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Frankfurter Zeitung 26.11.1917 : Gesundheitszeugnis vor jeder Ehe

  • Aktualisiert am

Ein junger US-Amerikaner bei der Musterung für die Armee. Eine deutsche Medizinzeitschrift empfiehlt, dass auch Verlobte sich vor dem „Ja“-Wort einer Untersuchung unterziehen sollten. Bild: Picture-Alliance

Wer heiraten will, sollte sich Informationen über den Gesundheitszustand seines Partners einholen. Das empfiehlt die „Deutsche Medizinische Wochenzeitschrift“.

          Nach einem Aufsatz der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift“ von J. Schwalbe hat die Berliner Gesellschaft für Rassenhygiene im Verein mit achtzehn sozialhygienischen und sozialpolitischen Gesellschaften dem Ministerium eine Eingabe unterbreitet, die den Austausch von Gesundheitszeugnissen vor der Eheschließung dringend befürwortet. Dabei ist ein Merkblatt ausgearbeitet worden, das von dem Standesbeamten jedem Brautpaar bei der Anmeldung seines Aufgebots in zwei Exemplaren ausgehändigt werden soll.

          Es lautet:

          „Sie stehen im Begriffe in nächster Zeit zu heiraten; es ist daher für Sie von größter Wichtigkeit, folgendes zu beachten: Gesundheit der Ehegatten ist für das Glück der Ehe wichtiger als Geld und Gut. Krankheit eines Ehegatten schädigt seine eigene Arbeitskraft, vermindert seine Erwerbsfähigkeit, zwingt den anderen Gatten zu vermehrter Arbeit drückt auf die Lebensfreude, bringt Sorge und Kummer ins Haus. Krankheit eines Ehegatten kann auch die Gesundheit des anderen Gatten schädigen. Das gilt besonders für alle ansteckenden Krankheiten, z. B. Lungentuberkulose (Schwindsucht), Geschlechtskrankheiten usw. Krankheit eines Ehegatten kann sich auch auf die Kinder vererben, z. B. Geisteskrankheiten. Krankheiten der Eltern schädigen, auch wenn sie sich nicht vererben, sehr oft ihre Nachkommen, sodaß diese entweder schon schwächlich oder krank geboren werden oder später leichter als andere Kinder erkranken. Zu solchen Krankheiten gehören sehr viele Leiden, insbesondere Nervenleiden, Tuberkulose, Syphilis usw.

          Wer eine Ehe eingeht, ohne sich zu vergewissern, ob er gesund ist, übernimmt eine schwere Verantwortung gegen seinem Ehegenossen und gegen seine Nachkommen. Ob jemand an einer Krankheit leidet, die für ihn, seinen Ehegatten und seine Nachkommen nachteilig sein kann, vermag nur ein Arzt durch gründliche Untersuchung festzustellen. Der ärztlich Ungeschulte kann in diesen sehr schwierigen Fragen nicht urteilen, nicht im günstigen, aber auch nicht im ungünstigen Sinne. Wer nicht ärztlich fachverständig ist, kann bei sich eine Krankheit übersehen und kann anderseits eine Krankheit annehmen, die nicht besteht. Auch kann er fälschlich glauben, daß er mit einem erblichen Gebrechen behaftet sei. So meinen auch manche Leute irrtümlicherweise, daß die im Kriege erworbenen Verstümmelungen für die Gesundheit der Nachkommen nachteilig seien, was tatsächlich nicht der Fall ist.

          Jedermann hat deshalb die sittliche Pflicht, bevor er sich zu einer Ehe entschließt, das Urteil eines gewissenhaften Arztes über seinen Gesundheitszustand einzuholen. Wird eine Krankheit nachgewiesen, so ist der Arzt zu befragen, ob dadurch eine Ehe beeinträchtigt werden kann. Ist das der Fall, so verlangt es die Ehrenhaftigkeit, daß man seinem (seiner) Verlobten davon Mitteilung macht und daß man sich selbst ernsthaft prüft, ob man unter diesen Umständen eine Ehe eingehen darf.

          Wer eine Ehe schließt, ohne von seiner Krankheit seinem (seiner) Verlobten Kenntnis zu geben, begeht ein Verbrechen an seiner Familie. Unter Umständen kann eine solche Ehe nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch für nichtig erklärt und aufgelöst werden. Sieht der Arzt in einer festgestellten Krankheit oder Krankheitsanlage kein Bedenken gegen einen Eheschluß, so kann doch die ärztliche Untersuchung dadurch einen großen Nutzen haben daß rechtzeitig zweckmäßige ärztliche Vorschriften erteilt und durch deren Befolgung eine Heilung oder Besserung erreicht wird, daß die Uebertragung der Krankheit auf den Ehegatten verhindert, eine Schädigung der Nachkommen oder die Unfruchtbarkeit der Ehe verhütet wird. Jeder, der eine Ehe eingeht, sollte sich auch über die Gesundheit seines (seiner) Verlobten Aufschluß erteilen lassen; das braucht nicht als Mißtrauen gedeutet zu werden, sondern ist nur eine notwendige Vorsichtsmaßregel, die großes Unglück verhüten kann. Wer diese Mahnungen gewissenhaft befolgt, hat ein Anrecht auf das Glück einer in Gesundheit blühenden Familie“.

          Solange dieser „Rat für Eheschließende“ nicht in einen Zwangsparagraphen umgewandelt wird, bleibt nichts dagegen einzuwenden.

          Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 30. November 2017.

          Quelle: angr.

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