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Frankfurter Zeitung 27.12.1917 : Minus 30 Grad: Ein Weihnachtsbericht von der Front

  • -Aktualisiert am

Zwei britische Soldaten fällen 1914 an der Front einen kleinen Weihnachtsbaum. Für die Soldaten im Krieg war Weihnachten vor allem ein Fest des Verzichts. Bild: Picture-Alliance

Weihnachten an der Front, kein besonders heimeliges Fest. Kriegsberichterstatter Adolf Köster schreibt über diese frustrierenden Tage aus den Bergen Italiens.

          Zwischen Brenta und Piave, 20 Dezember.

          Das war das letzte, was vor einem Jahre in den rumänischen Karpathen unsere deutschen Gebirgsregimenter von der Zukunft erwarteten, daß sie das vierte blutige Weihnachtsfest dieses Krieges hier tief in den venetianischen Bergen erleben würden. 365 Tage, von denen die meisten hart und viele verlustreich waren, liegen hinter ihnen.

          Wieder schleppen die Tragtiere auf schmalen Saumpfaden die wenigen Weihnachtsgaben, die den Weg rechtzeitig nach hier unten fanden, in die frisch ausgehobenen Stellungen nach oben. Die Szene hat gewechselt. Sternkuppe und Pyramidenkuppe – Tomba, Spinuccia und Fontana Secca – neue Namen sind an die Stelle der unaussprechlichen rumänischen des Vorjahres getreten. Aber die Berge sind höher geworden und das Thermometer steht tiefer. Für diejenigen, die in vorderster Stellung auf den verschneiten Landrücken des Grappa-Massivs liegen, stehen harte Weihnachtstage bevor.

          Weihnachten in Italien. Der Vormarsch ist zu Ende. Es ist kein Feldzug mehr, sondern der ideenlose Krieg der Feuerüberfalle, der Vergasung, der unaufhörlichen Stöße und Gegenstöße – der blutigen Langeweile, die doch stündlich mit Ueberraschungen rechnen muß. Zu dieser aufreibenden Intensität hat die französische Leitung mit ihren westlichen Methoden den Stellungskrieg zwischen Brenta und Piave gesteigert, der vor vier Wochen noch ein fast harmloses Spiel war. Da ist der Kessel von Quero und das Tal von Schievenin und die vielen Wege auf denen unsere Truppen und Kolonnen in blanker Sicht des Feindes anmarschieren. Zum letzten Male kriegen wir in den Trümmern des verlassenen Quero umher. Ringsum entsteht ein Meer von Trichtern. Die Dörfer leeren sich und sinken zusammen. In diesen Tälern wird auch am Weihnachtsabend keine Ruhe und keine Freude sein, sondern neben den wandernden Munitions-Kolonnen werden Granaten einschlagen und in den frisch gebauten Unterständen wird man prüfend nach der Decke sehen. Da ist der Monte Santo. 1500 Meter hoch in verschneiten italienischen Schützenlöchern liegend sehen wir zum letzten Male die zackigen Spitzen, die schmalen Grate, die weißen Kuppen dieser Gebirgsheftung, die ihrem Lande großmütig zur Hilfe kam, als seine Kinder versagten. Kein Licht, nicht das kleinste wärmende Feuer wird am Weihnachtsabend von diesen Höhen leuchten, auf denen sich Maschinengewehre in 30 Meter Entfernung lauernd gegenüber liegen. Und da ist endlich das Tal des Stizzone. Immer enger werdend kriecht es unter der mächtigen Gruppe der Fontana Secca aufwärts. Ueber unseren Köpfen ragt der weiße Grat in den dunklen Abendhimmel. Verirrte italienische Schrapnells spritzen rot über den Abhang herüber. Auf den Zickzackwegen ducken sich die Tragtierführer. Ein verwunderter Jäger seigt mühsam ins Tal, Ihm ist das linke Auge ausgeschossen. Aber er spricht von Heimkehr und baldigem Weihnachtsfest.

          Es brennen nicht viele Kerzen an diesem Abend zwischen Brenta und Piave. Und in den Häusern der Besiegten, von denen Tausende ihre Dörfer verlassen mußten, herrscht Verzweiflung statt Freude. Aber wie in allen anderen Ländern und an allen anderen Fronten gibt das Licht aus dem russischen Osten auch hier den eigentlich hellsten Weihnachtsschein.

          Dr. Adolf Köster, Kriegsberichterstatter

          Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 1. Januar 2018.

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