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Frankfurter Zeitung 14.10.1917 : Der Millionär und das Elend der Witwe

  • Aktualisiert am

Kinder spielen 1917 auf einem Spielplatz im Harz. Während ihre Väter im Krieg kämpften, spitzte sich die finanzielle Lage von vielen Familien zu. Bild: Picture-Alliance

Vier Kinder im Krieg verloren, Geldnot und ein gnadenloser Gläubiger: Eine Frau schildert in diesem Leserbrief ihr Leid.

          Wir erhalten ein Schreiben, das wir (ohne Namensnennung) wiedergeben, wie es ist, hinzuzufügen ist nichts, es sagt genug:

          Sehr geehrter Herr Redakteur!

          „Dem Feldgrauen unser unauslöschlicher Dank!“, so sprechen neben Reichskanzler Abgeordnete und Volksvertreter in großer Zahl, so fühlt, glaube ich, ein großer Teil unseres Volkes mit, aber nur der Teil, es ist ja der größte, der diese feldgrauen Kämpfer selbst draußen hat. Ich möchte Ihnen heute eine kleine Geschichte erzählen, damit Sie als Leiter einer der größten Zeitungen sehen können, daß es noch Leute in unserem Deutschen Reich gibt, die nach drei Jahren Weltkrieg immer noch nichts von demselben gespürt haben, immer noch keine Lehre aus all dem Elend um sie herum gezogen haben. Im August 1914 entließ ich fünf prächtige Söhne, mein Mann ist schon lange tot, heute ist mir ein einziger geblieben, die vier anderen fielen auf dem Felde der Ehre. Ich selbst wurde von meinen Söhnen unterstützt, mein Mann war einem Schlaganfall erlegen, als er erfahren mußte, daß er durch eine Bürgschaft sein ganzes Vermögen verloren hatte. Mein zweitjüngster Sohn, der letzte meiner fünf Söhne, betrieb ein gutgehendes Geschäft, das ihm so viel einbrachte, daß er nicht allein die Zinsen der Hypotheken auf unserem Haus bezahlen konnte, sondern auch seine Familie und mich ernähren konnte. Seit August 1914 ist er eingezogen, hat im Westen und Osten gekämpft, selbstverständlich ruht seit seiner Einberufung das Geschäft. Wir mussten die Ersparnisse meines Sohnes angreifen, um die Hypothekenzinsen weiterzuzahlen und um leben zu können. Sie können sich gewiß denken, daß in diesen drei Jahren viel Geld auf der Sparkasse abgehoben werden mußte um eine siebenköpfige Familie diese lange Zeit durchzubringen. Arbeiten können die Kinder nicht, da sie noch alle schulpflichtig sind, aber essen müssen sie und gekleidet wollen sie auch sein, dazu ist meine Schwiegertochter kränklich, ich werde in diesem Jahre 70 Jahre alt. Mein letzter Sohn ist immer noch Soldat. Und nun komme ich zum Kern der Sache. Ein mehrfacher Millionär belieh mein Haus mit der ersten Hypothek, deren Zinsen stets glatt erledigt wurden, selbst im Kriege. Nun kann ich diese Zinsen wegen der oben geschilderten Umstände nicht mehr pünktlich bezahlen und bekam nun von einem Rechtsanwalt, dem Vertreter des Millionärs, geschrieben, daß mir, wenn ich nicht baldigst alles ordnen würde, das Kapital gekündigt würde. Ich frage sie nun: Haben meine fünf Söhne draußen an der Front nicht den Besitz dieses Mannes mitverteidigen helfen? Kann ich etwas für mein namenloses Unglück? Kann mir und den Kindern meines letzten Sohnes, der heute noch seine Pflicht dem Vaterlande gegenüber tut, das Haus genommen werden?

          Ja, wenn der Mann selbst Not litte, wenn er auf die Zinsen angewiesen wäre, so wollte ich gar nichts sagen, aber der Mann ist, wie schon bemerkt, mehrfacher Millionär. Ich ging zu dem Rechtsanwalt, stellte ihm alles vor, und die Antwort, die er mir gab, lautete: „Ich habe anderes zu tun, als Ihre Klagen anzuhören, sorgen Sie dafür, daß alles pünktlich erledigt wird!“

          Ist das der Dank, daß ich dem Vaterland alles, was ich besaß, gab? Ist das nun die Entschädigung für all die schlaflosen Nächte, die ich seit Beginn dieses Krieges durchgemacht habe, für all‘ die Tränen, die ich geweint, für die harten Opfer die ich bringen mußte?

          Meine Kinder sind tot bis auf einen, niemand hab ich, der mir rät oder hilft, meine Tage werden ja auch wohl bald gezählt sein; wer schützt aber Frau und Kinder meines letzten Sohnes, der heute noch im „feldgrauen Ehrenkleid“ seine Pflicht erfüllt?

          Vielleicht schreiben Sie eine kleine Geschichte, vielleicht gehen Sie darüber zur Tagesordnung über, vielleicht geben Sie mir im Briefkasten Ihrer Zeitung die Antwort, daß leider nichts zu machen sei; ich wollte Ihnen ja auch nur einmal schreiben, damit Sie sehen, daß es auch im Deutschen Reiche elende Menschen gibt, die das Elend einer Mutter, einer Familie kaltblütig vergrößern können, nur damit ihnen pünktlich ihr Geld wird.

          Hochachtend

          Frau ….

          Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 17. Oktober 2017.

          Quelle: angr.

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