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Frankfurter Zeitung 01.02.1918 : Verschärfter Belagerungszustand in Berlin

  • Aktualisiert am

Streikende Munitionsarbeiter vor dem Gewerkschaftshaus am Engelufer in Berlin. Links oben die Bekanntmachung aus dem „Vorwärts“ vom 2. Februar 1918. Bild: Picture-Alliance

Berlin scheint im Chaos zu versinken: Arbeiter sind in Streik getreten. Es kommt zu brutalen Zusammenstößen. Der Ausstand droht auf den Rest des Reichs überzugreifen.

          N Berlin, 31. Jan. (Priv.-Tel.) Das Gesamtbild des Streits hat sich seit gestern wenig verändert. Von behördlicher Seite schätzt man die Zahl der Ausständigen auf 180 000 von etwa 700 000 zur Zeit in Großberlin beschäftigten Industriearbeitern.

          Die organisatorische Leitung des Streiks ruht in den Händen derjenigen Gewerkschaften, die sich, zur unabhängigen Sozialdemokratie rechnen. Die „Vossische Zeitung“ berichtet:

          In einer Unterredung des Polizeipräsidenten mit einem führenden Mitglied der Streikorganisation wurde festgestellt, daß sich die polizeiliche Schließung des Gewerkschaftshauses nur auf die Versammlungsräume und die Restaurationen, nicht aber auf die Büros der Gewerkschaften erstreckt. Die Gewerkschaftsbeamten können deshalb ihre Tätigkeit fortsetzen. Zu der Nachricht, daß der Vorstand der sozialdemokratischen Partei jetzt die Streikleitung übernommen hat und neue Forderungen der Arbeiter ausarbeite, in denen nur die innerpolitischen Wünsche der Arbeiter zum Ausdruck kämen, teilt der Vorsitzende der Großberliner sozialdemokratischen Wahlvereine C. Ernst mit, daß diese Nachricht unzutreffend sei. Die politische Leitung lehne es nach wie vor ab, sich an die Spitze der Bewegung zu stellen. Der Parteiausschuß hat lediglich seine Sympathie für die innerpolitischen Forderungen der Ausständigen ausgesprochen.

          Während sich die Streikenden bisher im allgemeinen ruhig verhalten haben, ist es gestern und heute an einzelnen Stellen zu demonstrativen Ausschreitungen gekommen. Es wird darüber berichtet: Gestern Nachmittag hatten sich in der Jungfernheide nach und nach etwa 10 000 Ausständige versammelt, die von dort nach Siemensstadt zogen. Dort kam es zu einem Zusammenstoß mit Schutzleuten, bei dem die Ausständigen unter Anwendung von Waffen auseinandergetrieben werden mußten. Dabei wurde ein berittener Schutzmann vom Pferde gerissen, zwei andere Beamte wurden geschlagen. Schließlich wurde die Menge zerstreut, ohne daß anscheinend weitere Verletzungen vorgekommen sind. Heute in den Vormittagsstunden kam es in Moabit zu größeren Ansammlungen, die leider nicht ohne Zusammenstöße mit der Schutzmannschaft abgingen. Bei diesen Zusammenstößen ist ein Schutzmann erschossen worden, auch aus der Menge wurden einige Leute verwundet.

          N Berlin, 31. Jan. (Priv.-Tel.) Nachträglich werden über die Ausschreitungen in Moabit Einzelheiten bekannt. Die „Kreuzzeitung“ berichtet heute abend darüber, in Altmoabit hätten sich in den heutigen Vormittagsstunden nach und nach Tausende von Männern und Frauen zusammengerottet, die die Straßenbahn stürmten, die Scheiben zertrümmerten und mehrere Wagen quer über die Straßen legten. Gegen 10 Uhr entstand in einer Gastwirtschaft an der Gotzkowskybrücke eine Schlägerei zwischen Demonstranten. Einschreitendes Militär suchte die Streitenden zu trennen und in die Gastwirtschaft einzudringen. Darauf stürzte die Menge laut schreiend nach der Brücke, und die dort haltende Schutzmannskette vermochte dem Anprall der Waffen nicht standzuhalten. Im selben Augenblick fielen auch schon einzelne Schüsse gegen die Schutzleute, und zwei Beamte sanken blutüberströmt zusammen. Ein Charlottenburger Wachtmeister wurde durch einen Brustschuß getötet, ein anderer Schutzmann durch drei Kugeln in die Brust schwerverletzt. Ferner erlitt ein Polizeileutnant eine Verletzung am Oberschenkel. Hierauf gingen die Schutzleute gegen die Menge vor. Dreizehn Personen wurden durch Säbelhiebe schwer verletzt.

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