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Frankfurter Zeitung 05.01.1918 : Friedensverhandlungen mit Russland geraten ins Stocken

  • Aktualisiert am

Blick in den Sitzungssaal in Brest-Litowsk, am Kopfende (Mitte) ist Staatssekretär Richard von Kühlmann zu sehen. Bild: Picture-Alliance

Der Waffenstillstand an der Ostfront Ende 1917 lässt Hoffnung auf ein Kriegsende aufkommen. Nun aber pausieren die Friedensgespräche. Russland ist unzufrieden.

          In den Friedensverhandlungen zwischen Rußland und den Mittelmächten ist eine Stockung eingetreten. Die russischen Unterhändler sind in Brest-Litowsk nicht erschienen, haben vielmehr, wie schon früher in den Unterhandlungen selbst, vorgeschlagen, daß die Verhandlungen von Brest-Litowsk wegverlegt und an einem neutralen Orte, etwa in Stockholm, fortgesetzt werden möchten.

          Ferner ist von Petersburg mitgeteilt worden, die russische Regierung könne die Artikel 1 und 2 der deutschen Gegenvorschläge zu den russischen Vorschlägen über die Räumung der besetzten Gebiete und die Veranstaltung von Volksabstimmungen nicht annehmen. Die Nachricht, die der Reichskanzler heute im Hauptausschuß des Reichstages mitteilte, kommt der deutschen Oeffentlichkeit einigermaßen überraschend. Nach der Mitteilung der halbamtlichen Telegraphenagentur, die im Abendblatt vom 29. Dezember über die Friedensverhandlungen veröffentlicht worden ist, mußte man annehmen, daß die Verhandlungen schon sehr weit gediehen seien und auf eine Ueberwindung der noch weiteren Meinungsverschiedenheiten wohl gerechnet werden dürfte. Wir haben damals schon darauf hingewiesen, daß die beiderseitigen Standpunkte eben in der Frage der Räumung der besetzten Gebiete und der Volksabstimmung noch unvermittelt einander gegenüberständen und nur eine formale Annäherung festzustellen sei. Wären der deutschen Oeffentlichkeit alle Nachrichten über die Haltung der Regierungen in der Friedensfrage zugänglich gewesen, die in der feindlichen und neutralen Presse verbreitet worden sind, so wäre die Ueberraschung weniger groß, und man wäre bei uns nicht so unvermittelt von jener zuversichtlich klingenden halbamtlichen Verlautbarung zu der jetzigen etwas schroff und frostig klingenden amtlichen Mitteilung des Reichskanzlers gekommen. Die Verhandlungen in Brest-Litowsk sollen theoretisch nach dem Wunsche der Bolschewiki öffentlich geführt werden. Aber wenn daneben ein Zustand weiterbesteht, der den Hauptausschuß des Reichstages zu der Forderung veranlaßt, alle Nachrichten vorgelegt zu erhalten, die der deutschen Presse vorenthalten worden sind, obwohl alle Welt außerhalb Deutschlands sie kennt, so ist das ungereimt und nützt dem Reiche nicht, sondern schadet ihm, weil immer wieder im Auslande die falsche Meinung entsteht, man könne bei uns nicht wagen, dem Volke die Wahrheit zu sagen.

          Es gibt wohl in allen Verhandlungen, auch über Fragen, die erheblich geringere Bedeutung haben als diese schwerwiegenden Probleme des Friedens im Osten, Zeiten, in denen es scheint, als kämen die beiden Partner zu einer Art Stellungskrieg, als käme man über einen toten Punkt nicht hinweg. Von falschen Schwierigkeiten erfuhr früher die Öffentlichkeit meistens erst nachher, wenn sie längst überwunden waren. Aus der Eigenart dieser Verhandlungen ergibt sich, daß die Oeffentlichkeit von solchen Stockungen sofort unterrichtet wird. Es war eigentlich nicht zu erwarten, daß die Versuche, zu einem Frieden zu gelangen, die durch das Angebot der Bolschewiki eingeleitet wurden, ganz glatt in einem einzigen Anlauf gelingen würden, und eben deswegen wirkten die günstigen Mitteilungen über den bisherigen Verlauf geradezu überraschend. Aber aus demselben Grund besteht auch heute durchaus kein Anlaß die Aussichten des Friedens ungünstig und die Bemühung um ihn als gescheitert anzusehen. Wir möchten im Gegenteil meinen, daß diese Bemühungen nicht beendigt sind, daß sie fortgesetzt werden und daß sie, selbst wenn noch neue Unterbrechungen eintreten sollten – was durchaus möglich ist – doch noch zu einem günstigen Ergebnis führen werden. Wir möchten diese Ansicht begründen.

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