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Frankfurter Zeitung 28.01.1918 : Petersburg: „Atmosphäre einer babylonischen Verhetzung“

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Bürger beobachten, wie Soldaten Symbole des Zaren auf einer Straße in St. Petersburg verbrennen. Mit der Oktoberrevolution übernahmen die Bolschewiki 1917 die Macht. Bild: Picture-Alliance

In Petersburg kehrt Ernüchterung ein. Nach der Machtergreifung der Bolschewiki bröckelt der Rückhalt in der Bevölkerung. Die versucht mit Zensur gegenzusteuern.

          P Stockholm, 26. Jan. (Priv.-Tel.)

          Nach einer Schilderung einer hier eingetroffenen gut unterrichteten Persönlichkeit herrscht zur Zeit in Petersburg die Atmosphäre einer geradezu babylonischen Verhetzung und Verwirkung. In bürgerlichen und gemäßigt sozialistischen Kreisen tritt gegen die Bolschewikiregierung eine maßlose Erbitterung hervor, der die Blätter von der „Rjetsch“ bis „Djelo Naroda“ unverhüllt Ausdruck geben.

          Aus Furcht vor Attentaten wird das Smolny-Institut von lettischen Schützen scharf bewacht. Die Parteilokale und Redaktionen der Oppositionsparteien sind, soweit sie nicht überhaupt geschlossen sind, von Roten Gardisten gleichsam belagert. „Djelo Naroda“, das nach der Auflösung der Sobranje mit Trauerband erschien, wurde verboten. Seit dem 20. Januar werden alle Nummern der „Nowaja Shisn“, die die führenden Volkskommissare anläßlich der letzten Ereignisse als politische Ungeheuer bezeichnete und fragte, warum die offiziöse „Prawda“ aufgehört habe, Mitteilungen über Brest-Litowsk zu veröffentlichen, auf der Straße von Roten Gardisten beschlagnahmt.

          Unterdessen setzt die Petersburger Telegraphen-Agentur ihre methodische Bearbeitung der Waffen durch gegen den deutschen Imperialismus gerichtete Proklamationen fort. Man bemerkt daher neuerdings sowohl in Petersburg wie in Finland unter den russischen Soldaten wieder eine zunehmende deutschfeindliche Stimmung. Die in einigen Blättern angedeutete Pogromneigung gewisser Teile der Bevölkerung ist angeblich auf die wiederbeginnende Wühlarbeit des „Schwarzen Hundert“ zurückzuführen und wird als so bedrohlich geschildert, daß das allrussische jüdische Komitee auf Ende Januar einen Kongreß aller jüdischen Militärorganisationen zur Besprechung der Selbstwehr im Falle eventueller Pogrome einberief.

          Die zur Schau getragene Siegesgewißheit der Bolschewikiregierung gegenüber der Ukraine, ihre Erklärung, daß sie einstweilen nicht beabsichtigte, das russische Militär aus Finland zurückzuziehen, zusammen mit ihrer Verschleppungstaktik in Brest-Litowsk erinnern an das gewagte Spiel Kerenskijs und festigt die in der breiten Oeffentlichkeit tief eingewurzelte pessimistische Erwartung, daß Rußland trotz eines eventuellen Sonderfriedens mit Oesterreich-Ungarn sobald keine Tage des Friedens, wohl aber noch große innere Unruhen und äußere Prüfungen bevorstehen.

          Laut „Sibirskaja Shisn“ wurde die in der Nähe Sibiriens gelegene durch die alljährliche Warenmesse bekannte Handelsstadt Irbit von den dortigen Truppen fast völlig zerstört und das Handelsviertel niedergebrannt.

          Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 1. Februar 2018.

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