http://www.faz.net/-i0t-92irm

Frankfurter Zeitung 22.02.1918 : „Der Krieg, der große Verschwender“

  • Aktualisiert am

Munitionsfabrik im ersten Weltkrieg, Foto um 1915. Dort wurden Granaten hergestellt. Bild: Picture-Alliance

Wenn der Frieden kommt, heißt es für die Deutschen erstmal: „Gürtel enger schnallen“. Gedanken über Wirtschaft und Lebensstil nach dem großen Krieg.

          Der Krieg, der große Verschwender, ist diesmal für Deutschland zugleich ein harter Erzieher zur Wirtschaftlichkeit und zum Haushalten geworden, und viel zwingender noch als in der Gegenwart wird diese seine erzieherische Deutung nachwirkend in der Zeit des Friedens sein. Erst im Frieden wird die Welt recht merken, was dieser Krieg angerichtet hat, und eine empfindliche Einschränkung des Verbrauchs wird dann umso vermeidlicher sein, je tatkräftiger man auf einen möglichst schnellen und soliden wirtschaftlichen Wiederaufbau bedacht sein wird. Indessen ist mit dieser allgemeinen Feststellung noch nicht viel gesagt; es kommt darauf an, in welcher Art sich die notwendigen Verbrauchseinschränkungen vollziehen und welche sonstigen wirtschaftlichen Entwicklungen sie begleiten werden.

          Zunächst muß in diesem Zusammenhang die elementare Unterscheidung zwischen notwendigem und überflüssigem Verbrauch im Auge behalten werden. Je mehr die allgemeinen Verhältnisse eines Landes dahin drängen, daß die Bevölkerung ihren Konsum vermindert, umso gebieterischer wird für den Staat die Pflicht, an einer Stelle einer solchen Tendenz positiv entgegenzuwirken: das, was ein Volk zur Erhaltung seiner Kraft braucht, muß ihm zur Verfügung gestellt, die Befriedigung seines notwendigen Bedarfs vor allem anderen gesichert werden. Wenn das geschieht, so wird auf der anderen Seite bei dem entbehrlichen Aufwande die Notwendigkeit von Einschränkungen umso stärker sein; die Schmerzhaftigkeit dieser Zwangslage wird aber dadurch gemildert, daß es hier eine Fülle von Genüssen gibt, deren Erschwerung keineswegs zu bedauern, sondern im Gegenteil in jeder Hinsicht erfreulich wäre. Walther Rathenau geißelt in seinem Buche „Von kommenden Dingen“ mit heftigen Worten die Geschmacklosigkeit eines großen Teiles unserer Luxusgegenstände: „Ueberflüssiges, Nichtiges, Schädliches, Verächtliches wird in unseren Magazinen gehäuft, unnützer Modetand, der wenige Tage lang falschen Glanz spenden soll, haltlose und mißverstandene Nachahmungen künstlerischer und kunstgewerblicher Vorbilder, Albernheiten, die als Scheidemünze eines erzwungenen Geschenkverkehrs umlaufen; alle diese Nichtsnutzigkeiten füllen Läden und Speicher in vierteljährlicher Erneuerung. Ist es wahr und möglich, daß Millionen frönen, um diese Dinge zu machen, zu transportieren, zu verkaufen, die Werkzeuge und Rohstoffe zu schaffen und zu sammeln, damit sie gemacht werden können, daß Millionen abermals frönen, um die Greuel erwerben zu dürfen, und Millionen sie hoffnungslos begehren und entbehren? Es gehört Kraft dazu an eine Menschheit zu glauben, die von solchen Dingen und für solche Dinge lebt. Was tut sie damit? Sie speichert sie in ihren Häusern, verzehrt sie im Uebermaß, hängt sie um ihre Leiber, steckt sie in Haare, Ohren und Taschen, läßt sie in Althandlungen, Auktionslokalen, Leihhäusern einen zweiten und dritten Kreislauf beginnen, und schafft zuletzt nach Afrika, was nicht im Abfallhaufen oder Schmelzofen sein Ende und seine Erneuerung gefunden hat.“

          Schon aus diesen Betrachtungen geht hervor, daß mit der Forderung einer Verminderung des Verbrauchs nur ein Teil dessen, was not tut, ausgedrückt ist. Es handelt sich um etwas Allgemeineres, nämlich um eine Umschichtung des Verbrauchs, die keineswegs immer mit Einschränkungen gleichbedeutend zu sein braucht. Rathenau hebt mich Recht hervor, daß die ganze Unterscheidung zwischen entbehrlichem und unentbehrlichem Konsum eine Frage der Reihenfolge ist; es ist die Reihenfolge des Bedarfs, die den Fluß der Begriffe vom notwendigen Verbrauch bis zum frivolen Luxus ordnet.

          Weitere Themen

          Wissen sie überhaupt, was sie tun?

          KI-Forschung : Wissen sie überhaupt, was sie tun?

          Was tun gegen undurchsichtige Algorithmen, die unser Leben bestimmen? Die Künstliche-Intelligenz-Forschung wäre gefragt, befindet sich aber immer noch zwischen moderner Handwerkskunst und Alchemie.

          Auftakt für Frieden besiegelt Video-Seite öffnen

          Trump und Kim : Auftakt für Frieden besiegelt

          Das erste Treffen zwischen dem amerikanischen Präsidenten Trump und dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-un. Die beiden äußerten sich optimistisch über den historischen Gipfel - und sprechen von einer guten Beziehung.

          Topmeldungen

          Stimmen zum Spiel : „Dann muss man auch die Eier haben“

          Was für ein Spiel! Deutschland siegt noch in der 95. Minute. Kroos freut sich, dass sich andere nicht freuen können. Müller kommt nach der Partie eine Erkenntnis. Und Schwedens Trainer rüffelt die Deutschen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.