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Frankfurter Zeitung 10.11.1917 : Wohnungsnot: Wohin mit den Kriegsheimkehrern?

Foto aus einer Berliner Wohnung von 1917 - die Küche wird offensichtlich viel genutzt. Besonders kleine und mittlere Wohnungen in Ballungsgebieten werden dringend gebraucht. Bild: Picture-Alliance

Zu wenige Wohnungen in Städten und Industriegegenden – ein Problem, das bei Friedensschluss auf die Deutschen zukommen wird. Ideen gibt es reichlich.

          N Berlin, 9. Novbr. (Priv.-Tel.)

          Die Minister der öffentlichen Arbeiten und des Innern haben einen Erlaß an die Oberpräsidenten und Regierungspräsidenten gerichtet, in dem es heißt:

          Nach dem Ergebnis der statistischen Ermittlungen und den Feststellungen, die in einzelnen größeren Stadtgemeinden und Industriegegenden getroffen sind, kann die Befürchtung eines bedenklichen Mangels an mittleren, besonders aber kleinen Wohnungen bei Friedensschluß nicht mehr von der Hand gewiesen werden.

          Wenn auch die Militärbehörden zugesagt haben, bei der Gestaltung und dem Fortschreiten der Entlassungen dieser Befürchtung Rechnung zu tragen, so daß im allgemeinen mit einer Rückkehr der zur Entlassung Belangenden an ihren Wohnort wie vor der Mobilmachung gerechnet werden darf, so scheint doch unabhängig von etwaigen Verwaltungs- und gesetzgeberischen Maßnahmen als weiteres Ziel die sofortige Inangriffnahme von Vorkehrungen erforderlich, die geeignet sind, einem Wohnungsmangel und seinen nachteiligen Folgen für die aus dem Krieg Heimkehrenden nachdrücklich zu begegnen, um den Eintritt von Zuständen zu verhindern, wie sie sich nach dem Kriege von 1870/71 in einzelnen größeren Städten gezeigt haben. Die Statistik ergibt, daß der Mangel an den vornehmlich in Betracht kommenden Kleinwohnungen örtlich sehr verschieden ist, daß industrielle und nach der Bevökerungsdichtigkeit gleichgeartete Gebiete eine auffallende Verschiedenheit in dem Umfang der leerstehenden Wohnung aufweisen. Es folgt hieraus, daß neben den allgemeinen Ursachen, der geringen Bautätigkeit in den letzten Jahren vor dem Krieg und dem jetzt zur Zeit bestehenden Baustoff- und Bauarbeitermangel noch andere, in den örtlichen Verhältnissen begründete Tatsachen den Wohnungsmangel bewirken müssen. Es folgt hieraus aber weiter, daß unmittelbar auf Bekämpfung dieser Mängel abzielende Einrichtungen der Zentral- und Oberprovinzialbehörden allein untunlich sind, daß vielmehr auf eine intensive Mitarbeit der örtlichen Kommunalbehörden gerechnet werden muß, zumal da sie vermöge ihrer eingehenden Kenntnis der Verhältnisse ihrer Verwaltungsbezirke an besten zur Ergreifung der notwendigen Abwehrmaßnahmen befähigt sind und es sich auch in erster Reihe um Gemeinden handelt.

          Bestimmte Vorschriften, in welche Richtung sich diese Maßnahmen zu bewegen haben würden, lassen sich wegen der Verschiedenheit der Bedürfnisse und der zur Verfügung stehenden Unterkunftsmöglichkeiten nicht geben, nur allgemeine Richtlinien können gezogen werden. Es wird zunächst darauf ankommen, festzustellen, mit welchem Raumbedürfnis in den Gemeindebezirken nach Friedensschluss gerechnet werden muß, um die aus dem Felde Heimkehrenden, und zwar die Verheirateten wie die Ledigen, aufnehmen zu können. Zu diesem Zweck bedarf es neben der Feststellung der leerstehenden Wohnungen der Erörterung, wieviel Haushaltvorstände sich im Felde befinden, ob ihre Familien die Wohnungen aufrecht erhalten haben, wieviel Kriegsheiraten geschlossen sind, wieviel Personen gleichzeitig einen Hausstand mit eigener Wohnung gegründet haben, mit wieviel Neugründungen von Haushaltungen allenfalls nach Kriegsschluß zu rechnen ist, wieviel Ledige aus dem Krieg erwartet werden müssen, inwieweit diese Unterkunft in bestehenden Haushaltungen finden werden oder auf anderweitige Unterkunft rechnen müssen.

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