu immunifizieren. Dennoch ist die neueste Meldung Reuters nicht unwahrscheinlich. Danach haben Marinetruppen, die den Marimalisten gehorchen, die Petersburger Telegraphenagentur, die Telegraphenzentrale, die Reichsbank und das Marineministerium, das in der riesenhaft ausgedehnten Admiralität, in unmittelbarer Nähe des Winterpalastes, untergebracht ist, besetzt.

          Die Telegraphenagentur und die Telegraphenzentrale liegen in unmittelbarer Nähe einer großen Kaserne der Marinetruppen, die Admiralität nur wenige Minuten davon entfernt, die Reichsbank etwas weiter, doch so, daß kein ernstliches Hindernis zu überwinden war. Matrosen und Marineinfanterie waren schon 1905 die ersten Träger der revolutionären Bewegung, deren ärgste Ausartung in der Flotte zu verzeichnen waren. Die Geschichte der großen russischen Revolution dieses Jahres hat der Flotte nicht mehr eine so führende Bedeutung verliehen; dafür sind fast alle die Ereignisse, die diese Revolution mit schmachvollen Flecken entstellen, die Abschlachtung der Offiziere in Helsingfors, die Plündern in Wiborg und die sinnlose Karikatur einer Republik, die man in Kronstadt aufgerichtet hat, das Werk der Matrosen, die im Juli zum ersten Mal nach Petersburg zogen um die „bourgeoise“ Regierung zu stürzen. In Petersburg selber sind die Leute von der Flotte von Anfang an die Hauptstütze der Marimalisten gewesen. Wenn der „revolutionäre Generalstab“, den Lenin und Trotzki eingesetzt haben, die Gründung einer Petersburger Kommune nach dem fatalen Vorbild von Paris 1871 jetzt mit Gewalt durchsetzen wollen, so ist die Taktik nicht ungeschickt, die sich im Herzen der Stadt feste Stützpunkte sichert. Die Gegenmaßnahmen der Regierung scheinen zunächst nur die aus den Vorstädten drohende Gefahr ins Auge gefaßt zu haben. Sie scheinen zunächst diesen beschränkten Zweck erreicht zu haben, da Reuter ausdrücklich berichtet, es seien keine Unruhen vorgekommen. Dennoch bedeuten die Vorgänge, deren Helden die Petersburger Marineinfanteristen waren, den Beginn des Bürgerkriegs, den Lenin selber und die um ihn gescharten Leute seit Monaten ungescheut predigen.

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