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Frankfurter Zeitung 04.05.1915 : Die Karpatenschlacht

Österreichisch-ungarische Truppen in den Karpaten während des Ersten Weltkrieges, 1915. Bild: Picture-Alliance

Die Streitkräfte der Mittelmächte erzielen in der Schlacht von Gorlice einen entscheidenden Durchbruch. Welche Fortschritte dieser Sieg mit sich bringt, berichtet die Frankfurter Zeitung am 4. Mai 1915.

          Der Sieg von Gorlice.

          Der glänzende Erfolg, den die vereinigten deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen in Westgalizien erfochten haben, ist die Frucht einer der schönsten Operationen dieses Feldzuges. Für den weiteren Verlauf des Kampfes in den Karpaten dürfte er von einschneidender Bedeutung sein.

          Schon seit einiger Zeit wußte man in den Kreisen, die mit den Vorgängen hinter der Front besser als die breite Oeffentlichkeit vertraut zu sein ein Recht haben, daß die Armee Machensen im Raume von Neu-Sandez aufmarschiert war. Sie war dazu bestimmt, mit den in jener Gegend liegenden Teilen der Armee des Erzherzogs Josef Ferdinand zu einem entscheidenden Schlag auszuholen. Ein gewaltiger Offensivstoß, den die nördlich dieses Aufmarschraumes anschließenden Teile der österreichisch-ungarischen Armee des Generals Dankl gleichzeitig einleitete, unterstützte dann den Angriff, den die verbündeten Streitkräfte nach ihrer Bereitstellung unternahmen.

          Die wichtigste Einbruchstelle scheint die im österreichisch-ungarischen Tagesbericht erwähnte Gegend gewesen zu sein, die durch den Namen Gorlice am besten gekennzeichnet wird. Sie war mit außerordentlicher Ueberlegenheit gewählt, da sie den Eckpfeiler der russischen Stellung berührte, so daß ein Erfolg sofort auch die russischen Stellungen am Dunajec, deren Schwerpunkt bei Tanow liegt, schwer gefährden mußte. Die bisherigen Berichte lassen aus naheliegenden Gründen noch nicht erkennen, wie weit der Angriff vorgetragen worden ist. Der Angriff hat auch östlich vom Dunajec zu einer Erschütterung der bisherigen Stellungen der Russen geführt und den verbündeten Kräften die Ueberschreitung des Unterlaufs des Dunajec ermöglicht, der Monate lang die strategische Grenze der beiden feindlichen Heere gebildet hat. Wie weit hier der Angriff bisher vorgetragen werden konnte, geht aus den amtlichen Berichten noch nicht hervor. Auch östlich des unteren Dunajec bieten Höhenstellungen, vor allem die Kette, die im Wjelki ihre höchste Erhebung erreicht, einer zurückflutenden Armee Gelegenheit zur Sammlung und Neuordnung. Ob es den Russen gelingt, davon rechtzeitig Nutzen zu ziehen, ob sie vielleicht dort schon Aufnahmestellungen vorbereitet haben, das werden die Ereignisse der nächsten Tage zeigen.

          Die russische Front wies bisher an der nunmehr aufgelösten Stellung eine bogenförmige Ausbuchtung auf. Die Heeresteile, die so aufgestellt waren, mußten natürlich durch einen nachdrücklich geführten konzentrischen Angriff in eine außerordentlich schwere, verzweifelte Lage geraten. Bedingung für das Gelingen des Angriffs war dabei das restlose Aufgehen der zeitlichen Zusammenarbeit weit entfernt voneinander operierender Heeresteile. Diese Aufgabe, die natürlich in dem waldigen und gebirgigen Gelände Westgaliziens, das von den nördlichen Ausläufern der Karpatenkette durchschnitten wird, besonders schwer war, ist offensichtlich geradezu mustergültig gelöst worden. Bei der Bewertung der Leistungen unserer und der verbündeten österreichisch-ungarischen Truppen darf man nicht vergessen, daß jede Armee in diesen Gebirgsländern für die Bewegung der Kolonnen, den Marsch von Artillerieabteilungen, selbst von Infanterie in größeren Verbänden ganz ausschließlich auf die wenigen und fast ausnahmslos schlechten Straßen angewiesen ist.

          Vom russischen Heer müssen große Abteilungen, die in der Front angepackt und geworfen wurden, während der Gegner schon ringsum bereit stand, die Verfolgung scharf aufzunehmen, abgeschnitten worden sein. Unsere Truppen haben vielen dieser Abteilungen vielleicht schon jede Abmarschstraße verlegt. Nichts anderes bleibt ihnen übrig als die Wahl zwischen Vernichtung und Streckung der Waffen. Die amtlichen Berichte erklären ausdrücklich, daß die Verfolgung des schleunig weichenden Feindes scharf vorgetragen wird. Die Siegesfreude der braven Truppen wird das übrige tun, um den Rest der Arbeit zu beschleunigen. Man kann daher auf eine weitere erhebliche Steigerung der Zahl der Gefangenen, vor allem aber auch der Beute an Geschützen und Fahrzeugen rechnen.

          Seit Monaten hatten die Russen ihre Stellungen am Dunajec und an den Abhängen der Karpaten mit allen Mitteln der Befestigungskunst ausgebaut. Ihre Meisterschaft in diesen Arbeiten ist bekannt. Um so höher ist der siegreiche Durchbruch dieser Stellungen zu bewerten. Er gibt den besten Beweis für den unwiderstehlichen Drang nach vorwärts, die wilde Stoßkraft der Truppen, die auf den Schlachtfeldern von Lothringen und Flandern, von Polen und Ostpreußen gesiegt haben. Weder Engländer und Franzosen noch Russen können dem widerstehen. In der Hand ihrer großen Führer werden diese Truppen, vereint mit den verbündeten Heeren Oesterreichs und Ungarns, noch manchen Sieg erfechten.
          Walter Oertel, Kriegsberichterstatter.

          Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 09. Mai 2015.

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