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Frankfurter Zeitung 1.12.1917 : Akute Stoff-Not: Frankfurt sucht Windeln

  • Aktualisiert am

Karl Franz Joseph, Sohn von Prinzessin Marie Auguste von Preußen, geboren 1916. Wie jedes andere Baby benötigte auch der Enkel des Kaisers ab und an eine frische Windel. Bild: Picture-Alliance

Der Krieg ist im vierten Jahr und nicht nur die Lebensmittel werden knapp. In Frankfurt fehlen Windeln für Babys und Kleinkinder. Ein erheiternder Spenden-Aufruf.

          Der Verfasser des (ungeschriebenen) Artikels zieht an seiner Zigarre und denkt nach. Zur Erörterung steht die für Frankfurt vom 2. Bis 9. Ds. Geplante Woche zur Beschaffung von Windeln. Die weiße Windel-Woche also. 

          Die Woche wehender, wärmender, wohliger, weißer Windeln. Ein rührendes, ein heikles, ein geradezu kindliches Thema. Der Junggeselle fühlt sich unzuständig ist jeder Erinnerung und Sachkenntnis bar. Wie ist es zu behandeln?

          Am besten so:

          In den Frankfurter Krankenhäusern, Mutterschutzheimen, Entbindungsanstalten, in Bürgerwohnungen und Mansardenzimmern fehlt es an Windeln für die Neugeborenen und für die noch zu erwartende Brut. Frauen Frankfurts! Ihr hattet immer ein gutes Herz! Oeffnet eure Schränke und spendet geeignetes Leinenzeug! Irgendwo hat jede noch ein entbehrliches Stück. Gebt es her! Ihr seid den Kindern, den Müttern, dem Vaterlande die Windelspende schuldig! Wenn alle helfen, wird es gelingen, die Not zu beseitigen. Auch in dieser Angelegenheit soll uns der Krieg stark und einig finden!

          Der Verfasser zieht an seiner Zigarre und denkt neuerdings nach. Es ließe sich folgendes vom Standpunkt der Volkswirtschaft sagen:

          Deutschland hat vor dem Kriege einen jährlichen Zuwachs von 800 000 Menschen gehabt. Im Kriege sinkt die Geburtenzahl erheblich. Gelingt es aber, die Kindersterblichkeit weiter zu verringern, so braucht uns um Deutschland nicht bange zu sein. Die Wissenschaft tut das ihre, die Kinder zu betreuen, aber Windeln kann sie nicht schaffen. Das ist unsere Sache. Wohlan denn! Es gilt, ein lebenskräftiges, gesundes Geschlecht voranzuziehen. Die Kinder sind Deutschlands Zukunft und Stärke. Ein Volk friedlicher Arbeit soll uns aus ihnen erblühen, die heute im rasenden Kriege ihr Leben anschlafen. Die meisten Väter der Säuglinge, die jetzt kreischen und nächstens kreischen werden, stehen im Felde – bedarf es eines Wortes, um den Daheimgebliebenen deutlich zu machen, daß es ihre Pflicht ist, sich der Kinder unserer Krieger anzunehmen? Wir wollen helfen, daß sie gedeihen! Spendet die Windeln!

          Der Verfasser pafft wieder. Wie wäre es, wenn ein Vertreter der Säuglinge das Wort ergriffe? Er könnte etwa unterbreiten:

          Wir neuorientierten Säuglinge, Ihr wißt es, sind nackte Tatsachen. Wir waren nie auf Rosen gebettet. Man kennt unsere Situation. Wir haben Gewohnheiten… Nebenprodukte, physische Entladungen…, peinliche Erdenreste…eine Ausdruckskunst…, Expressionismus! Wohin damit? Man weiß, was es heißt, schief gewickelt zu sein – schlimm genug – aber gar nicht gewickelt? Wir sehnen uns nach Umgruppierung. Wir bedürfen einer Unterlage für unser Dasein, eines garantierten Existenzminimums stofflicher Art, wir verlangen einen Windel-Ersatz, denn wir haben ein natürliches Recht uns auszutoben und wollen nicht, kaum auf dem Globus eingetroffen, schon zum Durchhalten verpflichtet sein. Sonst gehen wir wieder. Man hat uns ohnedies nicht gefragt, ob es uns erwünscht sei, auf dieser Erde mitzumachen. Sammelt ihr nicht „im reinlich geglätteten Schrein, die schimmernde Wolle, den schneeigten Lein?“ Heraus damit!

          Also der Säugling mit dem haubenumrahmten Großmuttergesicht, drin die Augen klar und starr funkeln, mit den erhobenen runzeligen Fäusten, dieses winzige Glücks- Hoffnungs- und Sorgenbündel.

          Ob der Sprecher standesamtlich gestempelten Verhältnissen entsproßte, oder ob er „im munteren Diebstahl der Natur gezeugt“ war, ist aus der Rede nicht zu entnehmen. Ist auch gleichgültig. Kinder sind Kinder. Alle haben den gleichen Anspruch, auch die geborenen Außenseiter des Lebens, die dennoch am Rennen teilnehmen wollen. Allen muß geholfen werden!

          Es erhebt sich die Frage: Wie?

          Man nehme ein Bettuch, die Unterspreitung langer Jahre, das Linnen traumseliger und sorgenschwerer Erinnerung und überreich es der sammelnden Frau. Für die Umsorgung zur Hülle neuen Lebens wird gesorgt. Behaglich schmiege es sich in veränderter Gestalt um das rosige Bein, die zarte Lende, das apfelrunde Gefäß des kleinen Frankfurters. Oder: Man nehme ein der Vernichtung wertes Tischtuch, den Träger so manch leckerer Mahlzeit und zerschneide es. Es gestalte sich zu 6 Windeln und gehe rühmlichen Aufgaben entgegen. Hochgeschätzt ist auch die einst so unentbehrliche, jetzt so lächerlich überflüssig gewordene Serviette, neuerlich Mundtuch genannt. Sicher: es ist ein Opfer, sich von ihr zu trennen, denn sie, ist umklungen von der Melodie holder Vergangenheit. Wie schilderte sie etwa ein gemäßigt Moderner:

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