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Frankfurter Zeitung 17.02.1918 : Der Krieg im Osten geht weiter

  • Aktualisiert am

Deutsche Soldaten mit russischer Kriegsbeute. Nachdem es Ende Dezember zu einem Waffenstillstand an der Ostfront gekommen war, gingen die Kämpfe im neuen Jahr weiter. Bild: Picture-Alliance

Die Bolschewiki-Regierung erklärt den Kriegszustand für beendet, stimmt allerdings keinem Friedensvertrag zu. Die Deutschen rücken weiter vor. Ein Blick zurück auf das Jahr 1918.

          Berlin, 16. Febr. (W.B. Amtlich.) In einer amtlichen Mitteilung stellt die Kaiserliche Regierung fest, daß die Petersburger Regierung durch ihr Verhalten den Waffenstillstand tatsächlich gekündigt hat. Diese Kündigung ist als am 10. Februar erfolgt anzusehen. Die deutsche Regierung sich demgemäß nach Ablauf der vertraglich vorgesehenen siebentägigen Kündigungsfrist freie Hand nach jeder Richtung vorbehalten.

          Berlin, 16. Febr. (W.B. amtlich) In seiner bekannten Erklärung vom 10. Februar hat Herr Trotzkij zwar für Rußland die Beendigung des Kriegszustandes und die Demobilmachung verkündet, zugleich aber das Unterzeichnen des Friedensvertrags abgelehnt. Er hat sich geweigert, an einer ihm vorgeschlagenen Vollsitzung, in der ihm die Entschließungen des Vierbundes mitgeteilt werden sollten, teilzunehmen und hat die Verhandlungen abgebrochen. Durch die einseitige russische Erklärung ist selbstverständlich der Kriegszustand nicht beseitigt und der Friedenszustand nicht an seine Stelle gesetzt worden, vielmehr hat die Weigerung, einen Friedensvertrag zu unterzeichnen, die Herstellung des Friedens unmöglich gemacht.

          Gerade zur Herbeiführung eines Friedens aber war der Waffenstillstandsvertrag vom 15. Dezember 1917, was der Vertrag in seiner Einleitung ausdrücklich hervorhebt, abgeschlossen worden. Mit dem Verzicht auf Frieden hat daher das bolschewistische Rußland auf die Fortdauer des Waffenstillstands verzichtet. Dieser Verzicht ist der Kündigung gleich zu achten. In einer amtlichen Mitteilung stellt die Kaiserliche Regierung fest, daß die Petersburger Regierung durch ihr Verhalten tatsächlich den Waffenstillstandsvertrag gekündigt hat. Diese Kündigung ist als am 10. Februar erfolgt anzusehen. Die deutsche Regierung hat sich demgemäß nach Ablauf der siebentägigen Kündigungsfrist freie Hand nach jeder Richtung vorbehalten.

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          Es war zu erwarten, daß Deutschland den Zustand, der durch die einseitige Erklärung Trotzkijs entstanden war, nicht ruhig hinnehmen, sondern sobald als möglich zu klären suchen werde. Das Verhältnis, in dem zwar der Kriegszustand von einem der Kriegführenden als beendigt erklärt wird, aber doch auch kein Friede eintritt und demgemäß eine völlige Vertrags- und Rechtslosigkeit Platz greift, ist zwischen Kulturstaaten nicht haltbar. Es ist auch von Trotzkij nur gewählt worden, weil er damit glaubte, der Notwendigkeit eines Friedensschlusses, der ihm gewisse völkerrechtliche Pflichten gegen Deutschland auferlegt hätte, entgehen zu können. Der Zweck dieses Schrittes war, keinen Vertrag unterzeichnen zu müssen, dessen erster Artikel gelautet hätte, daß die Vertragschließenden fortan in Frieden und Freundschaft miteinander leben wollen. Das eben ist das, was Trotzkij und die Bolschewiki nicht wollten. Damit aber war auch der Waffenstillstand hinfällig geworden.

          Es mag sein, daß die jetzige bolschewistische Regierung diesen wunderlichen Zustand benutzen zu können glaubte, um daraus für sich Vorteile herzuleiten. Aber es ergibt sich von selbst, daß Deutschland, welches soeben mit der Ukraine einen Friedensvertrag abgeschlossenen hat, und dem auch das Schicksal der anderen Randstaaten, wie Finland, Kurland, Litauen und Polen nicht gleichgültig sein kann, danach trachten muß, feste Verhältnisse zu schaffen. Der erste Schritt dazu ist, daß es die Erklärung Trotzkijs als Kündigung des Waffenstillstands ansieht und gemäß den Bedingungen dieses Waffenstillstands ihn sieben Tage später als erloschen betrachtet. Da Trotzkij sich weiteren Verhandlungen durch seine Abreise nach Petersburg entzogen hat, ein völkerrechtlicher Verkehr sonst noch nicht besteht, andererseits eine russische Armee, die etwaige Erklärung der deutschen Heeresleitung entgegennehmen könnte, nicht mehr existiert, so entstehen für die Uebermittlung eigentümliche Schwierigkeiten. Aber die Schritte der deutschen Regierung können diese nicht beeinflussen.

          Welche weiteren Folgerungen aus dem Aubschluß des Waffenstillstandes werden gezogen werden, ist eine Frage für sich. Davon ist natürlich keine Rede, daß etwaige militärische Schritte Deutschlands auf Eroberungen gerichtet sein könnten. Das wird wohl auch von Deutschland in aller Form erklärt werden. Was geschieht, dient lediglich dem Zweck, das widerspruchsvolle und völlig unhaltbare Verhältnis ins Reine zu bringen. Die Bolschewiki hätten es jetzt noch in der Hand durch den Abschluß eines regelrechten Friedens diese Klärung herbeizuführen. Das wäre das Beste für alle Teile. Aber es sieht nicht danach aus, als denke Herr Trotzkij daran, nachträglich doch noch zu tun, was wochenlang seine wichtigste Angelegenheit zu sein schien. So werden wir es denn erleben, daß binnen einer Woche im Verhältnis zu Rußland wieder Kriegszustand eintritt.

          Die nächste Ausgabe des historischen E-Paper erscheint am 19. Februar 1918.

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