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Frankfurter Zeitung 14.11.1917 : Ein Testament von Martin Luther taucht auf

  • Aktualisiert am

Portrait von Martin Luther alias „Junker Jörg“ aus dem Jahre 1522. Die abenteuerliche Reise eines seiner Testamente erweckt 1917 das Interesse der Frankfurter Zeitung. Bild: Picture Alliance

In Ungarn ist 1878 ein Schriftstück Martin Luthers aufgetaucht. Zunächst gerät es wieder in Vergessenheit, doch die Frankfurter Zeitung nimmt sich seinem Schicksal an.

          Kürzlich ging die Nachricht durch die Blätter, daß sich im Archiv der ungarisch-evangelischen Kirche zu Budapest das Original-Testament Martin Luthers befindet. Diese Tatsache ist im Jahre 1878 aus einer im Generalkonvent der evangelischen Kirche in Ungarn erfolgten Mitteilung bekannt geworden, seither aber ziemlich in Vergessenheit geraten und nunmehr in theologischen Kreisen bekannt geblieben. Es ist interessant auf die Geschichte der Auffindung und das Schicksal des Testaments, sowie auch auf einige andere in Budapest befindliche Lutherdenkmäler die Aufmerksamkeit zu lenken.

          Die Echtheit des aus dem Jahre 1542 stammenden Testaments wurde damals, als die Nachricht von der Auffindung bekannt wurde, sofort von einigen Gelehrten, in erster Reihe aber von einem Wiener Karl Reuß, der sich als „Historiker vom Fach“ vorstelle, in einem Wiener Blatte bekämpft. Herr Reuß berief sich auf Ranke, der in seiner Geschichte der Reformation nachgewiesen haben soll, daß sich das einzige, von Luther eigenhändig geschriebene Testament sich in der Heidelberger Universitäts-Bibliothek befindet. Der gewesene evangelische Pfarrer in Budapest, E. A. Dolechall, der sich ganz besondere Verdienste um die Feststellung der Echtheit des Testaments erworben hat, forderte Reuß auf, der möge die von ihm erwähnte Stelle in Rankes Schriften bezeichnen, er hielt jedoch von Reuß keine Antwort. Pfarrer Doleschall schrieb hierauf an Ranke, der ihm antwortete: „Ich muss bekennen, daß ich mich gar nicht darauf besinnen kann, über Luthers Testament mich jemals in einer meiner Schriften ausgesprochen zu haben. Einer meiner Freunde hat sich die Mühe genommen an den Stellen, an welchen die Rede davon sein könnte, nachzusuchen, hat aber nichts gefunden.“  Auch vom Oberbibliothekar der Heidelberger Universität, Prof. Zangemeister, erhielt Pfarrer Doleschall eine Zuschrift, welche besagt, daß sich das Originaltestament Luthers nicht in der Universitätsbibliothek befindet. Wie das Testament Luthers nach Budapest gelangt ist, darüber teilt Doleschall in einer 1881 erschienenen Schrift „Luthers Testament“, mit, daß sich das wertvolle Dokument ursprünglich im Besitz der angesehenen Wittenberger Gelehrtenfamilie Carbzov befand. Nach dem im Jahre 1803 erfolgten Ableben des letzten männlichen Sprossen dieser Familie wurde seine reichhaltige Bücher- und Handschriftensammlung versteigert und das Testament Luthers von dem bekannten ungarischen Sammler Nikolaus v. Jankovich im Jahre 1804 um vierzig Dukaten erstanden und 1815 dem Generalkonvent der ungarländischen evangelischen Kirche zum Geschenk gemacht. Das wertvolle Dokument gelange jedoch zunächst mit dem ganzen Jankovichschen Nachlaß in das Nationalmuseum und erst nach vielfachen Reklamationen in den fünfziger Jahren in das evangelische Landesarchiv. Die Echtheit der Urkunde ist, wie bereits erwähnt, 1878 durch eine Kommission von Fachmännern und Gelehrten in einer jeden Zweifel ausschließenden Weise festgestellt worden.

          Ueber die äußere Form des hier von der evanglischen Gemeinde pietätvoll bewahrten und trefflich erhaltenen Schriftstückes sei bemerkt, daß die Urkunde auf Kleinfolio geschrieben, fünfthalb Seiten umfaßt und samt der Unterschrift der Zeugen Philipp Melanchthon, Caspar Creuciger und Johannes Bugenhagius Pomeranus 126 Zeilen ausmacht. Sie war ursprünglich, wie dies aus dem braunen Bug des Papiers gefolgert werden kann, längere Zeit in Briefform, beziehungsweise nach Art jener kleineren Dokumente (wie etwa Schuldscheine) gefaltet, die an beiden Enden gebrochen und ineinander gelegt zu werden pflegen. Auf der sechsten Seite der Handschrift, die den Umschlag bildete, sind die ziemlich vergilbten Worte lesbar: „Catharin Lutherin Leipgeding“.

          Eine andere Lutherreliquie, die sich hier befindet, ist ein in Angelegenheit des Abendmalstreites an den Landgrafen Philipp von Hessen gerichteter Originalbrief Luthers, der aus einem einzigen Folioblatte besteht und ebenfalls recht gut erhalten ist. Im ungarischen Nationalmuseum wird außerdem ein Brief Luthers aufbewahrt, den dieser 1535 an den Herzog Johann Friedrich von Sachsen richtete, in welchem Luther für eine ihm mitgeteilte freudige Nachricht, wahrscheinlich die Kunden von den afrikanischen Siegen des Kaiser, dankt, über die in Wittenberg herrschende Furcht vor der Pest scherzt und um Wildpret zu einem Dorfschmaus bittet.

          Ein überaus wertvolles, gleichfalls hier verwahrtes, aus den jüngeren Jahren Luthers stammendes Autographum handelt „von der Frechheit eineß Christenmenschen“. Das Manuskript gelangte durch den Kriegsobersten von Nürnberg Joh. Chr. Kreß 1757 an den Antistes der Nürnberger Geistlichkeit Joh. Sigm. Mörl. Nach dem Tode Mörls war der Superintendent von Galizien Samuel Bredecky, später Pfarrer und Senior Michael Schwarz in Eperins Besitzer des Dokuments, der es dann dem Generalarchiv zum Geschenke machte. Dieses Manuskript gehört zu den besterhaltenen Autogrammen Luthers. Es besteht aus zwanzig Blättern in kleinem Quartformat und befindet sich in einem Einband von rotem Saffian. Das Werkchen ist mit besonderer Sorgfalt geschrieben, die Aufschrift, die Initialen sowie einzelne Buchstaben der in Briefform verfaßten Zueignung zinnoberrot gehalten.

          h.

          Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 15. November 2017.

          Quelle: angr.

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