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Frankfurter Zeitung 15.11.1917 : Frankreichs Premier geht nach einem halben Jahr

  • Aktualisiert am

Portrait des Mathematikers und Politikers Paul Painlevé (1863 - 1933). Er war zwei Mal französischer Premierminister, 1917 und 1925. Bild: Picture-Alliance

Der Premierminister Frankreichs, Paul Painlevé, tritt am 13. November zurück. Die Frankfurter Zeitung spekuliert über Gründe.

          Wie sich jetzt herausstellt, ist das Ministerium Painléve auf eine womöglich noch kläglichere Weise zu Fall gekommen, als man nach den ersten Meldungen angenommen hatte. Sein Sturz stellt sich nun als eine Episode jener Skandalaffähren dar, von denen die fanzösische Politik heute wie in einem dichten und atembeklemmenden Herbstnebel eingehüllt erscheint, in deren Finsternis sich Herr Painlevé mit unsicherem und ratlosen Schritt bewegte, bis er endlich auf das fatale Hindernis stieß und jammervoll strauchelte.

          Ein trauriges Schicksal für einen Mann, der in den Tagen der Affäre Dreyfus als einer der vornehmsten Fackelträger der Wahrheit erschien, aber ein nicht unverdientes Schicksal für den, der, einst ein Sachwalter der Wahrheit und des Rechts, sich nun in einen Dienst begeben hatte, dessen hauptsächliche Funktion die Täuschung ist. Vielleicht werden Herrn Painlevés Biographen ihn einst loben, daß er sich in dieser Rolle nicht zurecht fand und an ihre politisch zu Grunde ging. Denn es ist offenkundig, daß der Dunst der Anrüchigkeit, der sich heute über die politische Welt Frankreichs gelagert hat, von der gleichen Herkunft ist wie die Verleumdungen und Verdächtigungen, mit denen Frankreich seinen Kampf gegen den äußeren Gegner entwürdigt hat. Es ist auf die Dauer unmöglich, nach außen unehrlich und nach innen aufrichtig zu sein. Die Lüge rächt sich, indem sie zu einer Gewohnheit des Denkens und Fühlens wird, die alle Regungen der Seele entstellt vergiftet.

          Die Greuelmärchen, mit denen die französischen Machthaber dem Feind zu schaden suchten, stammen aus der gleichen Quelle wie der Betrug, mit dem sie das eigene Volk von der Wirklichkeit ablenkten und wie einen von böswilliger Hand geleiteten Blinden von einem Irrtum in den anderen zerrten. Der maßlose Haß gegen den „Boche“, der dem französischen Volk von seinen Führern eingeimpft wurde, ist nahe verwandt mit der tiefen Gehässigkeit, die heute den Kampf der Meinungen in Frankreich kennzeichnet und das Land in Verräter und Verratene scheiden zu wollen scheint.

          Das dürften so die Gedanken sein, mit denen Herr Painlevé heute am Grab der schmeichelhaften Erwartungen steht, die ihn einst als den kommenden Mann bezeichneten, doch freilich schon durch die unrühmliche Art, wie er sich im Dunkel der elyseischen Machenschaften mit der Ministerpräsidentschaft belehnen ließ, eine starke Ernüchterung erlebten. Das Ergebnis des weiteren Verlaufs seiner kurzen Regierungszeit ist einfach die Tatsache, daß die Republik abermals um einen Mann, in den sie große Hoffnungen gesetzt hatte, ärmer geworden ist. Doch freilich die Wurzeln dieser neuen Enttäuschung liegen tiefer als nur in den persönlichen Eigenschaften eines überschätzten Politikers. Sie sind in Wahrheit in dem Gang der Ereignisse zu suchen, die auch einen genialen Staatsmann an der Spitze der französischen Regierung zum Scheitern verurteilt hätten, sofern er nicht die Genialität der Erkenntnis besaß, die aus den Ereignissen die einfachen Schlüsse zu ziehen wagt, die sich dem gesunden Menschenverstand aufdrängen. Davon aber war Herr Painlevé so weit als irgend einer seiner Vorgänger entfernt.

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