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Frankfurter Zeitung 25.01.1918 : Reaktionen auf Reichskanzler Hertlings Rede zur Außenpolitik

  • Aktualisiert am

Foto einer Reichstagssitzung aus dem Jahr 1916. Damals hatte das Amt des Kanzlers noch Theobald von Bethmann Hollweg inne. Bild: Picture-Alliance

Reichskanzler Hertling hält eine Rede zur Außenpolitik im Hauptausschuss des Reichstags. Nicht alle Zeitungen ziehen daraus die gleichen Schlüsse. Eine Presseschau.

          N Berlin, 25. Jan. (Priv.-Tel.) Die gestrige Rede des Reichskanzlers wird von den Blättern der Mehrheitsparteien überwiegend günstig beurteilt, wenngleich sie bei den meisten der Blätter keine volle Befriedigung hervorgerufen hat.

          Besonders hervorgehoben wird in dieser Presse der Erfolg, der darin liegt, das Graf Hertling sich überhaupt zu einer klaren und eingehenden Antwort auf die letzte Rede Wilsons und Lloyd Georges entschlossen hat und daß es der lärmenden Agitation der Alldeutschen nicht gelungen ist, den Kanzler zu einer rein negativen Haltung gegenüber diesen beiden Reden zu veranlassen. Was aber Graf Hertling über unsere Kriegsziele gegenüber den westlichen Staaten der Entente ausführte, hätten die meisten Blätter der Mehrheitsparteien gern deutlicher und präziser gewünscht. Immerhin wird allgemein ausgesprochen, daß die Erklärungen des Kanzlers speziell zur belgischen Frage für den, der verstehen will, keinen Zweifel darüber lassen, daß an eine Annexion Belgiens nicht gedacht wird und daß die belgische Frage überhaupt kein Hindernis für einen Friedensschluß zu bilden braucht.

          Etwas anders faßt die „Vossische Zeitung“ die Worte des Kanzlers über Belgien auf. Sie sieht darin eine endgültige Absage an England in dem Sinne, daß wir nicht beabsichtigen, uns mit ihm über das Schicksal der Welt zu unterhalten und Belgien als frei für diese Unterhaltung von vorneherein ihm auf der goldenen Schüssel entgegenzubringen. Ueber diese Absage an England, wie sie sie auffaßt, ist die „Vossische Zeitung“ sehr erfreut. Dagegen tadelt sie an den Darlegungen des Reichskanzlers zu den östlichen Friedensfragen, daß der Kanzler sich noch immer nicht dazu verstanden habe, sich auf die bekannte östliche Orientierung festzulegen.

          Die Haltung der alldeutschen und konservativen Presse ist nicht einheitlich. Während die „Tägliche Rundschau“ zufrieden ist, daß Graf Herling sich den Drohungen der Sozialdemokratie nicht gebeugt habe, läßt die „Deutsche Tageszeitung“ in einer vorläufigen kurzen Betrachtung schon deutlich ihre Unzufriedenheit durchblicken und andere alldeutsche Blätter halten schon heute morgen mit ihrer schärfsten Kritik an den Ausführungen des Kanzlers nicht zurück. Allen voran geht in dieser Beziehung natürlich wieder die „Deutsche Zeitung“, die die Rede des Kanzlers als eine schwache Verteidigung gegen die äußerst geschickten Angriffe der Feinde charakterisiert, als einen schwachmütigen Versuch des Besiegten, die von dem Sieger ihm auferlegten Bedingungen abzuschwächen und als eine untertänige Bitte an die Führer der feindlichen Mächte, ihre Programm doch noch einmal zu revidieren.

          Die Rede des Grafen Czernin wird erst in einem Teil der Presse im Zusammenhang mit den Ausführungen des Grafen Herling gewürdigt. Von verschiedenen Blättern wird dabei die Auffassung vertreten, daß erst die gleichzeitige Betrachtung dieser beiden Reden das rechte Licht auf die gegenwärtige Friedenspolitik der Zentralmächte werfe.

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