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Frankfurter Zeitung 08.11.1918 : Thronverzicht oder Bürgerkrieg

  • Aktualisiert am

Demonstration von Arbeitern und Soldaten am Pariser Platz in Berlin, November 1918. Bild: Picture-Alliance

Gerade erst scheint das Ende des großen Weltkriegs greifbar, nun wird innerhalb deutscher Grenzen gekämpft. Was kann das Land noch vor der Katastrophe bewahren?

          Die deutsche Revolution entwickelt sich mit rasender Geschwindigkeit. Was gestern noch eine politisch fast indifferente Soldatenbewegung in Norddeutschland war, das ist über Nacht in München zum politischen Umschwung geworden: für Bayern ist die Republik ausgerufen worden, ein bayerischer Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat hat sich konstituiert, um die Leitung des Freistaats zu übernehmen. In Berlin sind gestern die von den Unabhängigen einberufenen Versammlungen zur Feier des Jahrestages der russischen Revolution trotz des Verbots abgehalten worden; über den Verlauf fehlen uns noch Nachrichten, da der drahtliche Verkehr mit Berlin gestört ist.

          Die Kaiserfrage, über die im Laufe des heutigen Vormittags eine Entscheidung fallen muß, die für den weiteren Ablauf der Dinge – für die ganze deutsche Zukunft! – von ungeheuerster Bedeutung sein wird, tritt demgegenüber im Augenblick fast in den Hintergrund. Vielmehr: man muß sie als entschieden betrachten. Denn ein furchtbarer Frevel wäre es, wollten die Dynastie und ihre Berater sich auch jetzt noch der Einsicht des Notwendigen verschließen. Unheil genug ist dadurch entstanden, daß der einzig mögliche Schritt hinausgeschoben wurde. Die Regierung hatte sich, wie es scheint, deshalb zu so langem Zögern bereit gefunden, weil sie, vielleicht nicht ohne Anhaltspunkte dafür zu haben, für den Fall der Abdankung des Kaisers ein Versagen hoher soldatischer Stellen, eine Bedrohung des Zusammenhalts der Armee nicht von unten, sondern von oben, befürchtete. Jetzt ist längeres Zögern unmöglich. Wir haben, das muß klar gesehen werden, nur die Wahl zwischen dem Thronverzicht des Kaisers und des Kronprinzen oder dem Bürgerkrieg. Und niemand darf zweifeln, was dieser für die Dynastie überhaupt, nicht nur für den gegenwärtigen Träger der Krone und ihren nächsten Anwärter, letzten Endes mit aller Sicherheit bedeuten würde. Diese Wahl ist in Wirklichkeit für den Kaiser keine Wahl mehr.

          Denn den Bürgerkrieg, den letzten Ruin Deutschlands zu verhüten, muß heute die allein entscheidende Sorge aller sein. Manchem, im alten militärischen Geiste des Obrigkeitsstaates Lebenden mag der Gedanke nahe liegen, Soldaten gegen die Meuterer aufzubieten und so mit Gewalt die Aufständischen zu ihrer Pflicht zurückzuführen. Das deutsche Volk in seiner überwältigenden Mehrheit lehnt, dessen sind wir sicher, solche Gedanken mit aller Entschlossenheit ab. Menschenleben und Menschenglück sind in den einundfünfzig Monaten dieses Krieges millionenfach vernichtet worden: das soll jetzt zu Ende sein. Die deutschen Heere haben mit ihren Leibern die Zerstörung von deutschen Städten ferngehalten: sie sollen nicht selbst jetzt die Verwüstung noch in die Heimat tragen. Deutsche sollen nicht auf Deutsche schießen. Die Regierung, wie sie auch morgen heißen möge, muß einen Weg finden, mit den Lenkern der Bewegung einen Ausgleich herzustellen ohne Blutvergießen. Eine neue Zeit ist angebrochen – sie muß Mißstände der Vergangenheit rückhaltlos preisgeben, für die sie ja nicht verantwortlich ist, sie muß mit neuen Mitteln, in neuer Form arbeiten können.

          Heil oder trostloses Elend

          Das Entscheidende allerdings wird von denen abhängen, die sich als allerjüngste Träger höchster Gewalt jetzt proklamieren. Sie sind, bis heute, nicht das Volk, sind zum Beispiel in Bayern erst die Hauptstadt, nicht das Land, und ob und wann sie in Wahrheit die Mehrheit repräsentieren können, das wird ihr eigenes Verhalten in den nächsten Tagen und in der kommenden Zeit bestimmen. Eine ungeheure Verantwortung liegt auf ihnen, für die unmittelbare Gegenwart und für die Zukunft Deutschlands und der Welt. Denn auch wenn jetzt der Waffenstillstand und der Friede kommt, und gerade dann, sind Aufgaben von unerhörter Schwierigkeit zu lösen.

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