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Frankfurter Zeitung 16.01.1918 : Zeit für ein Frauenwahlrecht?

  • Aktualisiert am

Außenansicht des Preußischen Abgeordnetenhauses auf einem Holzstich um 1868. Hier tagte die zweite Kammer des preußischen Landtags. Bild: Picture-Alliance

Frauen sollten wählen dürfen oder gar Politik machen? „Unmöglich“, finden die Einen. „Es ist soweit“, die Anderen. Diskussionen im preußischen Abgeordnetenhaus.

          N Berlin, 15. Jan. (Priv.-Tel.) Auf der Tagesordnung steht der Antrag des Abg. Aronsohn (Fortschr. Vp.) und Genossen auf

          Zulassung von Frauen zu städtischen Verwaltungen,

          Deputationen und Stiftungsvorständen. In der Kommissionsfassung ersucht der Antrag die Regierung, einen Gesetzentwurf einzubringen, durch den die Bestimmungen der Städteordnung Preußens dahin abgeändert werden, daß Frauen zu Mitgliedern städtischer Verwaltungen, Deputationen und Stiftungsvorständen der sozialen Fürsorge und Wohlfahrtspflege mit beschließender Stimme bestellt werden.

          Abg. Gräf (K.): Wenn ein Teil meiner Freunde dem Antrag Aronsohn zustimmt, so lehnen wir doch die Folgerungen, die besonders die Sozialdemokraten daraus ziehen, daß nämlich die Frauen auch das politische Wahlrecht erhalten sollen, entschlossen ab. Die Frauen sollen sich besonders auf charitativen und sonst den Frauen gemäßen Gebieten betätigen. In Fragen, die sonst das öffentliche Leben berühren mag man die Frau mit beratender Stimme heranziehen. Namhafte Frauenrechtlerinnen haben anerkannt, daß die zunehmende Abneigung gegen die Mutterschaft als eine Folge der politischen Betätigung der Frauen zu betrachten ist.

          Abg. Dr. Kaufmann (Z.) begründet seinen Zusatzantrag zur Entschließung der Kommission, wonach die Frauen auch zu Mitgliedern von Schulkommissionen bestellt werden können. Das politische und kommunale Wahlrecht der Frauen lehnen wir ab. Mit der Entschließung der Kommission sind wir einverstanden. Eine Betätigung der Frau auf sozialem Gebiet wird von uns begrüßt. Auch auf dem Schulgebiet hat sich die Arbeit der Frau gut bewährt. Auch wir erkennen an, daß die Frauen im Kriege eine große nationale Leistung vollbracht haben, daß sie wesentlich dazu beigetragen haben, daß wir den Krieg glücklich durchgeführt haben. Aber der jetzige Zustand, wobei die Gesundheit der Frau aufs allerschwerste geschädigt wird, und der große sittliche Schäden mit sich bringt, muß nach dem Krieg sobald als möglich beseitigt werden. Die Hauptaufgabe der Frau muß es bleiben, Kinder zu tüchtigen Bürgern heranzubilden. (Beifall im Zentrum.)

          Geheimrat Conze: Der Minister des Innern ist bereit, die Städteordnung im Sinne des Beschlusses der verstärkten Gemeindekommission abzuändern, damit die Frauen in den städtischen Deputationen und Kommissionen Stimmrecht erhalten. Das soll aber nicht durch ein Sondergesetz geschehen, sondern die Angelegenheit wird in dem bald notwendig werdenden Gemeindeverfassungsgesetz geregelt werden.

          Abg. Dr. Lewin (Fortschr. Bp.): Abgeordneter Gräf verlang, daß die Frauen nicht in den politischen Kampf hineingezogen werden. Weiß er denn nicht, daß in jeder Familie seit Jahrzehnten die politischen Fragen erörtert werden, und daß die Frauen sich ebenso mit Politik beschäftigen wie die Männer? Macht es denn der Stimmzettel allein? Man sagt, durch die politische Betätigung der Frau leide das Familienleben. Maria Theresia war in enormem Maße politisch tätig, und doch hatte sie 15 Kinder. (Abg. Adolf Hoffmann: Immer langsam voran!) Wir wollen, daß die Sache in ruhiger Weise sich entwickelt.

          Den

          Frauen muß das Gemeindewahlrecht gegeben werden.

          Die Forderung auf Gewährung des Frauenwahlrechts im Staate können wir jetzt nicht in den Vordergrund rücken, weil wir die schwebenden Wahlreformen nicht durch weitere Forderungen erschweren wollen.

          Abg. Hirsch-Berlin (Soz.): Das günstige Urteil über die Leistungen der Frauen in der Kriegsfürsorge ist denen entgegenzuhalten, die keinen Fortschritt in der vorliegenden Frage wollen. In einer Zeit, in der die Frau durch die wirtschaftlichen Verhältnisse gezwungen wird einen Beruf zu ergreifen, sollte man den Frauen das Wahlrecht in Staat und Gemeinde nicht vorenthalten. Viele Gebiete des öffentlichen Lebens können die Arbeit der Frauen nicht entbehren, und es wäre sehr gut, wenn auch in dieses Haus einmal weibliche Mitglieder einziehen würden. Den Verschleppungsversuchen in der Wahlrechtsfrage werden wir energisch entgegentreten. Wir werden im Kampfe gegen das Dreiklassenwahlrecht nicht nachlassen.

          Abg. Dr. Liepmann (Natlb): Wir stehen dem Antrag Aronsohn wohlwollend gegenüber. Die Mehrzahl meiner Freunde werden für den Kommissionsantrag stimmen.

          Abg. Dr. v. Woyna (freik.): Wir stimmen dem Antrag Kaufmann zu. Wir erkennen die Tätigkeit der Frau auf allen Gebieten an, aber wenn man den Frauen das Wahlrecht in Staat und Gemeinde geben wollte, so würde man ihnen Steine statt Brot geben, denn sie haben ganz andere Interessen. Man sollte über der der Männer in Erwägung ziehen und die Frage der unehelichen Geburten. Wenn die Sozialdemokraten sich dieser Frage annehmen wollten, so würden sie unsere Mitarbeit finden.

          Abg. Ströbel (Unabh. Soz.): Die Frau muß den Mann in der Landwirtschaft, in der Fabrik, im Büro ersetzen. In Kunst und Wissenschaft hat sich die Frau als vollkommen dem Mann ebenbürdig erwiesen. Deshalb ist die Forderung berechtigt, den Frauen das aktive und passive Wahlrecht in Gemeinde und Staat zu gewähren.

          Hierauf wird die Weiterberatung auf Mittwoch 12 Uhr vertagt. Außerdem Einbringung des Etats und Gesetzentwurf betreffend Vereinfachung der Verwaltung. 

          Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 17. Januar 2018.

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